Politischer Druck
Angespannte Klimadiskussion
publiziert: Dienstag, 17. Jun 2014 / 15:39 Uhr

Mit steigender politischer und wirtschaftlicher Relevanz gestaltet sich die Diskussion um die Klimaforschung in der Öffentlichkeit schwierig. Der Klimawandel ist für viele eine Glaubensfrage, und oft werden Fakten und Meinungen vermischt. Das erschwert eine sachliche Diskussion.

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Vor einigen Wochen ist Lennart Bengtsson, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts in Hamburg und Meteorologe, der Global Warming Policy Foundation (GWPF), einem rechtsstehenden Think Tank in England, beigetreten. Er äusserte sich kritisch zum Konsens des menschengemachten Klimawandels. Sein Interesse sei rein wissenschaftlich, und er bedaure die Politisierung der Klimaforschung, sagte er in einem Interview. Gleichzeitig machte er in einem Meinungsbeitrag in der Neuen Zürcher Zeitung jedoch Aussagen, dass die Schweiz auf Kernenergie setzen solle, dass Anpassung wichtiger sei als Klimaschutz, und welche Rolle die Schweiz in den internationalen Klimaverhandlungen einnehmen soll. Wochen später verliess Bengtsson die GWPF wieder: Er sei von Forscherkollegen massiv unter Druck gesetzt worden und fühle sich an die Kommunistenverfolgung in den Fünfzigerjahren in den USA erinnert.

Falls eine solche Hetzjagd wirklich stattgefunden hat, dann ist sie mit aller Deutlichkeit zu verurteilen. Persönliche Angriffe sind unangenehm: Einige E-Mails sind vielleicht noch amüsant, etwa die Aufforderung, die Klimawissenschaftler mögen im Winter doch einmal den nackten Hintern gegen den wolkenlosen Himmel strecken, um zu überprüfen, ob es die Rückstrahlung des Treibhauseffektes wirklich gibt. Andere sind weniger erheiternd. Keine Frage: Kritische Debatten sind ein wesentlicher Bestandteil der Wissenschaft, aber sie müssen fachlich begründet sein.

Politischer Druck auf Klimaforschung

Wie relevant die Klimaforschung für die Politik und Wirtschaft geworden ist, zeigt der jüngste Klimabericht von IPCC. Die Politik kann Aussagen und Zahlen in diesem Bericht nicht ändern, aber sie hat versucht, darauf Einfluss zu nehmen, welche Aussagen schliesslich in der Zusammenfassung für Entscheidungsträger stehen. Im ersten Teil des IPCC-Berichtes etwa wollten einige Länder gewisse Aussagen zur CO2-Reduktion für das Zwei-Grad-Klimaziel nicht akzeptieren. Nach einer langen Verhandlungsnacht ohne Schlaf haben die Länder schliesslich doch eingelenkt. Beim dritten Teilbericht hingegen war der Druck der Politik so gross, dass die Zusammenfassung gekürzt wurde. Ironischerweise waren es Angaben über die CO2-Emissionen der Vergangenheit, welche die Länder selber deklarieren. Die offensichtliche Aussage, dass der grösste Teil des Anstiegs der globalen CO2-Emissionen seit dem Jahr 2000 in Schwellenländern wie China stattgefunden hat, wurde samt entsprechender Abbildung gestrichen. Die Begründung: Das sei hinderlich für die politischen Klimaverhandlungen.

Glaubensfrage Klimawandel

Mitunter wird der Klimawandel fast zur Glaubensfrage. Die Gründe dafür sind vielfältig. So beeinflussen etwa aktuelle Ereignisse unsere Meinung. An heissen Tagen glauben mehr Menschen an den Klimawandel. Gleiches tut unser Umfeld: Wir übernehmen, was andere glauben, die ähnliche Wertvorstellungen haben. Eine Studie hat vor kurzem gezeigt, dass es kaum einen Zusammenhang gibt zwischen Bildung und Informationsverfügbarkeit einerseits und der Besorgnis über den menschgemachten Klimawandel andererseits, jedoch klare Hinweise darauf, dass unsere Meinung von der Meinung in unserem nahen Umfeld dominiert ist. In einer Zeit, wo jede Art von Information ohne Qualitätssicherung im Internet verbreitet werden kann, ist es einfach, eine Bestätigung für die eigene, vorgefasste Meinung zu finden. Zudem: Der Klimawandel ist kaum spürbar, sehr abstrakt, weit weg, und betrifft uns (noch) nicht.

Man würde meinen, dass die Beobachtungen der Temperatur und die Methoden der Klimamodelle nichts mit der Politik zu tun haben. Aber eine US-Studie zeigt, dass viele amerikanische Politiker im rechten Teil des Spektrums nicht der Ansicht sind, dass es den Klimawandel gibt. Interessanterweise sind diejenigen, die den Klimawandel am stärksten abstreiten, auch am wenigsten bereit, ihre Meinung zu überdenken. Diese Polarisierung gibt es seit Jahren, und die oben diskutierten Ereignisse passen in dieses Bild.

Fakten und Meinungen trennen

Tatsache ist, dass je nach Land und Studie weniger als zwei Drittel der Bevölkerung denken, dass es den Klimawandel gibt. In den USA meint nur etwa ein Drittel, dass er weitgehend menschengemacht ist. Angesichts der überwältigenden wissenschaftlichen Evidenz ist das erschreckend. Aber bei anderen Fakten findet man ähnliche Zahlen. Weniger als zwei Drittel der Amerikaner glauben an die Evolution, und dass das Universum mit dem Urknall begonnen hat, und diese Zahlen sind übrigens seit vielen Jahren konstant. Man hat eine Meinung zu wissenschaftlichen Fakten wie man eine Meinung hat zur Einwanderung oder zur Abtreibung. Das macht die Diskussion nicht einfach.

Dabei steht viel auf dem Spiel. Eine komplett wertfreie Diskussion und Interpretation der Fakten ist zwar kaum möglich. Aber zumindest müssen wir alle versuchen, einander ernst zu nehmen, und Fakten von Meinungen zu trennen. Das gilt selbstverständlich auch für die Wissenschaftler. Die Beobachtung und Voraussage des Klimawandels sollte objektiv möglich sein. Wie wir mit den Voraussagen umgehen, und welche Risiken wir in Kauf nehmen wollen, darüber können und werden sich die Geister scheiden. Denn wie wir den Vorteil von günstiger Energie heute gegenüber den potenziellen Nachteilen für die nächsten Generationen bewerten, ist eine ethische Frage. Wenn wir diese Werte und die damit verbundenen politischen Meinungen besser von den Fakten trennen könnten, wäre vielleicht eine konstruktivere Diskussion möglich.

(Prof. Reto Knutti/ETH-Zukunftsblog)

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