Apocalypse Again
publiziert: Freitag, 2. Jun 2006 / 11:12 Uhr / aktualisiert: Freitag, 2. Jun 2006 / 11:28 Uhr

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Das Resultat war für den «War-Effort» verheerend. Das Massaker an den unschuldigen Zivilisten war ein entscheidender Faktor, die Stimmung in der amerikanischen Öffentlichkeit gegen den Krieg in jenem fernen Land zu drehen. Als Resultat wurde die Anti-Kriegs-Bewegung stärker, die Unterstützung der Regierung, die ohnehin schon am schwinden war, kollabierte geradezu. George W. Bush liess das jedoch kalt – er hatte sich zu der Zeit in der Nationalgarde versteckt und flog ein wenig im Süden der USA rum.

Genau, nicht vom Irak-Krieg, sondern von Vietnam ist hier die Rede. Und das Massaker ist nicht das von Haditha im letzten November, sondern jenes von My Lai im März 1968. Je nach Quelle wurden damals 350 bis über 500 Menschen von wütend-frustrierten US-Soldaten massakriert. In der ständigen Angst vor den fanatisch und selbstmörderisch Kämpfenden Vietcong, drang die Charlie Company, 1st Battalion, 20th Infantry Regiment, 11th Brigade, Americal Division in My Lay ein. Den Soldaten war gesagt worden, dass sich in dem Dorf nur Vietcong und Sympathisanten finden würden. Die Angst vor dem unfassbaren Gegner entlud sich in einem Blutrausch unter Frauen, Kindern und Greisen. Einige Soldaten versuchten, die Katastrophe zu verhindern, aber der kollektive Morden war nicht aufzuhalten.

Jenes Massaker war ein Fanal, ein Zeichen für einen nicht mehr gewinnbaren Krieg. Auch wenn das Massaker von Haditha weniger Opfer forderte, reflektiert es – genau wie jenes von My Lai – vor allem die Verfassung der Soldaten. Wie im Vietnam scheint im Irak der Gegner nicht zu fassen zu sein. Jeder und jede scheint eine Todesgefahr darzustellen. Der Gegner – ob man ihn nun Freiheitskämper, illegalen Kombattanten oder Terrorist nennt – schlägt zu und verschwindet wieder in der Masse. Selbstmörderische Attaken sind an der Tagesordnung. Die Gefahr ist überall.

Unterdessen wird zu Hause ständig von Fortschritten gesprochen. Dies war im Vietnam-Krieg genau so wie jetzt im Irak. Die verbündeten Truppen des besetzten Landes sind gleichfalls unzuverlässig und haben eigene Interessen. Nichts ist, wie es sein soll. Und alles ist noch viel gefährlicher.

Die Soldaten selbst sind in einer grausamen Situation. Keiner weiss, ob er den Tag überleben wird. Eine Kartonschachtel am Strassenrand kann sowohl Abfall als auch eine Sprengbombe sein. Eine Frau kann in ihrem Kinderwagen sowohl ein Baby als auch 3 Kilo Sprengstoff verbergen. Jeder Tag im Dienst ist ein Tag, der mit dem Tod enden, eine Heimkehr zur Familie verhindern kann. Und über allem schwebt das Gefühl, dass man – als kollektiv, als Armee – den Krieg am verlieren ist. Kein Ausweg und die Hoffnung eine verlöschende Glut.

Dann reicht meistens schon ein Verdacht, ein ungutes Gefühl und plötzlich wird geschossen. Und wenn mal geschossen wird, ist alles zu spät. Die Angst und Machtlosigkeit zerstört noch verängstigtere und machtlosere Menschen. Frauen mit Kindern. Sogar Babies und Greise.

Dieses grausige Morden von Zivilisten ist nicht nur ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, es ist vor allem ein Zeichen dafür, dass der Krieg dabei ist, verloren zu gehen, dass etwas ernsthaft schief gegangen ist.

Das ahnte man ja schon länger. Doch mit den Prozessen und Bildern, die nun auf die US-Öffentlichkeit zukommen, dürfte die ohnehin schwindende Unterstützung des Irak-Krieges noch weiter zurück gehen und der Versuch der Regierung, die Sache zu vertuschen, macht alles noch schlimmer und ist eine weitere Parallel zum Vietnam-Krieg.

Die Bush-Adminstration hatte sich vorgenommen, im Irak einen schnellen, billigen und effektiven Krieg zur speditiven Lösung eines Problems zu führen. Stattdessen erschuf sie ein Menschen und Geld verschlingendes, Leid und Chaos produzierendes Monster, dass immer mehr jenem gleicht, dass vor etwas mehr als dreissig Jahren in Südost-Asien zu Ende gegangen ist. Apocalypse now – again.

(von Patrik Etschmayer/news.ch)

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