An der Realität vorbei und von ihr eingeholt
publiziert: Montag, 24. Okt 2011 / 12:25 Uhr / aktualisiert: Montag, 24. Okt 2011 / 18:33 Uhr
Basis-Industrie (Beispiel Giesserei): Wo das Trainigslager Gulag wird.
Basis-Industrie (Beispiel Giesserei): Wo das Trainigslager Gulag wird.

Die SVP war gestern mit den anderen traditionell bürgerlichen Parteien zusammen die grosse Wahlverliererin und selbst Toni Brunner, der routinierte Extrem-Grinser, musste seine Gesichtsmuskeln bis zur Übersäuerung strapazieren als er die zu der Zeit gemutmassten 26% als grossen Sieg verkaufen wollte, während auf der Parteiwebsite immer noch das 30%-Ziel zu finden war.

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Dass die SVP, deren Exponenten den extrem starken Franken auch schon als Trainingslager für die Schweizer Unternehmen bezeichneten (in etwa wie der Gulag ein Trainingslager für sowjetische Zwangsarbeiter war), es gerade dort schwierig haben würden, wo sie vor vier Jahren noch stark waren, war absehbar: bei mittelständischen Unternehmern.

Der Autor führte vor kurzem ein Gespräch mit dem Geschäftsführer eines Industrieunternehmens, das in einer international hart umkämpften Branche arbeitet, in der zudem die Margen nicht durch Patente und Exklusiv-Deals hoch gehalten werden. Als der Franken noch bei 1.40 war, beklagte sich der schon seit Jahrzehnten in der Branche tätige Mann, operierte die Firma bei verschiedenen Produktlinien mit Gewinnmargen von 2 bis 5 % und es war noch möglich, mit ausländische Konkurrenten einigermassen mit zu halten. Dies sind Margen, welche in börsenkotierten Grossunternehmen längst zu einem Verkauf des Bereichs oder gar einer Schliessung geführt hätten. Doch dieser Unternehmer blieb, wie viele andere Mittelständler in der Schweiz, dran, wurde effizienter, optimierte, wo es nur ging. Doch als der Franken in die Höhe schoss, war es fertig lustig.

Die Konsequenzen sind bitter sowohl für den Geschäftsführer, der nach Jahren des harten Kampfes nun zähneknirschend Teile der Produktion nach Osteuropa auslagern muss und vor allem für einige langjährige Angestellte, denen gekündigt werden muss.

«Wir versuchen, so viel Knowhow, wie möglich hier zu behalten. Aber gewisse Bereiche können wir nicht hier halten, 10 bis 15% Verlust in einem grossen Geschäftsbereich ist gefährlich für das ganze Unternehmen.» Die Worte kommen nicht eloquent und geprobt, sondern mit einem bitteren Unterton. Der Mann fühlt seine Firma verraten und verlassen von «unternehmerfreundlichen» Politikern und auch den Banken.

«Gewisse Politiker kapieren einfach nicht, dass es in der Schweiz noch viele Basis-Industrie-Betriebe gibt, die in Bereichen arbeiten, die schon sehr ausgereift sind, in denen auch mit grossen Anstrengungen kaum mehr Optimierungen möglich sind. Schon gar nicht solche im zweistelligen Prozentbereich. Da von einem Trainingslager zu sprechen...», man kann das Kopfschütteln beinahe durch die Telefonleitung wahrnehmen, «und die Banken? Die Banken sind dazu da, der Wirtschaft, der Realwirtschaft die Arbeit zu ermöglichen. Denn nur hier werden echte Werte geschaffen. Banken selbst haben keine Wertschöpfung. Und was machen die Grossbanken? Sie spekulieren zum Teil gegen die Wirtschaft. Aber wir müssen weiter kämpfen, weiter rudern. Ende Jahr wissen wir hoffentlich mehr...»

Der Mann kennt seine Arbeitnehmer, bis zum Hilfsarbeiter hinunter, mit Namen und man findet ihn immer wieder in der Fertigungshalle. Was jetzt passiert, tut ihm, wie es mir scheint, in der Seele weh und der Autor kann sich vorstellen, was das von vielen SVP-Leuten verzapfte «der starke Franken schadet nur denen, die nicht innovativ sind», oder «schadet nur den Schwachen» in ihm ausgelöst hat. Hier verzapften Politiker, die zum Teil in staatlich geförderten und bezahlten Sektoren (Landwirtschaft, Bildung) tätig sind und nicht die Verantwortung für das Auskommen von Dutzenden Leuten tragen, sondern einfach das wiederholen, was ihnen von der Parteileitung als «Wahrheit, Version SVP» vorgegeben wurde.

Wenn sich nun über 15% der SVP-Wähler von der Partei abgewandt haben, dann waren es nicht wenige, die sich - ähnlich wie dieser Unternehmer (dessen Wahlverhalten dem Autor völlig unbekannt ist), von der SVP in einer Zeit von sehr komplexen Problemen nicht ernst genommen, ja sogar verhöhnt fühlten. Lösungen oder zumindest Milderungen kamen aus der politischen Mitte und der Nationalbank und wurden von der SVP entweder bekämpft oder zähneknirschend akzeptiert.

