Angehört: Christian Scott - «Christian aTunde Adjuah»
publiziert: Montag, 23. Jul 2012 / 16:37 Uhr

Stretch Music: Der junge New Yorker Trompeter Christian Scott dehnt auf neuem Doppelalbum die Grenzen des Jazz in alle Richtungen.

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Seit er 2006 mit «Rewind That» sein erstes Album vorlegte und gleich für einen Grammy nominiert wurde, ragt der Trompeter und Komponist Christian Scott weit aus der Handvoll talentierter junger Jazzkünstler hervor, die versuchen, ihre künstlerische Vision über die strikten Grenzen der Tradition ihres Genres hinausschweifen zu lassen. Und mit jedem weiteren Album setzte der mittlerweile 29-Jährige, der 2010 in den Niederlanden mit einem Edison Award geehrt wurde, neue musikalische Massstäbe. Die weltweite Kritik überschlug sich vor Begeisterung, obwohl sie Scotts Musik nicht in die üblichen Schubladen ablegen konnte. Jetzt offeriert ihnen der Trompeter, der zuletzt mit Saxophonist David Sánchez und Vibraphonist Stefon Harris als Partnern das afrokubanische Werk «Ninety Miles» einspielte, eine eigene Stilbezeichnung: «stretch music». Und was man darunter genau zu verstehen hat, zeigt er in den 23 Tracks seines neuen Doppelalbums «Christian aTunde Adjuah».

Es bietet nachdenkliche Balladen und Exkurse durch schwerelos-träumerische Klanglandschaften, aber auch betont rockige, Funk-infizierte und ekstatische Nummern. Die Trompete von Christian Scott ist dabei fast immer das pulsierende Herz der Musik. Scotts reguläre Band setzt sich zusammen aus dem Gitarristen Matthew Stevens (der auf allen bisherigen Alben des Trompeters mitwirkte), Schlagzeuger Jamire Williams, Bassist Kristopher Keith Funn und dem neuen Pianisten Lawrence Fields (der das Klangspektrum seines Instruments gerne erweitert, indem er die Klaviersaiten mit Papierbögen dämpft). Dazu gesellen sich als Gäste u.a. der Tenorsaxophonist Kenneth Whalum III (bekannt durch Aufnahmen mit Joss Stone und Jay-Z), Altsaxophonist Louis Fouche III und Posaunist Corey King.

Scott will immer neue Pfade einschlagen

In den Linernotes zu «Christian aTunde Adjuah», die als «Brief an einen zukünftigen Künstler» adressiert sind, schreibt der in New Orleans geborene und heute in Harlem lebende Scott: «Als Künstler versuche ich immer Dinge zu tun, die noch keiner zuvor getan hat. Das geht darüber hinaus, einfach zu versuchen, etwas Bestimmtes zu meistern. Es erfordert die Fähigkeit, frühere Gedankenprozesse nochmals zu durchlaufen, während man neue Kontexte in Betracht zieht.» Im Gespräch fügt er hinzu: «Es geht immer darum, gewillt zu sein, neue Pfade einzuschlagen und neues Terrain zu suchen, während man seine eigene Vergangenheit als Mittel gebraucht, um ein besseres kontextuelles Verständnis dieses Pfades zu erlangen.»

Diese Einstellung spiegelt sich laut Christian Scott auch in dem Coverfoto wider, das ihn in den zeremoniellen Insignien der afroamerikanischen Kultur von New Orleans zeigt (umgangssprachlich Black Indians oder Mardi Gras Indians genannt, wobei letzterer Terminus von den meisten Traditionalisten verabscheut wird). Auf dieses Erbe, mit dem er sich bereits auf «Yesterday You Said Tomorrow» auseinandersetzte, geht er auch in einem Song des neuen Albums ein. «Spy Boy Flag Boy» handelt von Scotts Rolle als «spy boy» (so werden die Scouts des Black-Indians-Stammes genannt, dem er angehört) und der seines Zwillingsbruders Kiel als «flag boy» (so heissen die Diplomaten des Stammes). Der Song basiert auf den Rhythmen dieser Kultur und ist auch eine Hommage an seinen Grossvater Big Chief Donald Harrison (dem er schon «Yesterday You Said Tomorrow» gewidmet hatte).

