
Rechtzeitig zum chinesischen Neujahr, dem Frühlingsfest, veröffentlichte die Pekinger Umweltbehörde am 21. Januar zum ersten Mal - und früher als ursprünglich versprochen - die Luftwerte nach der verfeinerten Messmethode. Anstatt nur den bis anhin üblichen PM-10-Wert - Feinstaub von weniger als 10 Mikrometern - zu messen, wird jetzt auch der PM-2,5-Wert - weniger als 2,5 Mikrometer - erhoben.
Nicht dass die Umweltverantwortlichen der chinesischen Hauptstadt je Daten gefälscht hätten. Igitt!! Weit davon entfernt. Mit der PM-10-Messmethode bekam man ganz einfach ansprechende Werte. So wundert es nicht, dass das als «saubere olympische Spiele» deklarierte internationale Grossereignis 2008 in Peking denn auch tatsächlich «sauber» war. Die Pekinger allerdings trauten der Sache nicht so recht. Und in der Tat, als die amerikanische Botschaft auf ihrer Website begann, stündlich aufdatierte PM-2,5-Werte zu veröffentlichen, wurde das tatsächliche Ausmass der immer schlechter werdenden Luft offensichtlich. Im vergangenen Dezember, als wegen des dichten Smogs Autobahnen geschlossen und Flüge auf dem internationalen Flughafen Peking annulliert werden mussten, wies die Website des Pekinger Umweltbeobachtungs-Zentrums eine «leichte Verschmutzung» aus, während die amerikanische Botschaft das Urteil «äusserst gefährlich» und «grösstes Risiko» fällte.
Ein Sturm der Entrüstung fegte durch die Spalten der chinesischen Blogger-Szene. Zehntausende aufgebrachte Pekinger schrieben sich ihren Zorn und Ärger über die sinkende Luftqualität auf Weibo - dem Pendant des in China verbotenen Twitter - von der Seele. Der Druck der Öffentlichkeit wirkte. Die Umweltbehörde veröffentlichte zunächst PM-2,5-Daten von einer Station und wird in wenigen Wochen fünf weitere Stationen hinzufügen. Bis Ende Jahr, so das Versprechen, werden alle 27 Pekinger Messstationen mit den entsprechenden Apparaturen ausgerüstet sein. Erst dann wird die wirkliche Ausmass der Luftverschmutzung offenbar. Auch die Messungen der Amerikaner nämlich vermitteln nur einen Teilausschnitt, denn eine einzige Messstation auf dem Gelände der US-Botschaft im Chaoyang-Distrikt ergibt nur ein punktuelles Bild.
So weit, so gut. Auch am 22, Januar wiesen die Werte nur «leicht Umweltverschmutzung» auf. Immerhin wird bei einem Messwert von über 100 den Alten,Kindern und Menschen mit Herzproblemen empfohlen, zu Hause zu bleiben, und das selbst bei strahlendem Sonnenschein. Am Abend stieg dann der Wert bereits auf satte 243, d.h. «sehr ungesund».
Der 22. Januar war der letzte Tag im Hasen-Jahr. Bereits kündigte sich das Jahr des Drachen an. Die nationale Umweltbehörde rief die Bevölkerung auf, beim Feuerwerk Mass zu halten. Jedes Jahr nämlich kommt es zum Teil zu gravierenden Unfällen. Doch Song Guangsheng - Direktor des Testzentrums für Umwelt - hatte auch andere Bedenken: «Zuviel Feuerwerk schadet der Umwelt, vor allem der Luft, denn beim Abbrennen der bunten Knaller wird auch viel Salpeter und Schwefeldioxid freigesetzt». Beim Feuerwerk allerdings lassen Chinesinnen und Chinesen nicht mit sich spassen. Die bösen Geister müssen schliesslich vertrieben werden, und überhaupt gehört Feuerwerk zur Tradition und macht darüber hinaus viel Spass.