Spätestens hier wurde so manchem klar, dass die SVP im jetzt eingetretenen Ernstfall scheinbar nicht in der Lage war, die Ideologischen Mauern zugunsten von Pragmatismus zu überwinden und in populistischem Eifer jene ignorierte, ja lächerlich machte, die auf sie als «Unternehmerpartei» gezählt hatten. So schoss die SVP denn in den letzten Monaten noch weiter an der Realität vorbei, als man dies sonst von ihr gewohnt war. Dafür wurde sie gestern von dieser aber wieder in voller Wucht eingeholt.

(Patrik Etschmayer/news.ch)

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Die SNB ist
unabhängig, JB. Da spielt es überhaupt keine Rolle, was die SVP oder eine andere Partei dazu meint oder fordert. Für die Glaubwürdigkeit der SNB ist es immens wichtig, dass sie unabhängig von politischen Forderungen entscheiden kann (und muss).

Die Probleme, die KMUs haben, dürften sehr komplex und vielseitig sein; da geht es nicht in erster Linie um den Wechselkurs. In Sachen Wechselkurs ist die Intervention eben besagter Notenbank vorenthalten und diese Interventionen sind zweischneidige Schwerter. Manch ein Unternehmer, der auf dem Zahnfleisch lief und läuft, redet sich gerne damit heraus, der Wechselkurs sei Schuld. Ich kann das nicht akzeptieren - zudem gehört das eben zum unternehmerischen Risiko.

Selbst Dutti - als nicht SVP- oder rechtsbürgerlich Verdächtigter - hat vor rund hundert Jahren unter anderem wegen tiefgreifender Veränderungen der europäischen Wirtschaft und der Wechselkurse sein gesamtes Firmenvermögen verloren.

Danke für die Info - dann habe ich ja richtig nichtgewählt ;-)
Es bleibt Ihnen verschlossen?
Ja. das das ist zum ersten mal, dass Sie etwas Vernünftiges geschrieben haben, "es bleibt Ihnen verschlossen!" Wie das meiste im Leben, möchte ich da noch anfügen. Bravo, Kleines Schaf, für die Selbsterkenntnis.
ZitaT Schaf: Da macht mir die linke Haltung, diesem Verein EU - der diesen Schlamassel mit seinem hirnrissigen EURO-Experiment überhaupt erst möglich machte - beizutreten, einiges mehr an Sorgen. "
Sehr ausführlich und exakt beschrieben. Note 6, summa com laute! Nur sollte man noch wissen, von was Sie überhaupt reden, Sie Hormonprotz.
So genau hat die
SVP Schuld. Gar nicht und total.
Ich denke mal, dies ist nur ein gutes Beispiel dafür wie eine Partei die "Volkspartei" und KMU Freundlichkeit raushängt und hinten rum genau gegen diese Leute und Firmen arbeitet.

Denn auch nichts tun kann zu Schuld führen. Die SVP hat monatelang Hildebrand gemobbt und übelste Hetzkampagnen gegen ihn geführt um dann urplötzlich umzukippen (auf Geheiss des Blochers) und alles gut zu finden.

Was die EU Haltung der Linken angeht. Richtig. Nur, und das scheint vielen einfach nicht in den Kopf zu gehen. Es gibt eine Partei die sofort das ganze Schweizer Volk verraten würde plus eigene Oma für einen Beitritt zur EU. Das ist die FDP.
Wer also partout gegen einen EU Beitritt ist und das Gefühl hat das an der Urne als wichtigstes Argument gelten zu lassen, der darf weder Grün, SP noch FDP wählen. Nur mal so zur Info.
Wie genau hat die
SVP Schuld am starken Franken?

Ich mag Ihnen ja das gestrige Resultat gönnen; genauso, wie die Freude darüber.

Der Zusammenhang zwischen dem Unternehmer, der nicht mehr gewinnbringend produzieren kann und der SVP bleibt mir allerdings verschlossen.

Sündenbock-Politik?

Da macht mir die linke Haltung, diesem Verein EU - der diesen Schlamassel mit seinem hirnrissigen EURO-Experiment überhaupt erst möglich machte - beizutreten, einiges mehr an Sorgen.

Das ist freie Marktwirtschaft; es gibt Gewinner und Verlierer.
Das ist freie Medienlandschaft; man beschreibt die Themen einseitig so, wie es für die eigene Sichtweise passt.
Wahrheit Version SVP
Schuld am eigenen Versagen sind immer nur die Anderen. Das hörte man gestern unisono von allen interviewten SVP'ler.
Somit muss man kaum hoffen dass die SVP sich der Realität stellen wird.

Wenn im Dezember dann noch der 2. SVP BR Tatsache ist, wird die Partei noch mehr Realitätsprobleme haben.

Denn was zum Geissbock soll man dem potentiellen Wähler noch verkaufen als Grund für eine Wahl der SVP?
Dasselbe wie vorher schon? Ausländerfeindlichkeit und Kriminalisierung.
Etwas anderes gibt es nämlich in der Realitätswahrnehmung der SVP nicht.
Genau das wird die SVP auch in 4 Jahren nochmals einige oder gar viele Prozente kosten. Der Abwärtstrend kann kaum noch aufgehalten werden.

In 4 Jahren werden wieder dieselben Schäfchen und bedrohlichen Ausländer Plakate überall kleben.
Die Ausschaffungsinitiative 2 kommt ja definitiv.

Etwas anderes kann die SVP eben gar nicht.

Denn das Anti EU Lied ist fertiggespielt. Damit lässt sich kaum noch jemand locken.

Ein echtes Dilemma für die SVP.

Die könnten einem fast Leid tun wenn es nicht so herrlich positiv wäre für die Schweiz.
.
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