Le Tour 2000
Ab heute rollt die Tour de France: Allex Zülle will es wissen
publiziert: Samstag, 1. Jul 2000 / 08:52 Uhr

Paris - Ab heute rollt die Tour. Mit der 87. Tour de France beginnt das Gipfeltreffen der Radsport-Saison. Zum bedeutendsten Rennen der Welt starten auch die Sieger der letzten drei Jahre, Jan Ullrich, Marco Pantani und Lance Armstrong. Alex Zülle, 1999 Gesamt-Zweiter hinter Armstrong, gehört zu den aussichtsreichen Herausforderern des Favoritentrios. Am 19. und 20. Juli gastiert der Tross in der Schweiz.

Sowohl Armstrong als auch Ullrich scheinen rechtzeitig ihren Formzenit zu erreichen. Während der Texaner Anfang Juni bei der Dauphiné-Rundfahrt vor allem in den Bergetappen bereits eine dominierende Rolle spielte, fuhr sich der Deutsche an der Tour de Suisse warm. Ullrich, der das Leadertrikot während zwei Tagen trug, nutzte die schweren Teilstücke in den Alpen, um sich langsam seinem Idealgewicht von 73 kg zu nähern.

Ein Podestplatz wird auch Marco Pantani zugetraut, obschon der Italiener weiterhin als grosse Unbekannte gilt. Im Giro d'Italia stellte er vor allem gegen Schluss seine Kletterqualitäten wieder unter Beweis. Ob er aber seine Form aber über drei Wochen hoch halten kann, wird sich weisen.

Sechs Schweizer am Start

Im Schweizer Lager startet Alex Zülle mit den grössten Erfolgsaussichten. Der St. Galler, der sich im Vorjahr nach dem Sturz in der berüchtigen “Passage du Gois” nur Armstrong geschlagen geben musste, hat dieses Mal eine Vorbereitung im Stile des fünffachen Tour-Siegers Miguel Indurain (Sp) hinter sich gebracht. Kein Wunder, den Zülle fährt seit 1999 unter der Obhut des selben Sportlichen Leiters, José Miguel Echavarri. Ob Laurent Dufaux den 4. Platz von 1999 wiederholen oder gar verbessern kann, hängt in erster Linie von seinem Gesundheitszustand ab. An der Tour de Suisse musste der Waadtländer zu Antibiotika greifen, und zur Schweizer Meisterschaft trat er am vergangenen Sonntag gar nicht an. Die weiteren Schweizer Teilnehmer sind Landesmeister Markus Zberg, Armin Meier, Roland Meier und der Tour de Suisse-Vierte Sven Montgomery als Tour-de-France-Debütant.

Drei Bergankünfte - zwei Ruhetage

Für einmal erfolgt der Auftakt im Freizeitpark “Futuroscope” in der Nähe von Poitiers nicht mit einem Prolog, sondern einem 16 km langen Einzelzeitfahren. Dort hatte Armstrong 1999 in der letzten Prüfung gegen die Uhr seinen Gesamtsieg besiegelt. Anschliessend führt die “Grande Boucle” wie zuletzt 1997 und 1998 im Gegenuhrzeigersinn durch Frankreich. Zuerst stehen Pyrenäenpässe auf dem Programm, dann die Alpen. Dazwischen wartet in der Provence der legendäre Aufstieg zum Mont Ventoux (1912 m) auf die Fahrer. Letzmals figurierte dieser Granitkegel, der 1967 durch den Tod von Tom Simpson traurige Berühmtheit erlangte, vor 13 Jahren im Programm. Jean-François Bernard gewann damals das Bergzeitfahren. Die Tour geht wie gewohnt am 23. Juli auf der Pariser Champs- Elysées zu Ende. Insgesamt 16 Pässe müssen bezwungen werden. Daneben enden drei Etappen mit einem Schlussaufstieg. Entscheidend sind voraussichtlich die Tage zwischen der 10. und der 16. Etappe. In dieser Phase stehen sieben Berge “hors catégorie” und sechs der ersten Kategorie an, darunter die “Tour-Denkmäler” Aubisque (10. Etappe), Izoard (14.) und Galibier (15.). Vor allem die 14. Etappe, die nach 249 km in Briançon endet, dürfte alleine wegen der Distanz zu einem der schwersten Teilstücke werden. Zur Erholung haben die Streckenplaner Platz für zwei Ruhetage geschaffen, wobei der 12. Juli zum 300-km-Transfer von Revel nach Carpentras vorgesehen ist.

