Angst vor Bombenlärm und Dunkelheit
publiziert: Dienstag, 6. Jan 2009 / 08:43 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 6. Jan 2009 / 09:02 Uhr

Gaza - Die Strassen sind leer, die Geschäfte geschlossen, nur auf dem Trottoir sitzt eine Gruppe von Jungen und unterhält sich lebhaft: «Wenn uns jetzt ein Apache-Helikopter angreift, dann zerreisst es mich in lauter kleine Fetzen, und einige davon werden gemeinsam mit Dir begraben», grinst einer von ihnen.

Die Kinder leiden am meisten unter dem Krieg.
Die Kinder leiden am meisten unter dem Krieg.
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Mehrere Explosionen erschüttern die Strasse, das Grinsen des Jungen erlischt. Die Bande stürzt auseinander, jeder sucht so schnell er kann Schutz. Die kurze Verschnaufpause mit makabren Scherzen ist vorüber.

Seit Samstagabend stehen die israelischen Panzer am Rand von Seitun, dem östlichen Vorort von Gaza. Sie nehmen mutmassliche Stellungen radikaler Palästinenser unter Dauerbeschuss. Bei jedem Einschlag wackeln die Gebäude von Seitun, der Krach und die ständige Angst zerren an den Nerven der Einwohner.

Familien auf der Flucht

Dutzende Familien versuchten am Montag, weiter ins Zentrum von Gaza zu fliehen - doch Autos, die sie mitnehmen könnten, sind rar. «Bitte, nehmt uns mit», schreit Um Assad Hamudeh einem der wenigen Wagen hinterher. Ihre Tochter trägt ein brüllendes Baby im Arm, es lässt sich nicht beruhigen. An Rockzipfel der Grossmutter hängt eine verängstigte Fünfjährige.

«Die Panzer stehen nur wenige Meter von unserem Haus entfernt», erzählt die Mittfünfzigerin. «Sie schiessen unablässig, wir finden einfach keinen Schlaf». Hinter ihr steigt Rauch auf. «Wir können nicht mehr, wir ziehen zu Verwandten nach El Rimal».

El Rimal liegt im Zentrum von Gaza, dem Ziel der meisten Flüchtenden aus Seitun. Dort hoffen sie auf Ruhe vor den Panzern. Auf mehr brauchen sie auch nicht zu hoffen: Die grösste Stadt des Gazastreifens mit ihren 500'000 Einwohnern ist praktisch eingekreist, abgeschnitten vom Rest des Palästinensergebiets.

Es mangelt an allem: Strom, Heizung, Wasser, Nahrung - und vor allem an medizinischer Versorgung. Die Spitäler der Stadt können die Verletzten kaum noch aufnehmen, geschweige denn versorgen. Weil keine Ärzte da sind, werden immer häufiger Amputationen vorgenommen. Weil Personal fehlt, sterben viele Verletzte ohne Behandlung.

Krieg trifft Frauen und Kinder

Der eskalierende Konflikt zwischen Israel und der Hamas, so hatte am Montag die Nahost-Expertin des UNO-Kinderhilfswerks UNICEF gewarnt, führt zu einer humanitären Katastrophe, und diese trifft vor allem Frauen und Kinder.

Die Menschen in Gaza bestätigen ihre Einschätzung. «Viele Kinder essen nichts mehr. Sie sind apathisch, sprechen kaum. Den ganzen Tag kleben sie an ihren Eltern», erzählt UNICEF-Mitarbeiter Sadschi el Mughanni, der selbst in Gaza lebt.

Besonders schlimm für die Kleinen sei die Dunkelheit. Und die Kälte: Oft erreichen die Temperaturen nachts auch in den Wohnungen den Gefrierpunkt, da viele Fenster entweder schon zersplittert sind oder offenstehen, damit sie bei der nächsten Explosion nicht bersten.

Die britische Hilfsorganisation Save the Children warnt, ohne Heizung und Decken drohe vor allem den Babys Unterkühlung.

Nächste Generation von «Märtyrern»

Mit ihrer Offensive will Israel nach eigenem Bekunden die ständigen Raketenangriffe aus dem Gazastreifen stoppen und die radikalislamische Hamas-Bewegung in die Knie zwingen, die seit Juni 2007 die Kontrolle über das Palästinensergebiet hat.

Auf Flugblättern wurde die palästinensische Bevölkerung bereits zur Rebellion gegen die Hamas aufgerufen. Dass die Aufrufe Erfolg haben werden, scheint kaum wahrscheinlich.

Siad steht vor dem zerschossenen Wrack eines Hamas-Fahrzeugs in Seitun. Auf die Rufe seiner Mutter reagiert er nicht. Er schüttelt nur den Kopf, wenn sie ihn bittet, reinzukommen: «Die israelischen Flugzeuge können jeden Moment wiederkommen», ruft sie vom Balkon aus, schon ganz heiser. Herausfordernd geht Siad ein paar Schritte weiter, dann dreht er sich zu ihr um: «Hab keine Angst Mama», schreit der Neunjährige schliesslich zurück. «Lieber will ich als Märtyrer sterben als in diesem ständigen Schrecken weiterzuleben».

(Mai Yaghi/afp)

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