Apple ein Jahr ohne Steve Jobs: Nichts ist, wie es war
publiziert: Freitag, 5. Okt 2012 / 12:58 Uhr
Was wohl Steve Jobs dazu meinen würde?
Was wohl Steve Jobs dazu meinen würde?

«Mit Steve Jobs wäre das nicht passiert!», lautet das Leitmotiv vieler Kommentare zu Apples Debakel mit dem fehlerbehafteten eigenem Kartendienst. Selbst die New York Times liess sich zu der Frage hinreissen, ob der legendäre Firmengründer wohl die falschen Adressen-Markierungen und zerknüllten 3D-Bilder toleriert hätte.

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Die aktuelle Debatte um den seltenen Apple-Fehltritt belegt, wie gross die Jobs-Nostalgie ein Jahr nach seinem Tod, der wahre Schockwellen durch die Industrie sowie die Fangemeinde ausgelöst hatte, ist - und dass Erinnerung verklärt: Denn auch unter dem von Spöttern gerne auch als «iGod» bezeichneten Konzernchef lief bei weitem nicht alles rund.

So versiebte Apple 2008 den Start des Cloud-Speicherdienstes MobileMe durch massive technische Probleme. Der für seine Wutausbrüche berüchtigte Jobs tobte und tauschte kurzerhand die Führung des MobileMe-Teams aus. Zwei Jahre später folgte das Antennagate: Vor allem US-Nutzer klagten massenhaft über Empfangsprobleme beim iPhone 4 mit der ungewöhnlichen Design-Lösung, die Antennen in einem Metallring an der Aussenkante unterzubringen.

Damals dauerte es mehrere Wochen, bis Apple auf die wie ein Schneeball anwachsende Kritik reagierte: Jobs lud zu einer Pressekonferenz, in der er dann jedoch das iPhone verteidigte und angebliche Schwächen von Konkurrenzgeräten anprangerte. Die aufgeregten Kunden wurden schliesslich mit einer kostenlosen Schutzhülle für das iPhone besänftigt, das alternative Angebot zur Rücknahme des iPhones wurde dem Vernehmen nach kaum genutzt. Bei den aktuellen Karten-Problemen reagierten die Jobs-Nachfolger viel schneller. Apple gelobte schon nach einem Tag Besserung. Und eine Woche später folgte ein öffentliches «Sorry» des neuen Konzernchefs Tim Cook, gepaart mit der aussergewöhnlichen Ermutigung, vorerst ruhig mal auf Konkurrenzdienste etwa von Google oder Nokia umzusteigen.

Apple öffnet sich unter Tim Cook

Diese grössere Offenheit ist der auffälligste Unterschied zwischen dem Apple der Jobs-Ära und der Handschrift seines Nachfolgers Cook. Nach abermaligen Vorwürfen der Ausbeutung chinesischer Arbeiter beim Auftragsfertiger Foxconn liess der Konzern erstmals externe Prüfer in die Betriebe und veröffentlichte eine Liste aller Zulieferer. Der Austritt aus einem Umweltsiegel wurde schnell wieder zurückgenommen. Und die Aktionäre bekommen die langersehnte Dividende, die Jobs ihnen immer verweigert hat - angesichts des auf rund 120 Milliarden Dollar angewachsenen Geldberges war die bisherige Knausrigkeit allerdings auch immer schwerer zu erklären.

Tim Cook scheint also ganz nach dem letzten Geheiss seines Mentors zu agieren: «Bloss nicht sich die Frage stellen: Was würde Steve tun?» Der Bruch mit scheinbaren bisherigen Dogmen geht bis in technische Details: Das iPhone bekam nach fünf Jahren erstmals einen grösseren Bildschirm, für die nächsten Wochen wird mit einem kleineren iPad-Modell gerechnet, während Jobs die Geräteklasse einst als «Totgeburt» abgestempelt hatte.

Und doch schwebt der Geist des Gründers immer noch über allem, was Apple heute tut: Die strategischen Weichen - iPhone, iPad, Mac-Design, der Online-Speicher iCloud als Herzstück der Apple-Welt - sind alle noch unter Jobs gestellt worden. Auch das neue iPhone 5 wirkt mehr als eine Weiterentwicklung denn als Vorstoss in unbekanntes Terrain. Die erste grosse eigene Innovation oder der erste grosse Fehler von Cook und seiner Mannschaft müssen erst noch kommen.

Auf der zweiten Seite widmen wir uns der Frage, was Tim Cook noch anders macht als Steve Jobs und wie die Zukunft aussieht.

«Wenn Steve Jobs lebte, würde er Tim Cook feuern»

Als solche ultimative Bewährungsprobe zeichnet sich der Vorstoss ins Fernsehgeschäft ab. Seit Monaten wird über den ersten Apple-Fernseher spekuliert. Aber immer noch scheint das Ausbleiben eines Inhalte-Deals mit den mächtigen US-Kabelbetreibern ein Bremsklotz zu sein. Schon der charismatische Jobs hatte jahrelang vergeblich versucht, ihre Blockade zu brechen - und das Fehlen seines berühmten «realitätsverbiegenden Kraftfelds» sei für Apple jetzt das grösste Handicap, urteilte etwa ein Kommentator im Wall Street Journal. Cook sei ein starker Manager - aber eben kein Steve Jobs. «Wenn Steve Jobs lebte, würde er Tim Cook feuern», erklärte kurzerhand das Magazin Forbes.

Jobs war der detailversessene Visionär, der Apple mit einer einzigartigen Serie von Innovationen aus der Beinahe-Pleite auf den Industrie-Olymp beförderte. Er überzeugte im Vorfeld des Starts von iTunes persönlich Musiker wie Bono von U2 oder Neil Young, ihre Scheu vor der Digitalisierung der Musik abzulegen und ihre Songs für den Apple-Musikladen zur Verfügung zu stellen. Legendär ist auch die Geschichte, wie er den US-Konzern Corning dazu brachte, binnen weniger Monate die Produktion einer völlig neuen Glassorte für das iPhone auf die Beine zu stellen - das Gorilla-Glass.

«Ich vermisse Steve jeden Tag»

Der 51-jährige Cook versucht ganz bewusst nicht, Steve Jobs zu imitieren. Die Präsentation des iPhone 5 Anfang September wäre seine Chance gewesen, voll ins Rampenlicht zu treten - das Vorgängermodell hatte Cook noch im Schatten des Übervaters vorgestellt, Jobs starb einen Tag später an den Folgen seines langjährigen Krebsleidens. Doch Cook hielt sich auch jetzt weiter zurück und überliess erneut viel Raum seinen Top-Managern wie Marketing-Mann Phil Schiller. Die Botschaft: Das neue Apple wird von einem Team statt einer einzelnen Lichtgestalt geführt. «Ich vermisse Steve jeden Tag», bekannte Cook im Mai in einem der seltenen Interviews. Aber jetzt bestimmt er die Regeln in Cupertino.

Zugleich könnte das Karten-Debakel die Gewichte in der Apple-Spitze verschieben: Der Dienst fällt als Teil des Betriebssystems iOS in die Verantwortung des ehrgeizigen Scott Forstall, dem Apple-Kenner durchaus auch Chef-Ambitionen nachsagen. Das öffentliche Fehlereingeständnis von Cook macht Forstalls Position nicht gerade stärker. Allerdings habe einst auch der grosse Steve Jobs erst wenige Wochen vor der iPhone-Vorstellung überhaupt eine Karten-App in Auftrag gegeben, die dann schnell zusammengezimmert worden sei, erzählten frühere Mitarbeiter jetzt der New York Times.

(Steffen Herget /teltarif.ch)

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