2006 eine «Null-Risiko-WM»
publiziert: Freitag, 7. Jul 2006 / 14:20 Uhr

Die Endrunde in Deutschland geht als «Null-Risiko-WM» in die Geschichte ein. Spektakel, Innovation und Spielwitz werden vermisst. Dennoch: Punkto Taktik, Team-Organisation und Abwehrverhalten setzt die WM 2006 neue Massstäbe.

Italien-Teamchef Marcello Lippi coachte seine Mannschaft meisterlich ins Final.
Italien-Teamchef Marcello Lippi coachte seine Mannschaft meisterlich ins Final.
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Insgesamt 171 Tore wurden vor acht Jahren in Frankreich in allen 64 Partien erzielt (Schnitt: 2,67), vier Jahre später in Japan und Südkorea waren es noch 161 (2,51) und jetzt in Deutschland fielen - bei zwei noch ausstehenden Partien - erneut 20 Treffer (2,27) weniger.

Nur bei der WM-Endrunde 1990 in Italien wurde mit 2,21 ein schlechterer Durchschnitt erreicht. Sollten das Spiel um Platz 3 zwischen Deutschland und Portugal und der Final zwischen Italien und Frankreich torlos ausgehen, würde der Negativrekord unterboten (2,20). Nur ein einziger Treffer würde den Wert jedoch auf 2,22 anheben.

Platinis Sehnsucht

Spektakuläre, dramatische, richtige «Knallerspiele» mit vielen Wechseln bei den Spielständen gab es keine, was zahlreiche Kritiker auf den Plan rief. Argentiniens Trainerlegende Cesar Luis Menotti prägte den Ausdruck «Null-Risiko-WM» und Michel Platini befiel die Sehnsucht nach «grossen Stars». Beide haben Recht, dennoch kann man nicht von einem schwachen Turnier auf tiefem Niveau sprechen.

Die bisher 62 Spiele boten im Gegenteil hervorragenden Anschauungs-Unterricht in Sachen taktischer Raffinesse, beinahe perfektem Abwehrverhalten und glänzender Teamorganisation. Das mag bei den TV-Zuschauern nicht immer Begeisterung auslösen, in den Stadien aber, wo solche Details besser beobachtet werden können, herrschte regelmässig Hochstimmung. Und für die Trainer stellte diese WM-Endrunde die perfekte Weiterbildung dar.

Lippis Glanzleistung

Wie Italien-Teamchef Marcello Lippi seine Mannschaft gegen Gastgeber Deutschland zum späten Sieg coachte, war eine Meisterleistung: Zu Beginn Dauerdruck auf das gegnerische Tor, dann den Gegner anrennen lassen und gleichzeitig eigene Energie sparen, um in der Verlängerung mit allen Kräften und offensiven Möglichkeiten die Entscheidung anzustreben. Keine Spur von «Null-Risiko».

Diese Devise stand dagegen bei Frankreich-Coach Raymond Domenech hoch im Kurs: Die französische Nationalmannschaft spielte sich mit einer nahezu perfekten Abwehrarbeit, die schon weit vorne im Mittelfeld begann, in den Final. Faszinierend anzuschauen, wie abgestimmt sich die verschiedenen Mannschafts-Reihen im Spiel verschoben und dem Gegner kaum Raum für Vorstösse liessen.

Italiens Verzicht

Natürlich sähe man bei einer WM am liebsten nur Mannschaften, die mit drei Stürmern wie die Südkoreaner oder Holländer angreifen. Doch wo sind diese Teams geblieben in Deutschland? Italien und Frankreich stehen im Final, die oft nur mit einer Sturmspitze - so, wie die meisten Teams (auch die Schweiz) - spielten. Die Italiener verteilten das Toreschiessen auf zehn verschiedene Schützen, sie verfügen über das grösste Offensiv-Potenzial und agierten dennoch nur mit einem nominellen Stürmer.

Wie Otto Rehhagel vor zwei Jahren mit Europameister Griechenland setzten auch die WM-Coaches ab der K.o.-Runde auf die goldene Regel: «Die Offensive gewinnt Spiele, die Verteidigung den Titel.» An der WM wurde dieser Erfolgs-Devise allerdings wesentlich variabler nachgelebt, als es der überraschende Europameister vor zwei Jahren tat. Italien zeigte gegen Deutschland erfolgreich auf, wie man im gleichen Spiel von einem auf vier Angreifer umstellen kann.

Ausgeruhte Favoriten

Die Mannschaften in ihrer Gesamtheit sind in Deutschland die Stars. Nach den Achtelfinals verblieben - mit Ausnahme von Portugal und der Ukraine - nur noch frühere Weltmeister im Turnier. Die von der FIFA verordnete Pause nach den Meisterschaften und die lange Vorbereitungsphase hatten dafür gesorgt, dass die meisten Favoriten (Argentinien und Brasilien als Ausnahme) ausgeruht und mit vollen Batterien ans Turnier reisten.

Die Tatsache, dass keine Favoriten schon in den Gruppenspielen ausgeschieden waren, verhinderte das Spektakel in den Finalrunden. Die Teams neutralisierten sich, weil sie sich alle praktisch ebenbürtig waren. Mit ein paar Aussenseitern im Tableau, wären attraktivere Schlagabtausche und vielleicht auch Sensationen - wie noch vor vier Jahren in Asien - möglich gewesen. Gastgeber Deutschland kann als Beispiel gelten: Die Deutschen waren als Aussenseiter erfolgreich, weil sie sich euphorisch und enthusiastisch zu Sonderleistungen pushten und damit ihre Gegner überraschten.

Der Verzicht auf die bedingungslose Offensive und das Streben nach der Perfektion im Abwehrverhalten führte allerdings dazu, dass sich die sogenannten Spielmacher und Top-Angreifer schwer taten. Die Renaissance von Zinedine Zidane bei seiner Abschieds-Tournee und Miroslav Kloses Topleistung bilden die löbliche Ausnahme. Ronaldo, Ronaldinho, Lionel Messi, Pauleta, David Beckham, Wayne Rooney oder Thierry Henry blieben sehr vieles schuldig.

Brillanter Cannavaro

Stattdessen avancierten Abwehrspieler zu den Topstars des Turniers: Fabio Cannavaro spielt eine schlichtweg brilliante Endrunde, seine Teamkollegen Fabio Grosso und Gianluca Zambrotta, der Mexikaner Rafael Marquez, Brasiliens Lucio, die Franzosen Willy Sagnol, Eric Abidal und Patrick Vieira oder auch der Schweizer Patrick Müller lieferten ebenfalls in praktisch jedem Spiel Top-Leistungen ab.

(von René Baumann/Si)

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