Zürich - ABB kann vom Wüstenstromprojekt Desertec profitieren. Seit Jahrzehnten forschte der Elektrotechnikkonzern an der Entwicklung von Technologie, die den Transport von Strom über weite Strecken möglich macht.
Herr Eberhardt, ist die Absichtserklärung für Desertec vom 13. Juli 2009 für ABB verbindlich?
Eberhardt: Ja. Es wird jetzt ein Projektteam gebildet und dafür Leute eingestellt.
Warum werden die konkreten Pläne erst in drei Jahren vorgestellt? Gibt es Hindernisse?
Eberhardt: Nein, für ein solch umfangreiches Projekt dessen Zeithorizont bis 2050 reicht, braucht es ein solides Planungs- und Finanzierungskonzept. Ausserdem wollen noch viele Interessenten informiert und eingebunden werden.
Bestehen vonseiten ABB diesbezüglich Kontakte mit Bundesbern oder der EU?
Eberhardt: Bislang noch nicht. Das wird aber sicher rechtzeitig geschehen.
Das Projekt kostet 400 Mrd Euro für 12 Unternehmen. Welches sind die finanziellen Auswirkungen für ABB?
Eberhardt: ABB sitzt nicht auf der Finanzierungsseite, sondern wird für die Projekte vor allem technologisches Know-how z.B. für die Stromübertragung einbringen. Wir gehören also zu den langfristigen Nutzniessern. Es entstehen bei uns nur solche Kosten, die wir sowieso in die Weiterentwicklung der Gleichstromtechnologie investiert hätten.
Erwarten Sie sich weitere Aufträge im Bereich der Stromübertragung?
Eberhardt: Das ist gut möglich. ABB ist weltweit führend, wenn es um die Übertragung grosser Strommengen über weite Entfernung geht. Die notwendige Basistechnologie haben wir im Grundsatz bereits vor Jahrzehnten erfunden. Bei Desertec geht es um Investitionen und Aufträge im dreistelligen Milliardenbereich, von denen auch ABB in grösserem Umfang profitieren kann.
Das wird aber erst 2050 der Fall sein.
Eberhardt: Bis zu einem grösseren Auftrag werden auf jeden Fall noch Jahre vergehen.
Der Leitungsbau wird als mögliches Problem gesehen wegen der Bewilligungsverfahren für Leitungen. Können bereits bestehende Leitungen genutzt und erweitert werden? Gibt es bereits Zusagen von Staaten?
Eberhardt: Um am Ende 100 Gigawatt - also die Leistung von rund hundert Atomkraftwerken - übertragen zu können, bedarf es zahlreicher neuer Leitungen durch das Mittelmeer. Bis es zu konkreten Projektanfragen an einzelne Staaten kommt, werden noch einige Jahre vergehen.
Welche afrikanischen Staaten haben Interesse am Desertec-Projekt gezeigt? Stehen Sie in Kontakt mit Tunesien und Algerien? Könnte auch Libyen Interesse daran haben?
Eberhardt: Die Arabische Liga ist interessiert genauso wie Einzelstaaten, beispielweise Ägypten. Auch in diesen Ländern gewinnt die Stromerzeugung mit erneuerbaren Energien immer mehr an Bedeutung.
Warum ist der Import von Wüstenstrom erst für 2050 geplant?
Eberhardt: Wichtig ist es, dass wir jetzt den Startpunkt für einen echten Plan gesetzt haben. Wir stehen erst am Anfang einer grossen Aufgabe. Es gilt noch viele technische, ökonomische und politische Herausforderungen zu bewältigen.
Welche Herausforderungen?
Eberhardt: Sowohl die Solartechnologie als auch die Stromübertragungstechnik müssen in Zukunft noch deutlich effizienter werden. Die Finanzierung des Projekts wird von den am Konsortium beteiligten Finanzinstituten als grundsätzlich machbar erachtet. Hier wird aber noch viel Detailarbeit notwendig sein.
Energieumfeld:
Was ist Ihre Antwort auf die von gewissen Akteuren erwartete Stromlücke 2015? Wird durch Desertec eine atomkraftfreie Schweiz möglich?
Eberhardt: Desertec wird kein universeller Problemlöser sein. Jedes europäische Land muss für sich weiter überlegen welcher Energiemix in Zukunft sinnvoll ist. Wichtig ist, dass trotz neuer Energiechancen das Energiesparen nicht aus dem Blick gerät.
Strom ist mittlerweile tausende Kilometer transportierbar. Wird Strom global handelbar? Warum rechnet Desertec (nur) mit einem 15-prozentigen Wüstenstrom-Anteil an der Stromversorgung Europas?
Eberhardt: Strom wird in Zukunft sicher mehr über Kontinentgrenzen gehandelt werden. Für die sichere Stromversorgung von ganz Europa wird man jedoch nie nur auf eine Energiequelle setzen. Andere erneuerbare Energiequellen wie Windkraft werden an Bedeutung gewinnen, klassische Energiequellen wie Kohle nicht völlig bedeutungslos werden.
Konjunktur:
ABB hat die Kostenschraube angezogen. Wie viele Entlassungen wurden in der Schweiz bereits ausgesprochen, wie viele Angestellte sind in Kurzarbeit?
Eberhardt: Es gab bislang keine Entlassungen, derzeit sind 150 der 6300 Mitarbeiter bei ABB Schweiz in Kurzarbeit.
Was sucht ABB momentan hauptsächlich für Personal?
Eberhardt: Ingenieure sind weiterhin gesucht. Momentan hat ABB Schweiz insgesamt rund 30 offene Stellen.
Libyen:
Wie geht es der Geisel in Libyen?
Eberhardt: Unserem Mitarbeiter geht den Umständen entsprechend einigermassen gut. Er lebt in der Schweizer Botschaft.
Hat ABB die Aktivitäten in Libyen ganz eingestellt? Wie geht es weiter?
Eberhardt: Es ist eine bilaterale Frage zwischen der Schweiz und Libyen. Im Gegensatz zu ABB Schweiz sind andere Ländergesellschaften von ABB weiter in Libyen aktiv.
Danke für das Gespräch.
(Harald Tappeiner/news.ch)
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