Arabischer Medienzyniker
publiziert: Mittwoch, 11. Jul 2012 / 08:45 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 11. Jul 2012 / 09:06 Uhr
Problemlos die Realität umgedreht: Baschar al Assad.
Problemlos die Realität umgedreht: Baschar al Assad.

Am Sonntagabend konnte man in der ARD Zeuge eines polit-zynischen Stückes Irr-Realpolitik werden. Der Autor Jürgen Todenhöfer interviewte den syrischen Präsidenten Baschar al Assad exklusiv 18 Minuten lang. Selten war ich Zeugin eines solch bösartigen Spektakels, bei dem man sich fast zwingen musste, bis zum Ende durchzuhalten.

4 Meldungen im Zusammenhang
Weiterführende Links zur Meldung:

Das Assad-Interview
Transkription des Interviews von Todenhöfer mit Assad (auf Englisch)
tagesschau.de

Assad beantwortete die sehr präzisen Fragen Todenhöfers nach Opferzahlen und politischer Verantwortung, indem er die Realitäten, die unabhängige Beobachter und die UNO vor Ort vorfanden, einfach umdrehte.

Da wurden aus Rebellen Terroristen, die von den USA finanziert werden, zur Tarnung Armeekleidung tragen und natürlich nicht aus der Bevölkerung stammen, sondern von «aussen» kommen. Da wurde aus seiner Diktatur, eine «politische Herausforderung.» Da verkehrte Assad seine Folterherrschaft in einen «Dienst am syrischen Volk». Ein Volk, das ihn natürlich unterstütze. Auf die Frage Todenhöfers, ob er wirklich meine, er hätte die Mehrheit hinter sich, antwortete er lapidar: «Ja, selbstverständlich.»

Eine krude Sicht der Situation entspricht leider der Realität. Nicht, dass er die Mehrheit hinter sich hätte. Nein! Doch dass er den Aufstand des Volkes gegen sich nur als Herausforderung betrachten muss, hat gewissen Realitätssinn, schaut man auf die machtbesessene und international zerstrittene Gemeinschaft. Denn mehr als noch vor Jahrzehnten gilt: Globalen Interessen oder Konflikten werden immer die Menschen, nie die Geschäfte oder gar die eigene Macht geopfert. Assad machte in dem Interview mit oftmals spöttischem Lächeln den Eindruck, ihm oder seiner Familie könne nichts geschehen.

Wenn man sich die Ohnmacht des Weltsicherheitsrates betrachtet, der zu der Gewalt in Syrien das tut, was er immer tat, nämlich tatenlos zusehen, dann könnte er sogar Recht damit haben. In klassischer Kalter-Krieg Manier stehen sich da der Westen und Russland (flankiert von China) gegenüber. Da werden die Konfliktparteien mit Waffen und Munition (teilweise auch aus der Schweiz und Deutschland) versorgt, ohne Scham und internationalen Gegendruck.

Das unter Putin ganz à la Zar gelenkte Russland denkt gar nicht daran, den Mittelmeerraum mehr und mehr den Menschen und deren Wunsch nach Demokratie zu überlassen. Schliesslich lässt sich unter Diktatoren gut Geschäfte machen. Vor allem wenn sich die nationalen Exportschlager aus Kampfflugzeugen, Chemie und Waffensystemen statt aus Autos, Sonnenkollektoren oder nachhaltig produzierten Gebrauchsgegenständen zusammensetzen.

Zwar hat Russland gerade die Lieferung von 40 Kampfflugzeugen an Syrien auf Eis gelegt, allerdings nur vorerst. Ansonsten bleibt alles beim Alten: Russland beliefert das Regime und die westlichen Staaten die Rebellen. Bei so viel Geschäftstüchtigkeit von beiden Seiten hat man als Diktator wahrscheinlich wirklich gut lächeln.

Assad zeigte in dem Video deutlich, warum sich der Westen so schwer tut mit seinen Friedensbemühungen. Denn obwohl wir täglich fast ertrinken in der Bilder- und Informationsflut, tun wir uns mit der Verifizierung des Gesehenen schwer. Wenn jeder jederzeit alles zeigen kann, ist auch der Manipulation Tür und Tor geöffnet. Und genau damit spielt Assad clever, indem er frech behauptet, die «Terroristen» würden sich als Armeeangehörige verkleiden. Gelernt hat er das Lügen von den USA: Die haben die internationale Gemeinschaft mit Lügen, Vertuschen und falschen Behauptungen im Irakkrieg grandios vorgeführt.

Selbst wenn die Wahrheit einem mit Macht ins Gesicht schreit - die modernen Bilder- und Herrscherdiktaturen haben schon längst alles relativ gemacht. Wenn Gut und Böse aber keine Frage der Rechtsstaatlichkeit mehr sind, können sich die Assads dieser Welt noch lange halten. Wie ein gewiefter Wall Street Anwalt erzählt Assad gerade soviel Unwahrheit, dass sich Russland und China dadurch weisswaschen können. Assad meint schamlos: «Schaut Euch doch in den Strassen von Damaskus um!», wohlwissend, dass er im Zweifelsfall immer potemkinsche Dörfer präsentieren kann.

