Auf dem unterirdischen Tiefpunkt angelangt
publiziert: Freitag, 12. Sep 2008 / 07:21 Uhr / aktualisiert: Freitag, 12. Sep 2008 / 07:39 Uhr

Ohne Grund, ohne Not, ohne Mut und ohne erklärbaren Hintergrund sind die Schweizer gegen Luxemburg mit einem epochal peinlichen 1:2 auf einen neuen Tiefpunkt abgestürzt. Die Blossstellung durch die Nummer 152 des FIFA-Rankings ist aus SFV-Sicht beispiellos.

Führt Ottmar Hitzfelds Truppe nun das Pleiten-Ranking an?
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1990 amüsierte sich die europäische Fussball-Gemeinde über das epochale Fiasko Österreichs. Über das 0:1 gegen die international nahezu unbekannten Färöer lachten die Schweizer nicht am wenigsten laut. 18 Jahre später wurde Austria in der «Schlechtesten-Liste» abgelöst. Neu kommt den Schweizern die zweifelhafte Ehre zu, das Ranking der Blamierten anzuführen. Und beklagen dürfen sie sich darüber nicht. Ihre Vorstellung gegen Luxemburg war eher fünft- als viertklassig, noch schlechter als beim Fiasko in Baku (0:1 gegen Aserbaidschan) 1996.

Mario Mutsch, seit einem Jahr beim FC Aarau beschäftigt und zuvor luxemburgischer «Wanderarbeiter» in der 3. Liga von Belgien, belegte die Schweizer hinterher mit der verbalen Höchststrafe: «Ich habe mich schon ziemlich gewundert, dass wir gar nie richtig unter Druck geraten sind.»

«Wir wollen die Sieger sehen»

Er täuschte sich nicht. Ausser dem 1:1, einer Chance Yakins und dem Lattenschuss von Lustrinelli hatten die Schweizer nichts zu bieten - gegen ein Team notabene, das hinter Exoten wie Mauretanien, Swasiland und dem südpazifischen Inselstaat Vanuatu klassiert ist!

Der Bus der Luxemburger stand bereit. Nein, nicht für den Transfer zum Flughafen, sondern zur stundenlangen Rückfahrt ins Grossherzogtum. Im Team der Weltranglisten-Nummer 152 sind keine, ins feine Tuch gehüllte Euro-Millionäre engagiert, die «Fédération Luxembourgeoise de Football» (FLF) verwöhnt die die Spieler nicht mit Luxus-Arrangements. Die Zahl der Delegationsmitglieder ist übersteigt jene der Fussballer nicht.

Noble Einstellung

Nobel ist bei ihnen im Normalfall nicht die Unterkunft, sondern die Einstellung, auch als europäischer Dauerverlierer nie hoffnungslos zu sein. Die Schweizer hingegen investieren ungezählte Millionen in das Projekt «Südafrika 2010».

Im In- und Ausland kommt für sie nur immer eine Herberge der obersten Preisklasse in Frage. Der über die Jahre aufgeblähte Stab bucht selbstverständlich einen Platz in der Business-Class. Für die Funktionäre ist der Höhenflug weitergegangen - trotz dem enttäuschenden EM-Out nach 180 Minuten.

Berauscht vom neuen Star-Trainer Ottmar Hitzfeld, beseelt von der seit bald einem Jahrzehnt auffallend guten Stimmung und entspannt, befassten sich die Schweizer mit den Zwergen aus dem Fussball-Niemandsland. Mit dem Super-GAU rechnete niemand, auch die Journalisten nicht.

Höhe des Sieges debattiert

Alle überboten sich im Vorfeld mit Eigenlob. Die Höhe des Sieges stand zur Debatte, ein allfälliges Krisenmanagement wurde nie thematisiert. Selbst der naiv verspielte 2:0-Vorsprung gegen Israel trat in den Hintergrund.

