Angehört: GoGo Penguin - «Man Made Object»
publiziert: Montag, 15. Feb 2016 / 22:16 Uhr / aktualisiert: Montag, 15. Feb 2016 / 22:37 Uhr

Das Trio GoGo Penguin aus Manchester spielt eine Musik, die in keine Kategorie so richtig passt, und das ist gut so. Die drei interpretieren Trio-Musik (Bass, Schlagzeug, Piano) auf eine neue Weise, kraftvoll, mit fliessenden Pianomelodien und einem Break Beat-artigem Schlagzeug, so dass sie jetzt das renommierte Jazz-Label Blue Note unter Vertrag genommen hat.

Das letzte Jahr hätte für GoGo Penguin kaum besser verlaufen können. «V2.0», das letzte Album des Trios, landete auf der Shortlist für den Mercury Prize. Die Band tourte durch die Welt und spielte vor einem immer grösseren und fast schon absurd enthusiastischen Publikum in so unterschiedlichen Auftrittsstätten wie dem Koko, der Union Chapel und dem Barbican in London, bei Gilles Petersons Worldwide Festival in Südfrankreich, im La Vilette in Paris, beim Überjazz-Festival in Hamburg, im angesagten Prince Charles in Berlin und beim Dimensions- Festival in Kroatien. Eine erste Schnuppertour durch Nordamerika sorgte für ausverkaufte Konzerte in Kanada und gleich zwei stehende Ovationen beim Rochester Jazz Festival in Upstate New York.

Im Oktober lieferten GoGo Penguin live den Soundtrack zu Godfrey Reggios Kultfilm «Koyaanisqatsi», im November arbeiteten sie mit der bekannten Choreographin Lynn Page für eine von Gilles Peterson kuratierte Nacht beim London Jazz Festival zusammen. Und in all dem Trubel unterschrieben sie auch noch einen Plattenvertrag über drei Alben bei Blue Note Records, dem berühmtesten Jazzlabel der Welt. Denn auch Blue-Note-Präsident Don Was hatte «v2.0» gehört und war zum Fan des Trios geworden. Deshalb flog er zum Überjazz- Festival nach Hamburg, um GoGo Penguin live zu erleben. Danach ging alles andere wie von selbst.

Das erste Album für Blue Note wurde «Man Made Object» getauft. «Der Titel wurde teilweise dadurch ispiriert, dass mich die Themen Robotik, Transhumanismus und 'Human- Enhancement'-Technologie (eine Technisierung des menschlichen Körpers) faszinieren», verrät Pianist Chris Illingworth.

Wie meinen?

«Etwa wenn jemand ein Gliedmass verliert und es durch eine Prothese ersetzt wird», erläutert er. «Manchmal geraten diese Prothesen so lebensecht, werden so in den Körper integriert, dass die Person wirklich meint, mit der Prothese fühlen zu können. Auf eine seltsame Art und Weise spiegelt sich das in dem wider, was wir machen. Wir empfinden elektronische Musik auf akustischen Instrumenten nach. Es ist wie ein von Menschenhand geschaffenes Objekt, das vermenschlicht wurde. Deshalb dachten wir, 'Man Made Object' sei ein guter Titel für dieses Album. Es ist ein Titel, der für jeden von uns eine andere Bedeutung hat, und hoffentlich auch für jeden Hörer.»

Obwohl GoGo Penguin eine akustische Band ist, ist ihre Musik von verschiedenen Strömungen zeitgenössischer elektronischer Musik beeinflusst. Deshalb wurde sie auch schon absolut treffend als «akustische Electronica» bezeichnet. Der Begriff spiegelt auch perfekt den bevorzugten Kompositionsprozess der Musiker wider.

«Viele der Songs dieses Albums waren anfangs elektronische Kompositionen, die ich mit Sequenzer-Software von Logic oder Ableton anfertigte», erläutert Schlagzeuger Rob Turner. «Diese Stücke habe ich der Band vorgespielt. Und dann haben wir gemeinsam nach Möglichkeiten gesucht, sie akustisch zu replizieren.»

Ein gutes Beispiel dafür ist das orientalisch klingende «Branches Break», zu dem Turner durch den Londoner Elektronik-Künstler Four Tet inspiriert wurde. Nick Blacka spielt seinen Bass hier über ein pedalgesteuertes Effektgerät, während Chris aus den Saiten seines Klavier harfenähnliche Ausschmückungen kitzelt. In dem hymnischen «Initiate» replizieren GoGo Penguin ein von Rob geschriebenes Electronica-Stück, in dem die Musik von Amon Tobin widerhallt. Und in der triumphalen, trotzig-martialischen Schlussnummer «Protest» rekreieren Rob und Nick einen höllisch schwierigen Roland-808-Beat, der mit Sirenenklängen verschmolzen wird, die Chris auf der Drum-Machine seines iPhones programmierte.

Einflüsse von Klassik bis Elektronica

Es ist gerade diese Fähigkeit, die scheinbar grundverschiedenen Einflüsse von Electronica, Jazz und klassischer Musik in ihrer eigenen musikalischen DNA zusammenzufassen, die GoGo Penguin zu einen sofort wiedererkennbaren und unwiderstehlichen Sound verhilft. Mit den faszinierenden Songs von «Man Made Object» dürfte das Trio ein noch grösseres Publikum als bisher erreichen.

«Man Made Object» ist die erste von drei geplanten Einspielungen für Blue Note. GoGo Penguin steigt durch den Vertrag in einen kleinen, sehr elitären Zirkel von britischen Jazzkünstlern auf, die bereits Platten auf dem Label veröffentlicht haben: Sie gesellen sich mit «Man Made Object» zu dem Pianisten Stan Tracey, dem Saxophonisten Andy Sheppard, dem Vibraphonisten/Multiinstrumentalisten Orphy Robinson, Us3 und Van Morrison. Dabei versteht sich GoGo Penguin gar nicht als Jazzband im eigentlichen Sinne.

«Jazz ist ein Kategoriesystem, das alles von Ornette Coleman bis zum Bigband-Swing von Robbie Williams umfasst», meint Rob. «Insofern ist dieses Kategoriesystem weder akkurat noch nützlich - es ist wie bei der Klasse der Säugetiere, zu der alles vom Wal bis zum Hamster gerechnet wird. Die Leute messen diesem Kategoriesystem zu viel Bedeutung bei und liefern sich heftige Debatten darüber, wer wo einzuordnen ist. Aber welchen Standpunkt man auch vertritt, man liegt grundsätzlich falsch, wenn man sich überhaupt auf diese Diskussion einlässt! Wir ziehen es vor, uns darauf zu konzentrieren, grossartige Musik zu schreiben.»

(fest/news.ch mit Agenturen)

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