76 Jahre, zwei Finals
publiziert: Sonntag, 29. Jul 2012 / 21:59 Uhr
Oksana Tschussowitina (37) auf dem Schwebebalken.
Oksana Tschussowitina (37) auf dem Schwebebalken.

Jordan Jovtschev ist 39, Oxana Tschussowitina 37. Zusammen sind der Bulgare und die Deutsch-Usbekin so etwas wie die Grosseltern der Kunstturn-Familie. Doch Alter schützt vor Erfolgen nicht.

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Der Qualifikationswettkampf der Männer war am Samstagabend schon fast zu Ende, als sich Jordan Jovtschev von seinem Trainer an die Ringe heben liess. Das ist keine Alterserscheinung, zwecks gutem Griff nimmt die Serviceleistung an diesem Gerät jeder Turner in Anspruch. Der erste sechsfache Olympia-Teilnehmer im Kunstturnen versetzte das Publikum 20 Jahre nach dem Debüt in Barcelona noch einmal in Staunen. Als Achter schaffte Jovtschev gerade noch die Qualifikation für den Gerätefinal - eine Ausnahmeleistung eines Ausnahmeathleten.

Tags zuvor hatte er die bulgarische Delegation an der Eröffnungsfeier als Fahnenträger ins Stadion geführt. Wohl bekam vom stundenlangen Warten und Herumstehen auch Jovtschev müde Beine. Doch an den Ringen braucht er ja nur seine imposanten Arme, die an Popeye erinnern. 2004 hatte Jovtschev am Kraftgerät den Olympiasieg nur verpasst, weil das Kampfgericht das Gold lieber dem Einheimischen Dimosthenis Tambakos zuschanzte. Nur Leute mit griechischem Pass konnten das skandalöse Verdikt verstehen. In Jovtschevs Trophäenschrank hängen deshalb neben vier WM-Goldmedaillen vier Olympia-Medaillen aus Silber und Bronze, aber keine aus Gold

In London konzentriert sich Jovtschev ganz auf sein Spezialgerät. Er ist schliesslich auch nur noch ein Hobbyturner, zumindest als Aktiver. Der Turnsport bildet neben der Familie mit Frau und elfjährigem Sohn (Jordan junior) auch so den wichtigsten Lebensinhalt. Beruflich wirkt Jovtschev nämlich als geschäftsführender Turnverbandspräsident. Er übernahm den Posten 2009, zwei Jahre nach der Heimkehr aus den USA, wo er seit den Sommerspielen 1996 in Atlanta gelebt hatte.

Jovtschev ist auch auf den Wettkampfplätzen immer noch der mit Abstand wichtigste und beste Repräsentant seiner Organisation. In den Wochen vor Grossanlässen steigert er seinen Trainingsaufwand jeweils so, dass er die Rolle als sportliche Vorzeigefigur erfüllen kann. Die Haare sind ergraut, die Jahre auch am Körper nicht spurlos vorbeigegangen. Genaugenommen ist der Körper längst überstrapaziert, Jovtschev momentan gerade an Bizeps und Handgelenk verletzt.

Ähnliche Kämpfe gegen den eigenen Körper trägt auch Oxana Tschussowitina seit Jahren aus. Die Deutsch-Usbekin ist wie Jovtschev zum sechsten Mal an Sommerspielen dabei, auch bei den Kunstturnerinnen ist das einzigartig. Tschussowitina gewann 2006 zusammen mit Jovtschev den Swiss Cup. 14 Jahre zuvor holte sie als Mitglied des GUS-Team Olympia-Gold, 2008 in Peking mit Silber am Sprung eine zweite Medaille auf höchster Ebene.

Im Gegensatz zu Jovtschev hat Tschussowitina auch in London Chancen auf einen Podestplatz, die Qualifikation für den Sprung-Final gelang ihr souverän. Eine weitere Medaille wäre der krönende Abschluss einer Karriere, die mit diesen Olympia-Wettkämpfen im Gegensatz zu jener des männlichen Gegenparts auf jeden Fall zu Ende geht. Einer Karriere, in der die Usbekin für vier Verbände an den Start gegangen ist: die Sowjetunion, die GUS, Usbekistan und Deutschland.

Künftig wird sich Tschussowitina auf ihre Aufgaben als Cheftrainerin der Usbekinnen und Mutter des 13-jährigen Alischer konzentrieren. Der Sohnemann ist längst wieder ganz gesund. Erst als der Kleine vor zehn Jahren an Leukämie erkrankte, begann sich in Deutschland eine breitere Öffentlichkeit für die turnende Mama zu interessieren. Wer hätte damals gedacht, dass Tschussowitina auch 2012 noch mittendrin dabei sein würde, gegen Konkurrentinnen, die zum Teil nicht einmal halb so alt sind wie sie oder nicht viel älter als ihr Alischer?

(fest/Si)

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