Spiritueller Jazz mit fernöstlichen Einflüssen
Angehört: Matthew Halsall & The Gondwana Orchestra - «Into Forever»
publiziert: Montag, 14. Dez 2015 / 23:33 Uhr

Mit seinen fünf bis dato veröffentlichten Alben hat sich Matthew Halsall einen festen Platz in der britischen Musiklandschaft erspielt: Der lässig-zurückgelehnte Sound des Trompeters, Komponisten, Arrangeurs und Bandleaders aus Manchester wurde schon früh von Grössen wie Jamie Cullum und Gilles Peterson gefeiert.

Auf seinem neuen Album «Into Forever» tritt Halsall vor allem als Komponist, Produzent und Arrangeur in Erscheinung: Er greift dieses Mal so unterschiedliche Einflüsse wie Alice Coltrane, Dorothy Ashby, Phil Cohran und Leon Thomas auf und verbindet sie mit zeitgenössischeren Klangwelten - man denke an The Cinematic Orchestra, Max Richter und Nils Frahm -, um insgesamt sein bis dato schlüssigstes Werk vorzulegen. Auch wenn der zurückhaltende Brite dieses Mal bei nur zwei Songs sein unvergleichliches Trompetenspiel beisteuert, klingt «Into Forever» doch durch und durch nach ihm und trägt ganz klar die Handschrift von Matthew Halsall.

«Ich liebe es, selbst Musiker zu sein und zu spielen, aber ich finde nun mal, dass jede Note dem jeweiligen Stück dienen muss, das mir im Geiste vorschwebt, und als ich die Musik für dieses Albums komponierte, wurde mir sehr schnell klar, dass die Stimmen, mit denen ich das am besten umsetzen konnte, die von meinen Freunden und Kollegen vom The Gondwana Orchestra waren - sowie die der beiden wunderbaren Sängerinnen, mit denen ich das Glück hatte, zusammenarbeiten zu können», kommentiert Halsall. «Ich halte dieses Album für mein bis dato persönlichstes Werk, denn obwohl es weniger Soloparts gibt, sorgt gerade diese Tatsache dafür, dass man meine Stimme in sämtlichen Instrumenten deutlicher heraushören kann. Und dazu ist es das erste Mal, dass ich mit Gesang gearbeitet habe, was ich schon immer mal machen wollte.» 

Spiritueller Jazz und fernöstliche Einflüsse

Während Halsall auf dem zuletzt veröffentlichten «When The World Was One»-Album zusammen mit The Gondwana Orchestra grösstenteils an das Erbe von Alice Coltrane und Pharoah Sanders anknüpfte, bezieht er sich dieses Mal eher auf das meditative «Fletcher Moss Park» (2013), auf dem er spirituellen Jazz und fernöstliche Einflüsse zu einem zutiefst persönlichen Statement kombinierte. Klanglich ähnlich gelagert wie «Fletcher Moss Park» -Matthew Halsall & The Gondwana Orchestra «Into Forever» die Streicher spielen auch hier eine wichtige Rolle -, fiel der eigentliche Startschuss für «Into Forever» genau genommen, als er der in Manchester lebenden Sängerin und Dichterin Josephine Oniyama begegnete, als die beiden gemeinsam an einem Stück für die Radiosendung «The Verb» (BBC Radio 3) arbeiteten.

Die Chemie war vom ersten Moment an perfekt, wie Halsall berichtet: «Ich wollte ja schon länger mit Sängern arbeiten, aber das hatte nie so recht gepasst, bis dann Josephine und Bryony auftauchten: Es ist wirklich toll, dass ich zwei so talentierte Sängerinnen in Manchester entdeckt habe, deren Stimmen, Texte und Melodieverständnis genau zu dem passen, wie ich Musik höre.» Allerdings dreht sich auf «Into Forever» nicht alles um den Gesang: Mit dabei sind auch dieses Mal viele angestammte Gastmusiker, so zum Beispiel die Flötistin Lisa Mallett, die Harfenspielerin Rachael Gladwin, die Koto-Spielerin Keiko Kitamura, der Pianist Taz Modi, Bassist Gavin Barras, Schlagzeuger Luke Flowers sowie die Percussion-Spieler Sam Bell und Chris Cruiks. Abgerundet mit Halsalls Kompositionen für das Streichquartett, das er ebenfalls ins Studio einlud, tauchen die Musiker ein in eine Zone, in der Soul- und Funk-Elemente und minimalistisch-spiritueller Jazz aufeinandertreffen und somit eine klangliche Reise beginnt, die sich tatsächlich wie der Albumtitel anfühlt: «Into Forever».