Die Tradition der Black Indians von New Orleans

«Die Black Indians von New Orleans», erläutert Christian Scott, «sind eine einzigartige Subkultur einer sehr breitgefächerten und komplexen Gruppe der lokalen Bevölkerung. Die Tradition dieser Black Indians reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Die Gelehrten, die behaupten die Ursprünge der Mardi Gras Indians zu kennen (eine 300 Jahre alte Geschichte und Tradition), sind sich über einige Details dieser Geschichte nicht einig. Und weil kein wirkliches solides Wissen über die indianische Geschichte vorliegt, gibt es um so mehr Theorien. Aber so viel kann man mit Sicherheit sagen: Die Indianer haben einiges von ihrer Kultur und Geschichte in Gestalt einer Maskierungstradition erhalten, und diese Tradition, die jeder vom Mardi Gras her kennt, ist jetzt ein integraler Bestandteil der Black Culture von New Orleans. Im Herzen von New Orleans praktiziert man diese alte, einzigartige und zutiefst künstlerische Kultur seit ungefähr 1780, vielleicht auch schon länger.»

Die Musik, die er auf «Christian aTunde Adjuah» spielt, beschreibt Christian Scott als «stretch music» (gedehnte Musik). Er knüpft mit ihr dort an, wo er auf seinem 2010er Album «Yesterday You Said Tomorrow» aufhörte. In seinen Linernotes berichtet er von Leuten, die seinen Ansatz als «gedehnt» bezeichnen und merkt an: «Es stimmt: Wir versuchen die rhythmischen, melodischen und harmonischen Konventionen des Jazz zu dehnen - und nicht sie zu ersetzen -, um so viele musikalische Formen/Sprachen/Kulturen wie möglich zu umfassen. Meine Grundüberzeugung ist, dass dass keine Ausdrucksform mehr Gültigkeit besitzt als irgendeine andere. Dieser Glaube hat mich veranlasst, einen Sound kreieren zu wollen, der bei der Akkulturation von anderen musikalischen Formen, Strukturen, Konventionen und Prozessen genreblind ist.»

Improvisieren mit "Forecasting Cell"

Scott vergleicht seine Vorgehensweise mit der eines kubistischen Malers. Seine «stretch music» ist eine musikalische Version davon. Im Kubismus werden Objekte auseinandergenommen, analysiert und in einer abstrakten Form, die das Objekt aus einer Vielzahl von Perspektiven zeigt, neu zusammengesetzt. Dies verschafft einem eine globalere Ansicht von den Details, aus denen sich das Objekt zusammensetzt - dadurch erhält man ein klareres Abbild des Objekts. «Es ist ein gewaltsamer Versuch, den Hörer von Zweifeln über die Bedeutung oder Intention zu befreien und für eine konzentriertere Lesart der artikulierten Gedanken zu sorgen», sagt Scott und fügt an, dass er, um dies musikalisch umsetzen zu können, eine neue harmonische Konvention kreieren musste, die er «Forecasting Cell» (Voraussagezelle) nennt. Der Klang soll das Endresultat eines Harmoniesatzes schon erhellen, bevor dieser überhaupt aufgelöst wird. «'Forecasting Cells' helfen dabei, die Intention des Improvisierers klarer zu machen, indem sie Improvisierer und Begleiter dazu zwingen, die [harmonische/melodische] Landschaft ständig neu zu werten, was wiederum den Gemeinschaftsdialog der Einheit schärft.»

Über den Titel der CD hat Scott folgendes mitzuteilen: «Dies war das erste Mal, dass ich den Titel bei einem meiner Alben schon wusste, bevor ich es aufgenommen habe. Das Cover. Das Album. Alles repräsentiert die Vervollständigung meines Namens. Ich bin Christian Scott aTunde Adjuah. Die Namenszusätze aTunde und Adjuah sind eigentlich die Namen zweier Städte im westafrikanischen Ghana. Ich nahm sie an, um der Welt mitzuteilen, dass ich meine ganze Vergangenheit akzeptiert habe und erforschen möchte. In gewissem Sinn habe ich meinen Namen also gar nicht geändert. Ich habe ihn komplettiert, um einen anderen Abschnitt meiner  Ahnenreihe und Abstammung zu reflektieren - den Abschnitt vor Scott.»

(fest/news.ch mit Agenturen)

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