2014: Aussitzen ersetzt Verantwortung
publiziert: Mittwoch, 24. Dez 2014 / 10:42 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 24. Dez 2014 / 10:59 Uhr
Unerlässliche Requisiten für alle, die offizielle Positionen bekleiden: Stühle zum Aussitzen von allen Problemen.
Unerlässliche Requisiten für alle, die offizielle Positionen bekleiden: Stühle zum Aussitzen von allen Problemen.

Irgendwann hat es sich eingeschlichen. Dieses: «Tut mir leid, aber es war nicht mein Fehler.» Zwar folgten auf Verfehlungen sofort die Entschuldigungen, aber, aber nie ein verantwortliches «Asche auf mein Haupt.» Denn wenn auch nur zwei verantwortlich sind, ist keiner mehr schuld.

Ziemlich erschüttert stelle ich fest: Belohnt werden nie diejenigen, die Verantwortung übernehmen und sich noch im Spiegel betrachten mögen, sondern diejenigen, die einfach aussitzen. Mein Tipp an alle Beamten, Politiker, Stars, Experten, die Fehler begehen: Nur immer soviel zugeben wie nötig. Schweigen Sie wie ein Grab. Lassen Sie sich nicht provozieren. Lassen Sie die Medienmeute über einander herfallen. Aber ganz klar: Klappe halten, die Krise aussitzen und die Lohnerhöhung wie gewohnt Ende des Jahres einstreichen. Sie verlieren Kollegen, Freundinnen, können Ihren Job nicht wirklich mehr machen? Egal. Sitzen Sie es aus. Irgendwann sind alle müde, sie werden wieder eingeladen und da an Skandalen immer Mehrere beteiligte sind, gibt es ja nicht einfach richtig oder falsch oder gar schuldig oder unschuldig. Sie versagen völlig in Ihrem Job? Falsche Prognosen, schlechte Jahres- oder Budgetplanung, ein Chaos in Ihrem Departement oder in der Chefredaktion? Sitzen Sie es aus. Sie werden mit Bestimmtheit weiterbefördert (allfällige Ähnlichkeiten mit existierenden Personen durchaus beabsichtigt). Behalten Sie Ihren Job, egal wie peinlich dies allen ist. Einmal gewählt, befördert, ernannt kriegt Sie niemand weg (ausser Sie haben einen Chef, der noch besser aussitzen kann als Sie). Sie kriegen die schlechtesten Quoten, wirklich bedenkenswürdige, aber vernichtende Kritiken, wissen auch selber am besten, dass es tatsächlich Menschen gibt, die das Meiste tausendmal besser können als Sie? Kein Problem. Bleiben Sie. In Ihrem Job. In Ihrer Ehe (die Frauen verstehen früher oder später eh alles und wenn nicht, gibt es ja immer noch eine Psychotherapie, die Sie sicher gerne übernehmen oder halt, wahrscheinlich sogar Ihr Arbeitgeber bezahlt...). Bleiben Sie. Verhindern Sie an allen Ecken und Enden das Hochkommen anständiger, verantwortungsbewusster, freier und intelligenter Menschen. Sie werden im Diesseits grosszügig belohnt. Da es das Jenseits nicht gibt, müssen Sie sich auch keine Sorgen um irgendwelche Schuldfähigkeit machen. Die Witwe eines NS-Richters erhielt schliesslich bis zu ihrem Tod ihre «wohlverdiente» Staatsrente. Aussitzen. Dann werden Sie auch nie zur Verantwortung gezogen. Sie sind aber dann auch keine Person mehr, sondern ein Niemand und reihen sich somit in dessen kollektive Herrschaft blendend ein.

«Wo immer die Gesellschaft sich voll entfaltet und den Sieg über alle anderen, nicht-gesellschaftlichen Elemente davonträgt, zeitigt sie notwendigerweise, wenn auch in verschiedenen Formen, eine »kommunistische Fiktion«, deren Merkmal ist, dass in ihr wirklich mit »unsichtbarer Hand« regiert wird, dass ihr Herrscher ein Niemand ist. Dann tritt das blosse Verwalten in der Tat an die Stelle von Staat und Regierung, was Marx ganz richtig als ein »Absterben des Staates« vorausgesagt hat, wiewohl er sich irrte, wenn er meinte, dass nur eine Revolution dieser Entwicklung zum Siege verhelfen könnte, und sich verhängnisvoller irrte, wenn er glaubte, dass eine vollständiger Sieg der Gesellschaft schliesslich in das »Reich der Freiheit« führen würde.» (Hannah Arendt, Vita activa oder vom tätigen Leben, Piper München, 2006, S. 56-57) Wie wir sehen: Das Gegenteil ist der Fall.

Aussitzen war das Motto von 2014. Jeder Skandal, der Unaussprechliches an die Öffentlichkeit brachte, wurde mit dem Begriff auch schon entsorgt. Überwachung mutierte zur «Affäre», wirtschaftlich motivierte Strassenschlachten zu «Krawallen», Grossmachtspolitik wurde «Sanktionen», Nachdenken über den Ersten Weltkrieg zur Kostümshow «anno 1914», die Kapitalisierung von Eierstöcken zu «Social Freezing», klare, ständige, unveränderliche Diskriminierung eines Geschlechts ist «Aufschrei» oder «Empörung» (und kriegt noch Prügel, wenn die Kritik nicht «lustig», «locker», «flockig» rüberkommt), Leihmutterschaft mutiert zum «Feminismus für junge Frauen», alte Böcke mit «Frischfleisch» sind nette «Sugardaddies», begründete, kluge und differenzierte Kritik wird «personalisiert», «etikettiert», «polarisiert» und damit entsorgt. Rohstoffe, Kredite, Waren werden locker mit Menschenleben bezahlt, das nennt man dann «Freihandelspolitik».

«Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern.» (Marx in seinen Feuerbachthesen). 2015 wird das Jahr die Welt zunächst verschieden zu interpretieren, um sie verändern zu können. Da bin ich optimistisch, denn schliesslich gab es mit mir am Montag in München immerhin schon 12´000 Menschen, die «Freude» riefen, bunt statt braun waren und alle gemeinsam (naja, die Religionsvertreter blieben ein Ärgernis, doch wer es mag...dem will ich nicht zürnen) gegen die «Idiotisierung des Abendlandes» tanzten. Also: 2014 war bald schon gestern, 2015 werden die Aussitzer endlich verwandelt. Ganz ehrlich. Denn bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt.

(Regula Stämpfli/news.ch)

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