Vom Cinematic zum Gondwana Orchestra

«Into Forever» beginnt mit dem umwerfenden «Only A Woman», ursprünglich als Instrumental komponiert, das Halsall dann jedoch an Oniyama schickte, die sich inhaltlich mit einer Mutter befasst, die sich um ihre Tochter kümmert, woraufhin es Jahre später genau umgekehrt ist: Nun ist es die Tochter, die ihre Mutter versorgt. «As I Walk», der zweite von insgesamt vier mit Oniyama aufgenommen Songs, entwirft ein Bild von einer Reise, wie alle Alben von Halsall es sind; musikalisch verneigt er sich in diesem Fall vor Leon Thomas und Yusef Lateef, zwei seiner grössten Vorbilder. Auch «Dawn Horizon» war zunächst ein Instrumentalstück, entstanden am Klavier, das Halsall daraufhin mit Streichern und einem Part seines angestammten Bassisten Gavin Barras komplettierte.

«Badder Weather» ist funky, wiederum aufgenommen mit Oniyama, und das Feeling geht in Richtung «Theme De Yo Yo» vom Art Ensemble, wobei Taz Modi, ebenfalls ein zentrales Mitglied vom The Gondwana Orchestra, hier sein ganzes Können präsentieren darf. Das elegische «These Goodbyes» zählt zu den persönlichsten Kompositionen von Halsall: Er hat das Stück für seine gute Freundin Linda Chase geschrieben, eine Dichterin, die 2011 verstorben ist und von der auch der Titel dieses Stückes stammt. Das ominös-düstere «The Land Of» greift östliche Tonleitern und Klänge auf und verdichtet sich zu einem satten Groove; Mitstreiter sind in diesem Fall Lisa Mallett (Flöte), Keiko Kitamura (Koto) und nicht zuletzt Luke Flowers, sonst beim Cinematic Orchestra aktiv, dessen unvergleichliches Schlagzeugspiel das Fundament bildet für das Gondwana Orchestra.

Inspiration von einem Besuch in Taipeh

Das exotisch klingende Stück «Longshan Temple» verdankt seinen Titel dem gleichnamigen Bauwerk in Taipeh, wohin Halsall erst kürzlich von seinem Trompetenhersteller P.Mauriat eingeladen wurde; hier hört man ganz deutlich, dass der Brite gerne durch Plattenläden streift und nach Exotica- und «Library Music»-Scheiben sucht. «Cushendun», vom Irischen «Cois Abhann Duinne», was so viel heisst wie «neben dem Fluss Dun», bezieht sich auf einen kleinen Küstenort in Nordirland, wo Halsall und seine Partnerin Urlaub machten, woraufhin er gleich nach der Rückkehr nach Manchester diesen Song verfasste. Der Titelsong «Into Forever» basiert auf der allerersten Zusammenarbeit mit Oniyama für den Sender BBC Radio 3, als sie für die Sendung «The Verb» erstmals gemeinsam ins Studio gingen und damit der Grundstein für dieses Album gelegt war.

Ebenfalls in Taipeh kam Halsall die Idee für das anmutige «Daan Park»: Er sass auf einer Parkbank in der taiwanesischen Metropole und betrachtete eine Gruppe von Leuten, die gerade Tai Chi lernten, und seine Komposition versucht nun, dieselbe Eleganz und Ruhe dieser Szene wiederzugeben. Zugleich hört man hier zum ersten Mal auf der neuen LP das lässige Trompetenspiel des Bandleaders, dessen Stimmung zugleich den Weg bahnt für das abschliessende «Jamais Vu», auf dem Bryony Jarman-Pinto, aus deren Feder auch der Text stammt, noch einmal ans Mikrofon tritt. Titelgebend ist in diesem Fall das unbestimmte Gefühl, eine Situation oder Sache, die man eigentlich kennt, plötzlich als vollkommen fremdartig wahrzunehmen.

(fest/sda)

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