Hip Hop mit Band
Angehört: Guts - «Eternal»
publiziert: Dienstag, 5. Apr 2016 / 22:45 Uhr

Der französische Hip-Hop-Produzent Guts meldet sich auf seinem neuen Album «Eternal» mit komplettem Band-Line-up zurück.

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Kaum zu glauben, nach so vielen Jahren ganz allein hinter den Reglern: Auf seinem neuen Album präsentiert sich der Franzose Guts, bekanntermassen ein Produzent, der seit seiner Zeit mit Alliance Ethnik quasi alles im Alleingang gemacht hat, überraschend als Frontmann... einer richtigen Live-Band.
Um diesen Wandel zu verstehen, muss man einen Blick auf die letzten zwei Jahre werfen, die Zeitspanne also seit der Veröffentlichung seines gefeierten (und programmatisch betitelten) Vorgängeralbums «Hip Hop After All» (2014) und der gleichnamigen Tour dazu.

Besagte Tour hatte mit unzähligen Stationen von Frankreich aus durch ganz Europa geführt, und nach so vielen Stunden auf der Bühne, so viel Zeit in Bussen, in Flugzeugen und im Backstage-Bereich war Guts die Idee gekommen, genau diese einzigartige Energie und den Zusammenhalt mit seinen Live-Musikern zum Fundament des nächsten Albums zu machen: Es sollte ein Album werden, auf dem etliche Musiker zusammen die Hauptrolle spielen, ein Album, auf dem viele Individuen am selben Strang ziehen.

Die Beteiligten: Florian Pellissier (Keyboards), Greg F. (Gitarre), Leron Thomas (Trompete, Gesang), dazu die Gast-Vokalisten Von Pea, Don Will und Lorine Chia, sowie Kenny Ruby (Bass) und schliesslich Tibo Brandalise (Schlagzeug). Sie alle steuerten ihren Teil zu dem neuen Live-Sound bei, der sich im Anschluss an die Tour wie ein Puzzle zusammenfügte. Zunächst entstanden grobe Skizzen, die Guts & Co. dann in intensiven Studiosessions weiter verfeinerten, immer weiter, bis sie damit auf klanglichem Terrain landeten, in dem sie sich zuvor wohl nie gesehen hätten. Die einzige Regel während der Arbeit lautete: Keine Regeln, keine Grenzen. Für Guts bedeutete das auch, dass er das Verhältnis von 20% Live-Instrumentierung zu 80% Samples, seinen bisherigen Ansatz also, kurzerhand auf den Kopf stellte und ins exakte Gegenteil verwandelte.

Funk, Soul, Rap, dazu Einflüsse aus Kuba, aus Afrika, aus Russland: Dinge, die zuvor allenfalls als Sample in Sekundenlänge, irgendwo integriert in die Beats, die Rhythmen aufgetaucht waren, sie spielten nun die zentrale Rolle - und sie wurden live eingespielt, von der Band zum Leben erweckt, mit richtigen Instrumenten. Keine Regeln bedeutete auch, dass Akustikteppiche plötzlich von elektrifizierten Keyboards durchbohrt, dass Rhythmen plötzlich auf der Gitarre produziert werden konnten. Die Trompete konnte sich auf Rückendeckung durch Saxofon und Posaune verlassen, sprich: es gab satte Bläser; dazu wurden die Mikrofone mal liebkost, mal durch die Luft gewirbelt; ein Bass schnurrt dazu dezent im Hintergrund, um im nächsten Moment eine gewaltige Welle durch den jeweiligen Track zu schicken, plötzlich schillernder Protagonist im Rampenlicht zu sein, während das Schlagzeug eben noch hohes Tempo macht, um plötzlich in einen ruhigen, rollenden Groove überzugehen.

Hier ziehen wirklich alle am selben Strang, steuern in dieselbe Richtung und haben so ein Album geschaffen, auf dem sich einzigartige Genrehybride genauso finden wie deutliche, üppig instrumentierte Statements auf klar definiertem Fundament. Wilde Jazzexkurse, Seite an Seite mit japanisch wirkenden Streichern, dazu Space-Rock-Perspektiven (aus dem All) auf klassischen Hip-Hop und die dazugehörigen Premium-Beats, Electro-Funk, der sich samt Afro-Einschlag auf dem Dancefloor gehen lässt, während die Bläser den postapokalyptischen Synthesizern einen Handschuh vor die Füsse knallen, und zwar so, dass selbst der Schnurrbart von John Carpenter erzittern würde...

Unglaublich satt und dicht, eklektisch und vor allem im Kollektiv entstanden, ist «Eternal» ein extrem ambitioniertes Werk: Ohne Restriktionen, ohne Auflagen, was Form oder Länge anbelangt. Jeder Track ist eine Tür in ein anderes Klanguniversum.

(fest/sda)

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