Athmosphärisch dichte Klangwelten
Angehört: Nils Petter Molvaer + Moritz von Oswald - «1/1»
publiziert: Montag, 7. Okt 2013 / 16:36 Uhr / aktualisiert: Montag, 7. Okt 2013 / 17:43 Uhr

Der musikalisch offene norwegische Jazztrompeter Nils Petter Molvaer hat mit dem deutschen Technoproduzenten Moritz von Oswald zusammengespannt und ein, wie man es von ihm gewohnt ist, sehr atmosphärisches Album eingespielt.

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Eins plus eins macht zwei. Meistens zumindest. Manchmal ist das Ergebnis dieser Formel aber auch mehr als die Summe ihrer Einzelteile. So der Fall beim ersten Zusammentreffen von Jazzmusiker Nils Petter Molvaer und Elektronik-Koryphäe Moritz von Oswald. Die Klanglandschaften ihres gemeinsamen Albums «1/1», mal cineastisch-sphärisch, mal minimalistisch verdichtet, lassen aus der musikalischen Symbiose zweier Individualisten etwas Einzigartiges entstehen.

Die acht Tracks des Albums tragen Titel wie «Step by Step», «Development», «Transition» und «Further», die andeuten, dass es sich formal um ein Werk handelt, dessen Protagonisten sich zwar auf Traditionslinien des Jazz berufen, zugleich aber den weitgehenden Stillstand des Genres nicht hinzunehmen bereit sind.

Auf emotionaler Ebene ist die hier entstandene Musik, wie Moritz von Oswald sie beschreibt, «Noirmusik», Traummusik, geschrieben für die Phantommelodie im Kopf, die bleibt, wenn die Musik bereits verhallt ist, und nur mehr die Geräusche der dunklen Grossstadt zu hören sind. Oder durchaus funktional gesehen: Musik für Bars, für Fahrten im Nachtzug und über die menschenleere Autobahn.

Mit grosser Autorität, gleichwohl keiner überlaut auftretenden, balancieren sich die zwei Musiker aus Norwegen und Deutschland, beide Grössen ihres Faches, gegenseitig aus. Einerseits in Molvaers lyrischen Trompetenstössen, denen eine enorme poetische Narration innewohnt, andererseits in der dissonanten elektronischen Raumgestaltung von Oswalds.

Stockhausen als EInfluss

Moritz von Oswald: «Vielleicht hätten wir das Album auch 'Contacts' nennen können, aber dann wären wir unweigerlich in die semantische Nähe Karlheinz Stockhausens geraten, den ich allerdings sehr wohl als grossen Einfluss nennen würde, gerade was den Umgang mit Pausen und Auslassungen in der Musik anbetrifft. Pausen die willkommen sind und nicht unbedingt vollgespielt werden müssen.»

So trägt das Album nun den Titel «1/1», in Anspielung auf die beiden Welten, die hier aufeinanderstossen. Das Treffen der zwei Musiker wurde zwar von ihrer Schallplattenfirma arrangiert, fruchtbar wurde es aber erst, weil beide die Arbeit des jeweils anderen schätzen. Im Falle Nils Petter Molvaers waren es vor allem von Oswalds Trio-Veröffentlichungen, umgekehrt schätzt von Oswald besonders die inzwischen bereits legendären ECM-Veröffentlichungen des Norwegers, «Khmer» von 1997 und vor allem «Ether», das zur Jahrtausendwende entstand. Quasi im Alleingang hatte Molvaer damals sein Land auf die Karte des Jazz zurückgebracht. Nur durch diesen gegenseitigen Respekt konnten das Spiel mit Pausen und Leermomenten, Störgeräuschen, überraschenden Harmoniewechseln, verhallenden Trompetentönen, verzerrten Analogsynthesizers und vor allem der Sogkraft der Repetition einander zu einem höchst facettenreichen, ausdifferenzierten Parcours ergänzen.

In Echtzeit

Von Oswald: «Wir haben »1/1« Anfang des Jahres in Echtzeit aufgenommen, in meinem Studio in Berlin. Von Anfang an fühlte Nils Petter sich in meinen dunklen Backbeats immens wohl, denn sie dominieren die floatende Stimmung seines Spiels nicht. Seine Melodien können sich wunderbar entfalten.» Die gemessen voranschreitende Musik ist immer in Bewegung, ohne indes in bekannte Club-Music-Patterns zu verfallen.

Das Album fällt in eine Phase enormer Produktivität Seitens Moritz von Oswalds, der zuletzt in kurzer Taktung Alben seines Trios mit Vladislav Delay und Max Loderbauer, sowie ein gemeinsames Album namens «Borderland» mit Juan Atkins, dem Urvater des Detroit-Techno veröffentlichte. Ursprünglich von der Klassik kommend - er ist studierter Orchester-Perkussionist und war u.a. unter Leonard Bernstein zu hören - war von Oswald später u.a. Mitglied der Avantgarde-Pop-Band Palais Schaumburg und der Club-Music-Ensembles Basic Channel und Rhythm & Sound. Letztendlich war der Schritt hin zum experimentellen Jazz naheliegend: «Ich war immer schon ein grosser Jazzfan, überall in meinem Haus liegen die mir wichtigen Alben griffbereit. Die dem Jazz innewohnende Freiheit habe ich in der Klassik vermisst - und nicht zuletzt auch in der Clubmusik.»

Musiker unter sich

Von Oswald: «Dass die Chemie zwischen Nils Petter und mir stimmt, liegt sicher auch an unserer Ausbildung, an der Musikalität, an den Kenntnissen in Harmonik, an der Konzentration. Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie konzentriert Molvaer mit jeder Aufnahme weiterzukommen versucht. Wir schätzen dieselben Vorbilder, und wir haben beide grosse Live-Erfahrung.»

 «1/1» ist Jam-basierte Hybridmusik, ein stetiges Pendeln zwischen Mensch und Maschine, in der das improvisierende Element - der auf den Punkt gesetzte Ton Molvaers - stets auf ein sequenziertes, zugleich durchlässiges Grid trifft. Nicht zufällig entsteht so ein belastbarer Spannungsbogen, der über die gesamte Spieldauer von etwas mehr als einer Stunde trägt. Die Tracks gehen fliessend ineinander über, mit viel Raum zur Entfaltung. Die beiden Entitäten Nils Petter Molvaer als lyrisches Element und Moritz von Oswald als Architekt synthetisch-dissonanter Stimmungen addieren sich bei «1/1» zu einem überzeugenden Ganzen.

(fest/sda)

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