
Am Sonntagabend konnte man in der ARD Zeuge eines polit-zynischen Stückes Irr-Realpolitik werden. Der Autor Jürgen Todenhöfer interviewte den syrischen Präsidenten Baschar al Assad exklusiv 18 Minuten lang. Selten war ich Zeugin eines solch bösartigen Spektakels, bei dem man sich fast zwingen musste, bis zum Ende durchzuhalten.
Das Assad-Interview
Transkription des Interviews von Todenhöfer mit Assad (auf Englisch)
tagesschau.de
Da wurden aus Rebellen Terroristen, die von den USA finanziert werden, zur Tarnung Armeekleidung tragen und natürlich nicht aus der Bevölkerung stammen, sondern von «aussen» kommen. Da wurde aus seiner Diktatur, eine «politische Herausforderung.» Da verkehrte Assad seine Folterherrschaft in einen «Dienst am syrischen Volk». Ein Volk, das ihn natürlich unterstütze. Auf die Frage Todenhöfers, ob er wirklich meine, er hätte die Mehrheit hinter sich, antwortete er lapidar: «Ja, selbstverständlich.»
Eine krude Sicht der Situation entspricht leider der Realität. Nicht, dass er die Mehrheit hinter sich hätte. Nein! Doch dass er den Aufstand des Volkes gegen sich nur als Herausforderung betrachten muss, hat gewissen Realitätssinn, schaut man auf die machtbesessene und international zerstrittene Gemeinschaft. Denn mehr als noch vor Jahrzehnten gilt: Globalen Interessen oder Konflikten werden immer die Menschen, nie die Geschäfte oder gar die eigene Macht geopfert. Assad machte in dem Interview mit oftmals spöttischem Lächeln den Eindruck, ihm oder seiner Familie könne nichts geschehen.
Wenn man sich die Ohnmacht des Weltsicherheitsrates betrachtet, der zu der Gewalt in Syrien das tut, was er immer tat, nämlich tatenlos zusehen, dann könnte er sogar Recht damit haben. In klassischer Kalter-Krieg Manier stehen sich da der Westen und Russland (flankiert von China) gegenüber. Da werden die Konfliktparteien mit Waffen und Munition (teilweise auch aus der Schweiz und Deutschland) versorgt, ohne Scham und internationalen Gegendruck.
Das unter Putin ganz à la Zar gelenkte Russland denkt gar nicht daran, den Mittelmeerraum mehr und mehr den Menschen und deren Wunsch nach Demokratie zu überlassen. Schliesslich lässt sich unter Diktatoren gut Geschäfte machen. Vor allem wenn sich die nationalen Exportschlager aus Kampfflugzeugen, Chemie und Waffensystemen statt aus Autos, Sonnenkollektoren oder nachhaltig produzierten Gebrauchsgegenständen zusammensetzen.
Zwar hat Russland gerade die Lieferung von 40 Kampfflugzeugen an Syrien auf Eis gelegt, allerdings nur vorerst. Ansonsten bleibt alles beim Alten: Russland beliefert das Regime und die westlichen Staaten die Rebellen. Bei so viel Geschäftstüchtigkeit von beiden Seiten hat man als Diktator wahrscheinlich wirklich gut lächeln.
Assad zeigte in dem Video deutlich, warum sich der Westen so schwer tut mit seinen Friedensbemühungen. Denn obwohl wir täglich fast ertrinken in der Bilder- und Informationsflut, tun wir uns mit der Verifizierung des Gesehenen schwer. Wenn jeder jederzeit alles zeigen kann, ist auch der Manipulation Tür und Tor geöffnet. Und genau damit spielt Assad clever, indem er frech behauptet, die «Terroristen» würden sich als Armeeangehörige verkleiden. Gelernt hat er das Lügen von den USA: Die haben die internationale Gemeinschaft mit Lügen, Vertuschen und falschen Behauptungen im Irakkrieg grandios vorgeführt.
Selbst wenn die Wahrheit einem mit Macht ins Gesicht schreit - die modernen Bilder- und Herrscherdiktaturen haben schon längst alles relativ gemacht. Wenn Gut und Böse aber keine Frage der Rechtsstaatlichkeit mehr sind, können sich die Assads dieser Welt noch lange halten. Wie ein gewiefter Wall Street Anwalt erzählt Assad gerade soviel Unwahrheit, dass sich Russland und China dadurch weisswaschen können. Assad meint schamlos: «Schaut Euch doch in den Strassen von Damaskus um!», wohlwissend, dass er im Zweifelsfall immer potemkinsche Dörfer präsentieren kann.
Bei soviel Arroganz erscheinen einem die Friedensbemühungen von Kofi Annan noch hilfloser. Assad spielt mit dem westlichen Ausland, weil dieses überfordert ist, nach Libyen und Ägypten noch einen weiteren instabilen Staat in unmittelbarer Nachbarschaft zu verkraften.
Würde es der Westen wirklich ernst meinen, dann sähe Syrien schon längst anders aus - auch die Konten Assads wären in der Schweiz schon längst eingefroren. Dann würden keine geostrategischen Machtspiele auf dem Rücken der syrischen Bevölkerung ausgetragen. Dann würde Baschar al Assad auch nicht interviewt, sondern vor dem internationalen Gerichtshof als Mörder seines eigenen Volkes angeklagt.
(Regula Stämpfli/news.ch)
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