Anti-Terrorgesetze gegen marodierende Anzugträger
publiziert: Mittwoch, 24. Apr 2013 / 10:26 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 24. Apr 2013 / 11:50 Uhr
Zarnajew-Brüder: Terror als Kollateralschaden der Globalisierung?
Zarnajew-Brüder: Terror als Kollateralschaden der Globalisierung?

Die beiden Meuchelmörder, die Topfbomben bastelten, um Menschen nach stolz überstandenen 42.5km die Gliedmassen abzureissen, stammen also aus Tschetschenien. Meinen Geografieunterricht habe ich vorwiegend hinter der Säule verbracht, also fragen Sie mich nicht, wo das liegt. Irgendwo da hinten, gen Osten halt.

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Dass nun die US-Medien völlig durchdrehen und am Beispiel dieser zwei in gewalttätiger Umgebung aufgewachsenen, angst- und hassbesessenen Individuen die Migrationsgesetze überdenken wollen, ist mir ein Rätsel. Denn nach jedem Amoklauf irgendeines männlichen Frustis, der sich einen Spass daraus macht, Mädchen, Lehrerinnen, Lehrer und möglichst viele Kinder, Studienkollegen etc. wie in einem Egoshootergame hinzurichten, kommt niemand in den USA auf die Idee, die Waffen zu verbieten.

Was so natürlich nicht stimmt. Natürlich fordern Betroffene, Psychologinnen, Experten, kurz alle mit etwas gesundem Menschenverstand griffigere Waffengesetze, die es potentiellen Massenmördern etwas schwerer machen würden, ihre kranken Phantasien auf Kosten wunderbarer Menschen auszuleben. Und selbst wenn 80% der Bevölkerung hinter einem neuen Gesetz steht, wird ein entscheidender Anteil der Parlamentarier ein solches blockieren und behaupten, dass die Waffen ja nur ein Instrument gewesen seien, geschossen hätten ja nur die Menschen.

Nun argumentiere ich zunächst punkto Tschetschenien ähnlich: Dass die beiden Brüder aus diesem kaukasischer Kreidekreis stammen, hat nichts mit ihrer Tat zu tun. Sie hätten ebenso gut aus Kanada kommen können.

Das Problem der Anschläge geht tiefer. Die USA erleben - wie wir in der EU und der Schweiz auch - die globalen Auswirkungen einer wild gewachsenen globalen Vernetzung. Zuerst war das grosse Fressen für einige Wenige da, jetzt kriegen wir die daraus resultierende Moral von den entlegensten Orten herkommend zu spüren. Als Industrieländer können wir nicht ungestraft den Freihandel und den Rohstoffhandel über den ganzen Globus spannen und meinen, der Warenaustausch könne völlig losgelöst von Politik funktionieren. Der Freihandel formt immer die Politik. Seit 20 Jahren funktioniert der Freihandel auch perfekt ohne Frieden, Freiheit und Demokratie - etwas, was die ökonometrischen Märchenerzähler an den Unis, in den Medien und in den multinationalen Vorständen im besten Fall verdrängen, viel häufiger noch schlicht verleugnen.

Karl Marx redete schon vor über 150 Jahren davon, dass der Kapitalismus alle sozialen, religiösen und nationalen Bindungen auflöst. Nietzsche nahm diesen Gedanken in seiner «Umwertung aller Werte» auf. Tatsächlich sehen wir: Es gibt keinen grösseren Gleichmacher als den Kapitalismus - der auf Egalität pochende Kommunismus war ein Waisenknabe im Vergleich. Vor dem Markte sind Alle gleich: Der Preis bestimmt die Familienmodelle, die Religionen, die Kinder, den Verkaufswert von Frauen und allenfalls von Männern in Drittweltstaaten etc.

Diese radikale Umwertung aller Werte, die auch die archaischen Gesellschaften betrifft und in diese globale Gleichmacherei durch den marodierenden Anzugträger-Kapitalismus einbindet, erschüttert nun Länder, Gesellschaften und Sippen. Sie verbindet Menschen nur über Handel, nicht über Gespräche, Kultur, Bildung oder gar gemeinsame Vorstellungen.

Hier zu meinen, mit nationalen Regeln, einem verschärften Asylgesetz die Probleme bewältigen zu können, ohne grundsätzliche und globale Veränderungen ins Auge zu fassen, ist ein eigentlicher Selbstmord auf Raten.

Dass nichts unausweichlich ist, beweist, wie viele Alternativen in den letzten 20 Jahren verpasst wurden und jeden Tag wieder - nicht zuletzt dank der auf episodische Verblödung ausgerichteten Mediendemokratie - verpasst werden.

«Sachzwang» sagen nur jene, die Ungleichheit und Ungerechtigkeit zementieren wollen. Dabei wäre alles so einfach gewesen. 1999, nach Abschluss der Uruguay-Runde, hätten beispielsweise die Schutzzölle auf Textil nie aufgehoben werden dürfen, ohne weitreichende Zusagen Chinas, im eigenen Land strenge Sozialgesetze einzuführen, zu kontrollieren und einzuhalten. Die Osterweiterung der EU hätte nie geschehen dürfen ohne die Einhaltung der Kopenhagener Kriterien, d.h. ohne die Verwirklichung der Demokratie in den ehemaligen Ostblockstaaten. Jeder neue Liberalisierungsschritt punkto Dienstleistungen, Personen, Waren und Kapital hätte an politische Vorgaben gebunden werden müssen - so ist dies im Erfolgsmodell Schweiz im 19. Jahrhundert passiert.

