Athen 2004 - Von nun an ein Marathon im Sprinttempo
publiziert: Sonntag, 1. Okt 2000 / 12:56 Uhr

Sydney - Als Athens Bürgermeister Dimitris Avramopolous am Sonntagabend in Sydney die Olympische Fahne von Juan Antonio Samaranch erhielt, übernahm der Grieche eine grosse Bürde. "Athen muss nun den Marathon im Sprinttempo zurücklegen", sagt der Belgier Jacques Rogge. Was der Favorit auf die Nachfolge des IOC- Präsidenten nicht so direkt ausspricht, lautet: Athen hat die ersten drei Jahre der Vorbereitungszeit vergeudet. Nun ist die Not gross.

Kein führendes IOC-Mitglied mag bestätigen, dass es für den Fall des olympischen Crashs einen Notplan gibt. "Wir haben bisher mit keinem Wort darüber gesprochen", sagt IOC-Vizepräsident Thomas Bach. Gesprochen hat man nicht, wohl aber daran gedacht. Die Spiele 2004 sind für Milliarden-Beträge an TV-Stationen und Sponsoren längst verkauft. Das IOC kann es sich gar nicht erlauben, vier Jahre nach den Hochglanzspielen von Sydney ein mangelhaftes Produkt zu offerieren.

So sind von allen Seiten erst einmal Durchhalte-Parolen angesagt. "Athen wird es schaffen. Es ist auf dem richtigen Weg", meint Samaranch. "Ich vertraue den Griechen. Sie sind Meister der Improvisation", sagt NOK-Präsident Walther Tröger. "Wir werden unser Versprechen halten", versichert Gianna Angelopoulos-Daskalaki (43). Die Frau eines steinreichen Reeders und ehemalige Parlaments- Abgeordnete hat die Spiele vor drei Jahren als Bewerbungschefin fast im Alleingang nach Athen geholt. In der Zeit grösster Not ist die "First Class Lady" (Samaranch) vor einigen Monaten an die Spitze des Organisationskomitees (ATHOC) berufen worden. Es war eine Folge des Samaranach-Ultimatums: "Entweder Athen sputet sich, oder wir müssen über eine Verlegung der Spiele nachdenken."

Lady Gianna brachte ihr eigenes Team mit, stellte ATHOC auf den Kopf und bedrängt nun die Regierung, den viel zu knappen Zeitplan zu verändern. Die Regierung hat den März 2004 als Deadline für die Fertigstellung der Bauten angegeben. Gianna Angelopoulos-Daskalaki drängt nun darauf, den Termin auf Ende November vorzuverlegen. Alles andere, so heisst es in der IOC-Führung, sei "unakzeptabel".

Die zu bewältigenden Probleme sind schier unendlich. Wie schon vor drei Jahren bei der Bewerbung heisst es immer noch, 30 Prozent der Wettkampfstätten müssten noch fertig gestellt werden. Noch immer ist das Olympische Dorf nicht in Angriff genommen worden. Trotz eines neuen Flughafens, der im kommenden Jahr eingeweiht werden soll, trotz der neuen U-Bahn mit einer Beförderungskapazität von 400 000 Personen, trotz eines geplanten neuen Stadtrings - es drohen riesige Transportprobleme. Es drohen Probleme der Unterbringung, noch immer fehlen 25 000 Betten. Es droht, trotz eines Milliarden-Programms, eine durch Schadstoffe schwer belastete Luft. Und dies in der Augusthitze mit alles anderem als Athleten- freundlichen Bedingungen.

Geldprobleme drohen sowieso, denn die Regierung muss rund eine halbe Milliarde Mark zum Ausgleich des ATHOC-Budgets von rund 3 Milliarden Franken übernehmen. Zusammen mit den Verbesserungen der Infrastruktur sind Ausgaben von 9,6 Milliarden Franken geplant. Rund 1,6 Milliarden davon will die EU aus ihrem Infrastruktur-Programm beisteuern. Und es drohen besondere Sicherheitsprobleme. Die Furcht vor Terroranschlägen ist in Griechenland gross.

130 Abgesandte aus Athen haben in den 17 olympischen Tagen von Sydney studieren können, welch enormer Aufwand erforderlich ist, um erfolgreiche Spiele zu organisieren. Notwendig war dabei die Akkreditierung einer mittleren Grossstadt, nämlich 140 000 Personen. "Ich habe ihnen gesagt, versucht bloss nicht, das Rezept von Sydney kopieren zu wollen. Sonst erlebt ihr ein Desaster. Macht speziell griechische Spiele", hat Thomas Bach seinen griechischen Gesprächspartnern in Sydney geraten, darunter Aussenminister Giorgos Papandreou.

So heisst denn auch Athens Motto: "Die Spiele kehren heim." Und Gianna Angelopoulos-Daskalaki hat sich am Sonntag selbst Mut gemacht: "Mit der Schlusszeremonie ist die Fackel der Verantwortlichkeit auf Athen übergegangen. Wir werden den Spielen 2004 eine triumphale Rückkehr bereiten".

(klei/sda)

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