Amok-Biologie
publiziert: Mittwoch, 19. Dez 2012 / 10:18 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 19. Dez 2012 / 11:46 Uhr
Nein, das sind angeblich keine Schüler, sondern tickende Zeitbomben und potentielle Amokläufer!!
Nein, das sind angeblich keine Schüler, sondern tickende Zeitbomben und potentielle Amokläufer!!

Stellen Sie sich vor, 1945 hätten die Alliierten statt den Nürnberger Prozessen in Deutschlands vor allem Neurologen, Psychiater und Biochemiker in Deutschland für die Geschichtsbewältigung sowie für den Versuch, Deutschland zu demokratisieren eingesetzt.

3 Meldungen im Zusammenhang
Weiterführende Links zur Meldung:

Artikel «Tickende Zeitbomben
Walter Hollsteins Artikel zu Amoklauf und Männerkrise
tagesspiegel.de

Die Frage nach der Täterschaft wäre in folgenden Kategorien abgehandelt worden: Hormonkonstellation, Gene, Geschlecht sowie neurobiologische Dispositionen hätten über Schuld oder Unschuld der Täter entschieden. Alle Fälle, in welchen die KZ-Aufseher keine signifikanten Abweichungen des normalen biochemischen Täterprofils aufgewiesen hätten, wären als Ausnahmen deklariert worden, welche die biologische Determinierung aller Menschen bestätigen. Die Nazischergen wären nicht hingerichtet und für Jahre ins Gefängnis gesteckt worden, sondern in Pharma-Institutionen biochemisch «behandelt» worden. Soziologen und Männerforscher hätten entsprechende Gesellschaftsprogramme entwickelt.

Sie finden dieses Szenario völlig absurd?

Willkommen im Jahr 2012! Da erschiesst ein 20jähriger Amerikaner, dessen bisheriges Leben in allem einem durchschnittlichen amerikanischen Leben entsprach, 27 Menschen. Und was passiert im Laufe der postmodernen medialen Deutungshoheit?

Zunächst sind die Waffen dran. Logisch, politisch sinnvoll und längst überfällig. Ein Land, welches selbst Kindergärtnern via deren schiessfreudigen Eltern den Zugang zu Schnellfeuerwaffen ermöglicht, sollte über die häufigen Amokläufe in öffentlichen Plätzen nicht erstaunt, sondern froh darüber sein, dass dies nicht noch häufiger passiert. Die politische Diskussion ist heftig, verändert wird wohl wenig, doch immerhin: Gestern sprach sich Obama für das Verbot von Sturmgewehren aus.

Soweit immer noch unendlich traurig, doch ein Schritt in die richtige Richtung.

Doch nun kommen wir zu den Motiven des Täters. Und hier stockt uns der Atem. Ohne Hintergrundwissen wird die Vermutung, der 20jährige Schiess-Mörder hätte unter Asperger gelitten, eine Krankheit, die angeblich jegliches Mitgefühl behindere, weltweit verbreitet. Statt nach gesellschaftlich-politischen Ursachen zu suchen, werden also sofort biologische Unregelmässigkeiten des Mörders in die Diskussion gebracht. Damit wird die Schuldfähigkeit des Täters in Frage gestellt. Entschuldigung: Da erschiesst ein 20jähriger 20 Kinder und 7 Erwachsene und er wird als bedauerliches Opfer einer Krankheit stilisiert? Und während dies passiert, werden alle Menschen mit Asperger zu potentiellen Amokläufern gestempelt?

Dann vergehen ein paar Tage und hoppla, Asperger weicht einem anderen, biologistischen Argument: Der Täter ist männlich, also muss was mit dem Mann an und für sich nicht stimmen.

Dieser hirnrissige Biologismus, der die Welt in Männlein und Weiblein, in Schwule und Nicht-Schwule, in rosa und blau, in jung und alt einteilt, feiert in der linksliberalen (warum sind es eigentlich immer die sogenannten linken Zeitungen, die sich im Antifeminismus besondere Lorbeeren holen?) «Zeit» nun seine Luxusstunde. In: «Tickende Zeitbomben-warum Männer Amok laufen» macht der Männerforscher Walter Hollstein die sogenannte Feminisierung der Industriestaaten verantwortlich. Laut ihm sind also Frauen, die Mütter, die Lehrerinnen, die erfolgreichen Karrierefrauen schuld, dass es solche jugendliche Bluttäter gibt. Die Amok-Mörder werden mit folgenden Worten bedauert: «Sie fühlen sich dort unwohl, nicht ernst genommen, schlecht behandelt und schlechter benotet als Mädchen». Der Hamburger Lehrer Frank Beuster spricht von «Jungenkatastrophe» und dem «überforderten Geschlecht», die amerikanische Philosophin Christina Hoff Sommers, die sich selbst als kritische Feministin bezeichnet, vom Schul-«Krieg gegen die Jungen».