Innerhalb von 95 ausnahmslos miserablen Minuten ist die kunstvoll inszenierte «Hitzfeld-Mania» dem kollektiven Schockzustand gewichen. Ob der schlimmste Fehltritt vor eigenem Publikum ein Nachbeben auslösen wird, ist nicht abzusehen, aber anzunehmen. Klar ist nur, dass die Verlierer des Jahres von einer europäischen Welle der Häme überflutet werden. Nicht nur die englische «Times» schrieb von der «ultimativen Erniedrigung».

Skurrile Szenerie

«Wir wollen die Sieger sehen», sangen die rund 50 Luxemburger Anhänger hinter dem Letzigrund. Sie genossen die abgedroschene Strophe und wiederholten sie endlos. Nur die Queen-Hymne «We are the Champions» ersparten sie den traumatisierten Gastgebern.

So viel Sarkasmus lag ihnen offenkundig fern. Und mit mehr Kreativität mochten sie den Coup von Zürich nicht zelebrieren. Den Fans fehlt schlicht die Erfahrung im Jubeln. Vor dem 2:1 gegen die Schweizer hat die FLF-Auswahl 58 von 59 Partien in der EM- oder WM-Qualifikation verloren.

Die Szenerie in und ausserhalb des Stadions wirkte so oder so skurril, kaum fassbar; weder für die direktbeteiligten Schweizer noch für die Zuschauer. Derweil die wild feierenden Nobodys den Meilenstein ihrer 100-jährigen Verbandsgeschichte mit zwei Kisten Bier des SFV-Sponsors begossen, rangen die Blossgestellten in Hörweite vor den TV-Kameras um notdürftige Erklärungen. So sehr sie sich bemühten, so wenig gelang es ihnen, das Unvorstellbare in plausible Worte zu fassen.

Perfekte Voraussetzungen, perfektes Debakel

Der uneingeschränkte Favorit liess sich nicht auf den Schafsinseln oder auf einem maltesischen Sandplatz in La Valletta vorführen. Das Unfassbare leisteten sich die Schweizer auf einem perfekt präparierten Rasen vor über 20'000 euphorischen Fans. In vertrauter Umgebung und unter vermeintlich perfekten Voraussetzungen schlitterten sie ins Debakel.

Raum für Ausreden gibt es nicht. Besondere äussere Einflüsse konnten selbst die «Jahrhundert-Pleitiers» (Blick) nicht erfinden. Sturmböen kamen am Mittwochabend in Zürich nicht auf, nur ein gewaltiger Sturm der Entrüstung fegte durch die Arena. Die beispiellose Demütigung ist unentschuldbar, ihre Tragweite ist kaum absehbar. Das 1:2 gegen Luxemburg ist mehr als eine Schädigung des Images, das unglaublich blamable Resultat wirft einen riesigen Schatten über die gesamte WM-Kampagne.

Schwärzester Heimspielabend

Der 10. September 2008 wird als schwärzester Heimspielabend in die 113-jährige Geschichte des SFV eingehen. Alle 14 eingesetzten Schweizer und vor allem ihr abgrundtief enttäuschter Star-Trainer Ottmar Hitzfeld werden die monumentale Niederlage nicht aus dem Lebenslauf löschen können. Ob die Blamage im Verlauf dieser WM-Qualifikation überhaupt noch zu korrigieren ist, muss ernsthaft bezweifelt werden.

Captain Alex Frei, der bei seinem Comeback gegen die luxemburgischen Amateure nichts bewirkt hatte, warnte zwar vor einer «Selbstzerfleischung», den verheerenden Fakten kann sich aber auch der wortgewandte Rekordtorschütze nicht entziehen. Frei und Co. wären angesichts des Desasters gut beraten, die 20'500 Leidensgenossen, die den Letzigrund füllten, mindestens mit einem Gratis-Ticket zu entschädigen. Anders ist der Kreditverlust bei einem Totalausfall dieser Grössenordnung kaum zu kompensieren.

(Sven Schoch /Si)

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