Angehört: Rumer - Boys Don't Cry
publiziert: Montag, 18. Jun 2012 / 18:21 Uhr

Die vergangenen 18 Monate waren für Rumer eine aussergewöhnliche Zeit. Immerhin war die 31-jährige Britin mit den pakistanischen Wurzeln vor der Veröffentlichung ihres Debüts «Seasons Of My Soul» eine völlig unbekannte Singer-/Songwriterin. Nun legt sie nach: «Boys don't Cry» katapultiert den Hörer in die 70er Jahre, ihre Stimme erinnert dabei stark an den sanften Ton von Karen Carpenter.



Man führe sich dann noch ein ganzes Jahrzehnt vor Augen, in dem sie nach einem Vertrag Ausschau hielt, plus eine emotional ziemlich bewegte persönliche Geschichte, die sich in ihrer Musik widerspiegelt« Wie auch immer, im Herbst 2010 katapultierte sich Seasons Of My Soul auf Anhieb auf Platz 3 der britischen Charts und erreichte nach nur sechs Wochen Platin. Und auch bei uns begeisterte sie die Fachpresse und wurde einhellig als die neue Stimme des Jazz und Pop gefeiert.

 «Boys Don't Cry» ist eine Kollektion von weniger bekannten Songs aus den Siebzigern, die im Übrigen alle von Männern gesungen wurden. «Ich liebe Songwriter einfach», erklärt Rumer. «Ich fühle mich eher wie ein Schauspieler oder ein Maler, wenn ich mich ihren Werken nähere. So, als würde ich den Charakter der Menschen dahinter suchen.» Und die Gruppe der Persönlichkeiten auf dem Album ist durchaus bemerkenswert, reicht sie doch von Todd Rundgren, Townes van Zandt, Ronnie Lane & Ronnie Wood bis zu Tim Hardin. Selbst die besser bekannten Künstler Leon Russell, Isaac Hayes, Bob Marley haben fast vergessene Songs zu bieten, die es wiederzuentdecken und neu zu erfinden gilt. «Die Songs klingen am Ende nicht immer wie die Originale, aber sie sind emotionale Eindrücke von ihnen», so Rumer , die mit Hilfe ihrer Intuition und einer Mischung aus Nähe und Distanz eine ganze Generation vergessener Songs in ein neues Licht stellt.

Aber auch wenn die blosse Spannbreite der Künstler, denen Rumer sich auf «Boys Don't Cry» nähert, eine gewisse Trainspotter-Mentalität nahelegt, ist das Album wesentlich mehr geworden als eine blosse Respekt-Bekundung durch eine Sängerin. So sind die Songs immer mit einem Blick auf übergeordnete Themen ausgewählt worden, mit der Frage beginnend, was es eigentlich für eine Frau bedeutet, "maskuline" Songs zu singen. "Ich wollte versuchen, mich in die männlichen Stimmen einzuleben, die mir zu Beginn so fremd vorkamen", erklärt Rumer. Das wird vielleicht bei Neil Youngs «A Man Needs A Maid» besonders deutlich. Düpierte der Song zu seiner Zeit vielleicht die Feministinnen, klingt er heute eigentlich eher wie ein Ruf nach Liebe und Geborgenheit. «Für mich geht es darum, dass man nicht mehr für sich selbst sorgen kann, und damit kann ich mich identifizieren», bestätigt Rumer. Ebenso überraschend ist Rumers Zugriff auf Isaac Hayes' «Soulsville» , eine Ghetto-Hymne, die im Original vor dem Hintergrund der Entbehrungen in Harlem zu sehen ist und vor allem die Bürgerrechtsbewegung ansprach. «Der Song erinnert mich an Brixton, wo ich 14 Jahre gelebt habe. Und ich lebe da immer noch», merkt Rumer an.

 «Boys Don't Cry« erinnert an aussergewöhnliche Persönlichkeiten, die in ihrer eigenen Zeit zwar hoch geschätzt wurden, für die aber eine Ehrung in jüngerer Zeit längst überfällig war. In Rumer haben sie eine ungewöhnliche Meisterin gefunden, deren Fans ihr erzählten, dass sie seit Jahren keine CD mehr gekauft hatten, oder - in anderen Fällen - niemals gedacht hätten, dass sie sich ein Album wie «Seasons Of My Soul» zulegen würden. Oder, wie ein Kritiker es ausdrückte: «Rumer macht den Mainstream zu einem ernstzunehmenden Ort, an dem man sich gut aufhalten kann .» Für Rumer verstärkte die Aufmerksamkeit, die sie erlangte, das Bedürfnis, ihr lang gehegtes Projekt in die Welt zu bekommen: «Der Gedanke, dass Jimmy Webbs P.F. Sloan im Jahre 2012 vielleicht im Radio laufen wird, ist so cool.»

 Es ist der mysteriöse P.F. Sloan selbst, der die wahre Bedeutung von Boys Don't Cry erschliessen lässt. Sloan war ein berühmter Songwriter in den Sechzigern. Er schrieb unter anderem Barry McGuires Eve Of Destruction und komponierte das Riff, das zu California Dreaming von den Mamas & The Papas wurde. Sloan warf das alles hin, um sein Material selbst zu singen und nahm ein Soloalbum auf, das sich überhaupt nicht verkaufte. Er verschwand schliesslich in der Bedeutungslosigkeit und wurde nur durch Jimmy Webbs P.F. Sloan in Erinnerung behalten: Ein bittersüsser Tribut eines Songwriters an einen anderen, der den Preis des echten Künstlerdaseins zur Sprache brachte. «Es ist ein Song über die grossen Songwriter, die in Vergessenheit geraten sind oder zu Nebenjobs in einer Musikindustrie getrieben wurden, die auf blosse Verkäufe abzielen», resümiert Rumer . "Ich denke, PF Sloan fasst das ganze Album zusammen. Es geht darum, diesen Pfadfindern der Musik Respekt zu erweisen."

(fest/news.ch mit Agenturen)

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