Es kam, wie es kommen musste. In der Nacht vom Montag zum Dienstag, dem Übergang zum Drachenjahr, hatten die Notfallstationen alle Hände voll zu tun. Auch die Luft war kurz nach Anbruch des Neuen Jahrs kaum mehr zu atmen. Keine zwei Stunden ins Drachenjahr wurde ein Wert von sage und schreibe 972 PM-2,5 gemessen, weit jenseits des 500-Index, der als «weixian» (gefährlich) taxiert wird. Um drei Uhr in der Früh waren es dann «nur» noch 454 und um 18 Uhr gleichentags hatte der Drache Erbarmen. Der Wert sank auf 72. Das ist allenfalls noch für Babies und Kleinkinder eine Gefahr.
Warum Chinas Luft im allgemeinen und jene Pekings im besonderen in den letzten zwei Jahrzehnten so schlecht geworden ist, hat eine einfache Erklärung: ein in der Weltgeschichte einmaliger, rasend schneller Wirtschaftsboom. Ma Jun, Chef des unabhängigen «Instituts für Angelegenheiten der Öffentlichkeit und Umwelt», bringt es für die Landeshauptstadt auf den Punkt: «Mit Kohle betriebene Elektrizitätswerke, schnell wachsende Zahl von Autos, der Staub der unzähligen Bauplätze und die Industrie haben die grossen Bemühungen der Behörden zur Verbesserung der Umwelt untergraben». Ein Vergleich mit der Schweiz zeigt, was Ma Jun meint. In der Verwaltungszone Peking, 20 Millionen Einwohner, flächenmässig ein Drittel so gross wie die Schweiz mit genau soviel Bergen wie die Schweiz, zirkulieren 4,8 Millionen Autos, also ungefähr gleich viel wie in der Schweiz. Nur eben sind diese Auto-Millionen erst in den letzten zehn, fünfzehn Jahren hinzugekommen. Die mit Kohle produzierte Elektrizität tut ihr übriges. Nach Forschungsergebnissen der Chinesischen Wissenschafts-Akademie hat denn die PM-2,5-Konzentration seit 1998 jährlich um vier Prozentpunkte zugenommen. Es kann deshalb nicht weiter überraschen, dass die Luftqualität nach Angaben des Ministeriums für Umweltschutz in 45 chinesischen Millionen-Städten «schlecht» ist. Konkret heisst das ganz einfach, das Atmen sehr oft schwer fällt.
Peking hat weit vor Shanghai die zweifelhafte Ehre, in den Top-Ten der weltweit schmutzigsten Städte zu figurieren. Seit Jahren schon unternehmen die roten Mandarine in Peking alles, um das Problem in den Griff zu bekommen mit Gesetzen, Vorschriften, viel Geld für Forschung und Entwicklung und Sanktionen. Klar nämlich ist den führenden Köpfen in Partei und Regierung, dass für die Zukunft ohne Schutz der Umwelt kein vernünftiges, sprich «nachhaltiges» Wachstum möglich ist. China ist zwar mit den USA derzeit der grösste Umweltverschmutzer. Aber Amerika ist noch immer mit grossem Abstand Weltmeister im Energieverbrauch.
Das Einlenken der Pekinger Umweltbehörden auf den entschiedenen Widerstand der Blogger-Szene zeigt über die Umweltschutz-Problematik noch etwas anderes. Überall in China nehmen die Behörden mehr und mehr Rücksicht auf Kritik. In der chinesischen Zivilgesellschaft formiert sich Widerstand. In den reichen Städten genau so wie auf dem Lande. Auch ein autoritäres System kann in einem immer komplexeren wirtschaftlichen, sozialen und politischen Umfeld nicht mehr ohne einen minimalen Konsens der - wie es in China heisst -«Massen» funktionieren. Das ist im Jahr des Drachen umso wichtiger, als im Herbst am 18. Parteitag ein Wechsel der obersten Führung ansteht.
Der Drache hat mit den PM-2,5-Werten gleich zum Jahresanfang gewarnt. Für die Umwelt und darüber hinaus. Wer die Zeichen nicht versteht, hat die Rechnung ohne den Drachen gemacht.
(Peter Achten/news.ch)
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