200 Jahre-Feier: Bratwurst-Sehnsucht in Graubünden
publiziert: Montag, 21. Jul 2003 / 14:38 Uhr

Chur - In Graubünden sind die offiziellen Projekte zu den 200 Jahre-Feiern in die Kritik geraten. Sie seien zu elitär, heisst es.

Weite Teile der Bevölkerung fühlen sich ausgeschlossen. Der Ruf nach einem richtigen Volksfest mit Bratwürsten wird immer lauter.

SP-Regierungsrat Claudio Lardi gab den behördlichen Tarif in Sachen Wurst und Feiern im Mediationskanton Graubünden schon vor zwei Jahren bekannt.

Man wolle kein Bratwurstfest im Jubiläumsjahr, liess er verlauten.

Breites Publikum

Auch der Fernsehjournalist Mariano Tschuor, dem die Regierung die Projektleitung für die offiziellen Feierlichkeiten übertragen hatte, stellte klar, dass er den Job nur übernehme, wenn er "zielgerichtete, inhaltlich definierte Konzepte für ein zu bestimmendes Publikum" erarbeiten könne.

Tschuor, auch "Mister Grischun" genannt, kreierte fünf Projekte unter dem Titel "Graubünden 2003 Chaus e muntognas. Köpfe und Berge. Teste e montagne".

Er habe kein traditionelles Volksfest organisieren wollen, sondern etwas, das sich davon abhebe, betont Tschuor, der im Jubiläumsjahr mit der Autonummer "GR 2003" umherfahren darf.

Kritik seit dem Staatsakt

Der Auftakt Ende April mit dem Projekt "Piazza Grande" in der Bündner Arena in Cazis, wo normalerweise Vieh gehandelt wird, ging reibungslos über die Bühne.

Unmut aber machte sich nach dem Staatsakt im Mai in Chur breit, bei dem das Volk zuschaute, wie sich die Geladenen selber zelebrierten.

Seither werden die Feiern in Leserbriefen, Gastkommentaren oder Kolumnen kritisiert. "Der Kanton feiert, und keiner darf hingehen", schrieb ein FDP-Politiker in einem Lokalblatt.

Die eigene Bratwurst sei besser als das Zürcher Geschnetzelte, meinte der Vizepräsident des Bündner Verwaltungsgerichts.

Er spielte damit auf die geplante Veranstaltung Anfang September im Zürcher Hauptbahnhof an, wo sich Graubünden in seiner Vielfalt zeigen und feiern will.

Ob dann ein Volksfest mit grosser Bündner Beteiligung stattfinden wird, ist fraglich. Laut Projektleiter Mariano Tschuor ist die Platzzahl auf 2400 beschränkt.

Abstimmung vor 13 Jahren

"Mister Grischun" hat die Kritik an den offiziellen Projekten zwar zur Kenntnis genommen, hält sie für etwas "populistisch", sein Konzept aber nach wie vor für richtig. An Inhalt und Organisation sei nie Kritik laut geworden.

Und an Argumenten, weshalb kein Volksfest auf die Beine gestellt worden sei, mangelt es Tschuor nicht.

Unter anderem verweist er auf eine Volksabstimmung aus dem Jahre 1990 im Zusammenhang mit den 700 Jahre-Feiern der Eidgenossenschaft.

Vor 13 Jahren sei ein von der Regierung und Parlament geplantes "Bündner Fest" mit Begründungen wie "Wir wollen kein Volksfest" und "Wir wollen kein Bratwurstfest" in einer Referendumsabstimmung gebodigt worden.

Damals seien kulturpolitische Grundsätze besprochen worden, die heute noch Gültigkeit hätten, sagt Tschuor.

Zur "Kultwurst" mutiert

Die Kritiker kümmern solche Aussagen nicht. Die Bratwurst ist in Graubünden inzwischen zu einer Art "Kultwurst" mutiert, zum Protestsymbol geworden.

In diesen Stand hob sie der frühere und langjährige Churer Stadtschreiber Dieter Heller, ein gebürtiger St. Galler.

In St. Gallen, belehrte Heller in einem Zeitungsbeitrag, gehörten Volk und Wurst zu jedem Fest. Deshalb seien die Feiern dort auch fröhlicher als in Graubünden.

Die allgemeine Lust auf Bratwurst haben sich unterdessen SVP-Kreise zu Nutze gemacht. Ende August soll in Cazis ein alternatives Bündner Fest steigen.

Der Initiant, der frühere Standespräsident und Grossrat Gieri Luzi, hat öffentlich versprochen: Es wird Bratwürste geben!

(Ruedi Lämmler/sda)

 
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