Tja. Mit solchen Argumenten werden Urteilskraft und Schuldfähigkeit sowie das Konzept der Mündigkeit der Menschen beerdigt. Wir treten weit hinter die Aufklärung zurück und sind bei Aldous Huxley gelandet.

Hollstein schlägt den Sack, wenn er den Esel hauen müsste. Klar doch: die Männlichkeit ist seit der Aufklärung unter Beschuss. Klar doch: die Weiblichkeit auch. Deshalb redet man ja von der Dialektik der Aufklärung. Und klar doch: Der Kapitalismus unterwirft jeden menschlichen Aspekt einem Verdinglichungsprozess, der menschenvernichtende Auswirkungen hat.

Spätestens hier müssen wir Hannah Arendts Vita Activa und den Eichmann-Prozess hervorkramen. Eichmann verteidigte sich mit dem Hinweis auf die Bürokratie, die quasi entwicklungstheoretisch sein Handeln provozierte, sprich, Eichmann war sich keiner Schuld bewusst. Wenn Menschen sich nur noch verhalten und sei dies mit dem Hinweis auf Biologie oder Gesellschaft, hat ein derart definierter «sachbezogener» Verstand letztlich über den Menschen als urteilsfähiges und schuldfähiges Vernunftwesen gesiegt. Dann können wir uns getrost allen Vermessern dieser Welt überlassen und auf die neue, schöne Welt der biochemischen und geschlechtsneutralen Verbesserung des Menschen hoffen.

Die Diskussion über den Täter von Newtown zeigt, wie wir aufgrund des völligen Ausblendens von politischen Handeln und Urteilen in ein Fahrwasser geraten, das uns die Abgründe und die Auswirkungen eines total kapitalisierten Menschenbildes zeigt, das einer humanistischen Bankrotterklärung gleich kommt.


PS: Aber lassen wir doch Hannah Arendt im Original sprechen - Eichmann in Jerusalem, Ein Bericht von der Banalität des Bösen, letzte Seite:
«Sie haben sich, als Sie ihre Lebensgeschichte erzählten, als einen Pechvogel dargestellt, und in Kenntnis der Bedingungen, unter denen Sie lebten, sind wir bis zu einem gewissen Grad sogar bereit, Ihnen zuzugestehen, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass Sie unter günstigeren Umständen je in diesem oder einem anderen Strafprozess als Angeklagter erschienen wären. Aber auch wenn wir unterstellen, dass es ein reines Missgeschick war, das aus Ihnen ein willfähriges Werkzeug in der Organisation des Massenmords gemacht hat, so bleibt eben doch die Tatsache bestehen, dass Sie mithalfen, die Politik des Massenmordes auszuführen und also diese Politik aktiv unterstützt haben. Denn wenn Sie sich auf Gehorsam berufen, so möchten wir Ihnen vorhalten, dass die Politik ja nicht in der Kinderstube vor sich geht und dass im politischen Bereich der Erwachsenen das Wort Gehorsam nur ein anderes Wort ist für Zustimmung und Unterstützung.

So bleibt also nur übrig, dass Sie eine Politik gefördert und mit verwirklicht haben, in der sich der Wille kundtat, die Erde nicht mit dem jüdischen Volk und einer Reihe anderer Volksgruppen zu teilen, als ob Sie und Ihre Vorgesetzten das Recht gehabt hätten, zu entscheiden, wer die Erde bewohnen soll und wer nicht. Keinem Angehörigen des Menschengeschlechts kann zugemutet werden, mit denen, die solches wollen und in die Tat umsetzen, die Erde zusammen zu bewohnen. Dies ist der Grund, der einzige Grund, dass Sie sterben müssen.»

(Regula Stämpfli/news.ch)

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Hannah Arendt alleine
Wer kann den nur einen so unqualifizierten, undifferenzierten Bloedsinn zusammenschreiben und mit dem dazugehoerigen Halbwissen einen Grossteil der Psychologie sowie Biologie verunglimpfen!!! Am Besten waere gewesen nur Hannah Arendt sprechen zu lassen; viel differenzierter und qualifizierter...nehmen sie sich ein Beispiel!
Hannah Arendt "kommentiert"
müsste man diese Kolumne eigentlich umtaufen, praktisch immer irgendwelche Zitate oder Auszüge.

Damit will ich Arendt überhaupt nicht werten, weder negativ oder postitiv, wollte es nur mal feststellen.
Abschreiben und Geld kassieren
Gefühlt die Hälfte dessen, was in den ’Dschungelbuch’-Kolumnen steht, sind Zitate irgend einer intellektuellen Person, man könnte auch sagen ein Plagiat. Hat die Autorin auch eine eigene Meinung?
.
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