Erstmals seit 1995 steht ein Mannschaftszeitfahren - am vierten Tag von Nantes nach Saint-Nazaire über 69 km - auf dem Programm. Vor fünf Jahren hatte der Schweizer Tony Rominger in dieser selten gewordenen Disziplin eineinhalb Minuten auf den späteren Gesamtsieger Miguel Indurain und damit früh (zu) viel Terrain eingebüsst. Neben der 16-km-Einzelprüfung zum Auftakt und dem Mannschaftszeitfahren steht in der 19. Etappe zwischen Freiburg im Breisgau (De) und Mulhouse ein weiteres Zeitfahren (59 km) an. Damit werden total 144 km (im Vorjahr 111) gegen die Uhr gefahren.

Etappenhalt in Lausanne

Wie bereits 1997 (Freiburg) und 1998 (Neuchâtel/La Chaux-de-Fonds) macht die Tour de France am 19. Juli einen Halt in der Schweiz. Etappenziel der 17. Etappe, die in Evian-les-Bains am Genfersee beginnt, ist die Waadtländer Kantonshauptstadt Lausanne. Das hat einen besonderen Grund: Der Internationale Radsportverband (UCI), der in Lausanne seinen Hauptsitz hat, feiert dieses Jahr sein 100-Jahr-Jubiläum. In Lausanne erfolgt am 20. Juli auch der Start zur längsten Etappe über 252 km nach Freiburg im Breisgau.

Zurück zur Glaubwürdigkeit

Die Doping-Tour-de-France von 1998 ist in den Köpfen der Veranstalter noch immer gegenwärtig. Nach der “Tour der Erneuerung” im Vorjahr soll nun die “Tour der Hoffnung” stattfinden. Aus diesem Grund wurde erstmals seit 1988 wieder das weisse Trikot für den besten Jungprofi (Espoirs) eingeführt. Der Weg zurück zur Glaubwürdigkeit wurde jedoch bereits im Vorfeld der dreiwöchigen Rundfahrt erschwert.

Auch zwei Jahre nach dem Festina-Skandal kann allfälliger Epo- Missbrauch noch immer nicht offiziell nachgewiesen werden. Dem Versuch des französischen Antidoping-Labors in Chatenay-Malabry, an der Tour de France Epo-Doping in Urinproben nachzuweisen, schoben drei vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) delegierte Fachleute den Riegel vor. Sie waren von der Methode offenbar nicht hundertprozentig überzeugt und verlangten weiter gehende und zusätzliche Überprüfungen einiger Aspekte.

Die vorläufige Ablehnung des Epo-Tests löste in Teilen der Radsportszene Bestürzung aus. “Ich bin masslos enttäuscht. Es sollte ein Auftakt zu sauberem Sport sein, nicht nur bei uns Radfahrern”, sagte Mapei-Konzernboss Giorgio Squinzi, der jährlich rund 15 Millionen Franken in sein Profiteam investiert. Mittlerweile hat der Internationale Radsportverband (UCI) einen Mittelweg gefunden, der die Anwendung der Testmethode nun doch erlaubt. Die den Rennfahrern während der Tour entnommenen Urinproben werden zunächst eingefroren und auf exogenes Epo untersucht, sobald das neue Nachweisverfahren die offizielle Anerkennung erhält.

Mit der in Frankreich entwickelten Methode lassen sich körpereigenes und synthetisch hergestelltes Epo unterscheiden. Bislang kam nur ein Annäherungswert zur Anwendung, der aber nicht als sicheres Indiz für Doping dienen konnte. Deshalb sperrte die UCI bisher die Fahrer, deren Hämatokritwert über 50 Prozent lag, zum “Schutze der Gesundheit” nur für 14 Tage. Dabei wird es vorderhand auch bei der Frankreich-Rundfahrt bleiben - unabhängig vom späteren Ergebnis des neuartigen Epo-Tests.

(ba/sda)

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