Bei soviel Arroganz erscheinen einem die Friedensbemühungen von Kofi Annan noch hilfloser. Assad spielt mit dem westlichen Ausland, weil dieses überfordert ist, nach Libyen und Ägypten noch einen weiteren instabilen Staat in unmittelbarer Nachbarschaft zu verkraften.

Würde es der Westen wirklich ernst meinen, dann sähe Syrien schon längst anders aus - auch die Konten Assads wären in der Schweiz schon längst eingefroren. Dann würden keine geostrategischen Machtspiele auf dem Rücken der syrischen Bevölkerung ausgetragen. Dann würde Baschar al Assad auch nicht interviewt, sondern vor dem internationalen Gerichtshof als Mörder seines eigenen Volkes angeklagt.

(Regula Stämpfli/news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
3
Forum
Machen Sie auch mit! Diese news.ch - Meldung wurde von 3 Leserinnen und Lesern kommentiert.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Tripoli - Der Syrien-Sondergesandte Kofi Annan hat seine Bemühungen im Nahen Osten um eine diplomatische Lösung im ... mehr lesen
Kofi Annan besuchte Bagdad.
Wadi Chaled - Das syrische Militär hat Augenzeugen zufolge mehrere Dörfer im Norden Libanons beschossen und dabei ... mehr lesen
Baschar al-Assad
’religiöse’ Fanatiker gibt es überall
Islamisten leben nicht zwangsläufig in ’Arabien’. Mali liegt meines Wissens in Westafrika.
ARABIEN
In welchem Land will welche religiöse Gemeinde die Pyramiden zerstören?
nur der eigene Vorteil zählt
Wer nimmt Todenhöfer noch ernst? Mit welchem Land verhandelt Doris Leuthard z. Zt. über eine vertiefte Energiezusammenarbeit? Wo befindet sich Johann Schneider gerade auf Arbeitsbesuch? Solange mit Politikern verhandelt wird, welche die Menschenrechte mit Füssen treten, solange wird es auf dieser Erde brennen. Auch ’die Schweiz’ (bzw. die auf die eigenen Vorteile bedachten Vertreter unseres Landes) mischt da mit.
Margot Wallström: Nannte das Badawi-Urteil «nahezu Mittelalterlich». Erntete von den europäischen Medien peinliches Schweigen.
Margot Wallström: Nannte das Badawi-Urteil ...
Inmitten der neoliberalen Beutelung Griechenlands publiziert Wikileaks brisante Quellen zu Saudi-Arabien. Wir erinnern uns: Das schweizerische SECO rühmt sich seit Jahren der «ausgezeichneten Beziehungen» mit dem Frauen-Apartheidsstaat. Ob das SECO wohl auch ein Grundgehalt von 7500 Euro für positive Berichterstattung erhalten hat? mehr lesen 
Menschenrechtsorganisationen kritisieren die harte Strafe.
Keine Gnade für saudischen Blogger Badawi Riad - Das international heftig umstrittene Urteil gegen den liberalen Blogger Raif Badawi aus Saudi-Arabien bleibt bestehen. Das ... 1
Freilassung des Bloggers Badawi gefordert London - Ein Jahr nach der Verurteilung des saudischen Bloggers Raif Badawi zu ... 1
«Es geht nicht darum, dass es unhöflich ist, in der Öffentlichkeit ,Nigger' zu sagen», meinte Präsident Obama nach dem rassistisch motivierten Terrorakt von Charleston. Es gehe darum, die langjährige ... mehr lesen
US-Supreme-Court: Die Rassismus-Uhr ungestraft zurück gedreht.
Nikki Haley ist für die Verbannung der Konföderierten-Flagge, was für sie nach dieser Tragödie 'nur angemessen' wäre.
US-Gouverneurin will Konföderierten-Flagge vom Kapitol entfernen Columbia - Nach dem mutmasslich rassistisch motivierten Kirchen-Massaker in South Carolina will die ...
Ein Freudenfest für die Füsse.
Typisch Schweiz Barfussweg Wildmanshöhe, Guttannen, BE Was gibt es schöneres als über Moos zu gehen? Man ...
Shopping Buddy Buddy (Fullmovie) Walter Matthau war einzigartig, eine permanente Antifigur, meistens grantig, wenig lächelnd, aber immer unglaublich komisch. Am 1. Juli 2000 verstarb der lustige Kauz, der seine ...
Regenbogenfamilienplanung.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Margot Wallström: Nannte das Badawi-Urteil «nahezu Mittelalterlich». Erntete von den europäischen Medien peinliches Schweigen.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
Wer ist schrecklicher: Diese IS-Barbaren oder die White-Collar-Terroristen der Euro-Gruppe?
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Reisfeld in Nordkorea (2014): In diesem Jahr dörren die Felder aus.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Wenn Sie das im Garten sehen können Sie entweder ihr Leben dem Elefanten widmen oder einen Realitätscheck durchführen.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
MI DO FR SA SO MO
Zürich 19°C 26°C sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos
Basel 13°C 29°C sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos
St.Gallen 18°C 29°C sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos
Bern 15°C 32°C sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos
Luzern 18°C 32°C sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos
Genf 17°C 34°C sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos sonnig und wolkenlos
Lugano 23°C 30°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig
mehr Wetter von über 6000 Orten