Apple is Watch(ing) you
publiziert: Mittwoch, 11. Mrz 2015 / 14:16 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 11. Mrz 2015 / 14:38 Uhr
Apple Watch: Mitnichten das Produkt an sich.
Apple Watch: Mitnichten das Produkt an sich.

Der Irrweg in die Biodiktatur bringt immer mehr Spielzeuge hervor, um die Menschen so zu unterhalten, dass sie sich gut gelaunt und freiwillig unter das Schaffot (Blutgerüst) begeben. Darf ich vorstellen: Apple Watch.

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Weiterführende Links zur Meldung:

Interview mit der Autorin
Interview zur Philosophie und Wirkung der Vermessungskritik in der WOZ
woz.ch

Apple Watch - Nomen est omen, George Orwell hätte die Produktbezeichnung nicht besser wählen können. Bedeutet doch «Apple Watch» nicht nur eine neue Uhr der Sündenfallfruchtfirma, sondern vor allem «Überwachung». Nur weil diese freiwillig und privat ist, ändert dies nichts an ihrer Funktion, ihrem Zweck und ihrer Herrschaftswirkung. Seit die öffentlichen Räume unter dem Diktat der US-Amerikanischen Handelspolitik privatisiert werden, nehmen die privaten Verfeinerungstechniken zu. Der Mensch ist nicht nur ein Jahrgangs-, Kilo- und Zentimeterverhältnis («Vermessung der Frau», R.S.), das je nach philosophischer Einbettung organmässig durchaus ausgeweidet werden darf, sondern bei Apple Watch nur noch Produktinformation.

Was die unkritische Vermessung der Politik längst praktiziert und mit der Zürcher Wahlbörse («Demokratie für Zocker» R.S.) des Tagesanzeigers einen weiteren antidemokratischen Höhepunkt erreicht hat, geht nun via Apple direkt unter die Haut. Während die öffentlich-rechtlichen Medien Europas allesamt die neue Uhr wie ihr neues Lieblingsprodukt bewerben (braucht es dafür wirklich Konzessionsgelder?), wissen die Cracks unter uns: Es wird immer heftiger. Der Körper ist eine Aktie, das Leben ein handelbares Wert-und Informationspapier an der Apple-, NSA-, Facebook-, Twitter-, Open-Source-BÖRSE geworden. «Show and share» ist der neue Sklavenmarkt, auf dem sich die Sklaven fröhlich die Ketten völlig freiwillig ums Handgelenk legen.

Sein neues Produkt bewirbt Apple hierzulande ebenso euphorisch wie «denglisch» (Geld für Übersetzer ist in Apples Augen immer fehlinvestiert, schliesslich handelt es sich dabei um Worte, nicht um Zahlen): «Kontext anzeigen, der relevant ist für dein Leben und deinen Terminplan.» Oder: «Die Apple Watch macht deine gesamte Kommunikation noch komfortabler. Und weil du sie am Handgelenk trägst, konnten wir den Signalen und Benachrichtigungen eine neue Komponente hinzufügen...Und mit der Apple Watch kannst du auch auf aussergewöhnliche, ganz spontane Weise mit deinen Freunden kommunizieren - sende Taps, ein Scribble oder sogar deinen Herzschlag.»

Suuuper. Wer möchte alles meinen Herzschlag mitmessen?

Dahinter steckt die Ideologie, dass alles vermessen werden kann und, viel wichtiger: Was gemessen werden kann, kann selbstverständlich immer wieder optimiert werden. Mein Herzschlag - meine Versicherung, meine Lebenserwartung, mein Essverhalten, meine tägliche Gymnastik gib uns heute, ach ja und gerne auch mein prognostiziertes Wahlverhalten...

Der Mensch ist, wie ich als echte, unvermessene Klassikerin der Avantgarde schon 2007 festgestellt habe, nichts weiter als ein Produkt mit entsprechenden Daten. Praktisch an der neuen Apple Watch ist, dass Schlaf-, Herz- und sonstige Gesundheitsrhythmen nicht nur gemessen und verbessert werden können, sondern im Hinblick auf weitere Verwertung (Organspenden, Leihmutterschaft etc.) wertvolle Produkthinweise beinhaltet. In dem Sinn hat Apple durchaus recht, wenn die Fruchtfirma meint: «Apple Watch ist ein neues Kapitel in der Beziehung zwischen Mensch und Technologie.»

Was die meisten Kommentatoren zu Apple Watch nicht realisieren: Apple Watch ist kein neues Apple-Produkt. Das Produkt, das sind wir.

(Regula Stämpfli/news.ch)

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