«Antichrist»: Im deutschen Horror-Wald mit Lars von Trier
publiziert: Mittwoch, 16. Sep 2009 / 16:47 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 16. Sep 2009 / 20:41 Uhr

«Antichrist», Lars von Triers neuster Film über das Böse hat es in sich. Ein Paar begibt sich nach dem Tod des Sohnes in die Selbsttherapie und endet in psychischer und körperlicher Selbstzerfleischung. Effekthascherei oder grosses Kino?

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Im Kinowald findet sich selten etwas Gutes: entweder geht es Teenagern in Horrorfilmen an den Kragen oder Hollywood verarbeitet wieder das Vietnamtrauma. «Er» (Willem Dafoe) und «Sie» (Charlotte Gainsbourg) versuchen nach dem Tod ihres 2-jährigen Sohnes mit der Situation fertig zu werden. Sie beschliessen sich in ihrer abgelegenen Waldhütte dem Schmerz zu stellen.

Doch aus der therapeutischen Versuchsanordnung wird ein Schlachtfeld der Geschlechter. Wie gewohnt nähert sich der dänische Regisseur aktweise dieser Katastrophe und man kommt als Zuschauer nicht umhin, sich in Lars von Triers Depressionswaldwelt, die er während des Drehs durchlitt, wiederzufinden.

Und aus der gibt es zwischen nächtlich trommelnden Eichenkathedralen, sprechenden Tieren und blutsaugenden Wanzen bekanntlich keinen Ausweg. Gedreht wurde «Antichrist» in den Wäldern um Eitorf im Siegtal in Deutschland – dem Land der waldreichen literarischen Romantik.

Die Mutter vögelt, das Kind stirbt

Der Prolog kommt zunächst ganz in schwarz-weisser Videoclipästhetik daher, untermalt mit Händels Arie «Lascia ch’io pianga» aus «Rinaldo» und erinnert unweigerlich an eine Parfumwerbung. Gezeigt wird aber das eigentliche Drama, nämlich den Sturz des Sohnes aus dem Fenster aufs schneeflockenbedeckte Pflaster, während Vater und Mutter beim Vögeln unter der Dusche sind.

Dem physischen wie psychischen Zusammenbruch der Frau folgt eine Reise zu einer Waldhütte, ins Herz der weiblichen Finsternis. Die Frau verbrachte dort mit ihrem Sohn einen Sommer und schrieb an einer Dissertation über Hexenverfolgung.

Der Mann ist indes kein Mitleidender am Tod des Kindes, er hat sich der zunehmend abstossend wirkenden Vernunftheilung seiner Frau verschrieben, die von Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen geplagt wird.

Zur Strafe Genitalverstümmelung

Im Trier-Wald deuten kleine Fährten aber an, dass es mit der seelischen Gesundung der Frau nicht gut bestellt ist, und dass der Wald wirklich kein Ort für Therapien ist. Ihren unheimlich sexuellen Appetit sieht er als Gefährdung des Heilungsprozesses.

Im Estrich entdeckt der Mann die angefangene Dissertation, deren letzte Seiten nur wirre Krakeleien aufweisen, worauf die Therapeut-Patientin-Konstellation in weibliche Aggression umschlägt und die verkrüppelten Füsse des Kindes sich zu einer entsetzlichen Gewissheit verdichten. Die Frau glaubt schliesslich selbst daran, eine Hexe zu sein und wartet auf die Ankunft der drei Bettler in Gestalt von Fuchs, Reh und Rabe.

Eine Schere im Rücken, ein zerschmetterter Hoden, ein Blut ejakulierender Penis, ein Schleifstein ans Bein geschraubt (ein Rabe, der sich nicht kaputthauen lässt) und eine abgeschnittene Klitoris später hat der Film das Genre gewechselt: Aus dem Psycho-Drama ist ein versauter Horrorfilm geworden.

Denn die Vermutung des Mannes findet Bestätigung, dass nämlich das Böse schon immer in der Natur und folglich auch auf sehr blutige Weise in seiner Frau steckt.

Schmiererei oder Meisterwerk?

Bleibt nur zu fragen, was diesen Film zu einem Meisterwerk macht – oder was nicht. Was «Antichrist» sehenswert macht, ist seine überwältigende Bildsprache und die unglaubliche Leistung seiner Darsteller.

Dafoe und Gainsbourg liessen sich – wie zu erwarten – auf eine wahre Tour de force ein und vermochten mit einer beklemmenden Ernsthaftigkeit zu überzeugen, Gainsbourg wurde dafür in Cannes als beste Darstellerin geehrt. Ob man für einen guten Film derart zu Kunstblut und Porno greifen muss, mag man allerdings bezweifeln.

«Die Natur ist Satans Kirche», sagt die Frau in einer Szene und man rätselt, wo sich in diesem Film Satan verstecken könnte. Im listig kurz vor dem Sturz lächelnden Kind? In der Frau und Mutter, die ihre Monstrosität nach aussen kehrt und auf dem Scheiterhaufen endet? Oder gar im Mann, der nur ein einziges Mal bei der Beerdigung des Kindes weint und mit seiner Rationalität die Frau in den Wahnsinn treibt?

Eines ist klar: Wenn die drei Bettler erscheinen, muss jemand sterben. Und das wird nicht die Frau sein.

(Tino Richter/news.ch)

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