Konkret hätte dies bedeutet, den Rohstoffhandel mit autoritären Regierungen oder gar Diktaturen möglichst zu begrenzen, zu kontrollieren und immer wieder den Handel an die weitreichende Demokratisierung der Handel treibenden Staaten zu binden. Konkret hätte dies eine Energiewende sowie ein völliges Umdenken in der Infrastrukturpolitik gerade der europäischen Länder gebracht. Konkret hätte auch 2011 die Möglichkeit bestanden (und sie besteht immer noch), den neuerwachten arabischen Demokratien eine Art Marshallplan zukommen zu lassen. Ein Marshallplan, welcher - ähnlich wie Deutschland nach der nationalsozialistischen Diktatur - die Demokratie in den arabischen Ländern fördert. Konkret hätte dies geheissen, dass Rumänien und Bulgarien erst dann Mitglied der EU geworden wären, wenn sie die Kopenhagener Kriterien erfüllt hätten. Konkret würde dies bedeuten, Regionalbeihilfen an korrupte Clanwirtschaftsregierungen in EU-Mitgliedsländern zu streichen... und so weiter und so fort.

Alles war und ist möglich, doch was wird getan? Der Handel mit autoritären Herrschern wird intensiviert, die globale Ausbreitung der Finanzdiktatur gefördert und gleichzeitig werden Asylgesetze überall verschärft.

Ja, die Attentäter von Boston stammten aus Tschetschenien. Doch ihre Tat haben sie als Amerikaner, als Bürger dieser Welt ausgeübt. Darüber nachzudenken lohnt sich - und nicht, wie die Immigrationsbehörden künftige Mörder an ihren Grenzen abwimmeln können. Wie wäre es stattdessen denn mal damit, mit griffigen Anti-Terrorgesetzen gegen marodierende Anzugträger vorzugehen?

(Regula Stämpfli/news.ch)

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Der Wahn der christlich-abendländischen Welt wird ausgeblendet
Anti-Terrorgesetze gegen marodierende Anzugträger, schlägt Regula Stämpfli vor. Da kann ich sie nur unterstützen. Denn der Staats-Terrorismus, die Kriege von Staaten, fordert die meisten Opfer, viel mehr als der Terrorismus der Al Kaida, von Al Shabab oder von Einzeltätern. Die Drohnenangriffe der USA, der Krieg in Afghanistan, die früheren Kriege in Vietnam, dem Irak und der Krieg im Kaukasus, in Tschetschenien von Russland könnte man auch mit einem Wahn der christlich-abendländischen Welt erklären. Aber der Wahnsinn der christlich-abendländischen Welt wird ausgeblendet. Im Krieg gegen den Terror der USA und auch beim Einsatz der Soldateska Russlands im Kaukasus werden Menschen hingerichtet ohne Prozess, ohne Beweisaufnahme, ohne eine Möglichkeit sich gegen Anschuldigungen zu verteidigen. Unter dem US Präsidenten Barack Obama haben die Drohneneinsätze stark zugenommen, in Afghanistan, Pakistan, dem Jemen, in Somalia und den Philippinen. Die meisten Opfer dieser Drohneneinsätze waren dabei Zivilisten. US Senator Lindsey Graham schätzt, dass bisher 4’700 Menschen durch den geheimen Drohnenkrieg der USA getötet worden sind. Obwohl der republikanische Senator die zivilen Opfer sehr bedauert, unterstützt er diese Liquidierungen von Verdächtigen.

Menschen sind beim Terroranschlag in Boston umgekommen und viele wurden schwer verletzt. Es gibt viele Ungereimtheiten zu den Attentaten: Zum Beispiel, dass die Tsarnaev Brüder schon lang unter Beobachtung der Polizei, des FBI standen. Auf Grund der Informationen der Medien bekommt man auch hier leicht den Eindruck wir alle würden von jungen Radikal-Islamisten mit Integrationsproblemen ständig stark bedroht.

Doch die Fakts zum Terror lauten anders: Laut Europol wurden in der Europäischen Union im Jahre 2010 insgesamt 249 Terroranschläge ausgeführt oder vereitelt. Nur gerade drei davon gehen aufs Konto von Islamisten, wie der Europol-Bericht zeigt. Mit 246 Terroranschlägen im Jahr 2010 in der Europäischen Union haben die Islamisten überhaupt nichts zu tun gehabt. Separatisten waren für 160 Anschläge verantwortlich.

Im Krieg galten schon immer eigene Regeln: Die Mächtigen dieser Erde durften töten lassen. Mord im Krieg ist obligatorisch, im Zivilen verboten.
die Märchen erzählende Metzgerstochter
Warum wird hier nur ein Teilbereich der ethnischen Herkunft der Attentäter angesprochen? http://www.spiegel.de/politik/ausland/boston-attentaeter-zarnajew-die-... Linke versuchen immer wieder, die Waffen als Tatmotiv herauszustreichen. Wo bitte kann man selbst gebastelte Bomben kaufen? Das Problem sind u.a. die Islamisten und geistig gestörte Menschen. Kriminelle finden immer eine Möglichkeit, sich Waffen zu besorgen. Ziel ist und bleibt für Linke, GSoA und sonstige Träumer, die Armee(n) abzuschaffen.

Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass die Kolumnistin irgendwann Geschehnisse in einen vernünftigen Zusammenhang bringt. Bisher ist ihr dies nicht gelungen, und dennoch darf sie weiterhin auf dieser Plattform ihren Unsinn verbreiten.
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