Aus Tersnaus ins Rampenlicht
publiziert: Montag, 23. Jul 2012 / 16:48 Uhr
Nino Schurter peilt eine Goldmedaille in London an.
Nino Schurter peilt eine Goldmedaille in London an.

Nino Schurter (26) ist eine der grössten Schweizer Gold-Hoffnungen für die Olympischen Spiele in London. Der Mountainbiker möchte den nächsten Meilenstein in seiner Karriere setzen.

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2008 nahm Nino Schurter als erster Sportler aus der rätoromanischen Schweiz an Olympischen Sommerspielen teil. Und er konnte auf der grossen Bühne sogleich Spuren hinterlassen. Der im 100-Seelen-Dörfchen Tersnaus aufgewachsene Jüngling war ausgezogen, um in der Millionen-Metropole Peking Bronze zu erobern. Er stiess den weitaus erfahreneren Landsmann Christoph Sauser vom Podest. Die Experten prophezeiten schon damals, dass der Bündner 2012 in London reif für Gold sein würde.

Ideales Umfeld

Schurter ist in den letzten vier Jahren den hohen Erwartungen gerecht geworden. Er mischt seit Peking permanent an der Weltspitze mit. 2009 in Canberra (Au), in seinem ersten Jahr bei der Elite, schnappte er dem französischen Doppel-Olympiasieger Julien Absalon den WM-Titel weg. Schurter schaffte den Sprung vom Supertalent zum Shooting-Star der Szene. Aufgetankt mit Selbstvertrauen hat er die Gegner das Fürchten gelehrt.

In der bisherigen Laufbahn ist es für Schurter praktisch nur aufwärts gegangen. Dies verdankt der gelernte Mediamatiker auch seinem Umfeld. Mountainbike-Pionier Thomas Frischknecht als Chef seines Rennstalls und Nicolas Siegenthaler als Privat-Coach bieten ihm ideale Trainingsbedingungen. Von seinem langjährigen (Marken-)Kollegen Florian Vogel wird er immer wieder aufs Neue herausgefordert. Mechaniker Erwin Wildhaber stellt ihm perfekt präparierte Bikes hin.

Selbstvertrauen dank Wunderwaffe

In den vergangenen Monaten haben Schurter und seine Crew nichts dem Zufall überlassen und mit Akribie Details gepflegt. Auf allen Ebenen ist brachliegendes Potenzial ausgereizt worden. Nach der Silbermedaille an den Heim-Weltmeisterschaften in Champéry hat sich Schurter Mandel- und Nasen-Operationen unterzogen, um gesundheitliche Probleme in den Griff zu kriegen. Auf Hightech-Rollbändern und Simulatoren gewöhnte sich das Aushängeschild des VC Surselva an die in London zu erwartenden Belastungen. Die Renn-Einsätze in diesem Jahr wurden sorgfältig ausgewählt. Weniger ist mehr, lautete die Devise. Den letzten Schliff holte er sich im Höhentrainingslager in der Abgeschiedenheit von Muottas Muragl.

Im Materialbereich hat man das Tüfteln intensiviert. Mit dem Resultat, dass beim Saison-Auftakt nach einer Geheimniskrämerei ein Prototyp präsentiert werden konnte. Schurters Team überraschte die Konkurrenz kurz vor Olympia mit neuen Felgen- und Rahmengrössen. Zuvor waren nur 26- und 29-Zoll-Räder verwendet worden. Schurter konnte nun im März in Südafrika als erster Cross-Country-Spezialist mit 27,5 Zoll ein Weltcup-Rennen gewinnen. Dieses Mass passt zu den Proportionen des 173 cm grossen Sportlers. Kraftübertragung und Rolleffekt kommen besser zur Geltung. «Es gibt dabei auch einen mentalen Faktor», meint Thomas Frischknecht, «es verlieht einem Schub, wenn man weiss, dass man mit einer Wunderwaffe am Start steht.» Jüngste Errungenschaft ist ein innovatives Schaltsystem, mit dem weitere 200 Gramm eingespart werden können. Schurters Rennmaschine der Marke Scott (Wert zirka 15'000 Franken) wiegt um die acht Kilogramm.

Man fragt sich, ob für Schurter auf der Jagd nach Olympia-Gold überhaupt noch etwas schiefgehen kann? Gespannt darf man in London auf die Auftritte von Titelverteidiger Julien Absalon und Weltmeister Jaroslav Kulhavy (Tsch) sein. Sie haben wahrscheinlich heuer ihre Karten noch nicht aufgedeckt. Allerdings möchte er nicht zu viel Energie für die Beschattung dieses Duo aufwenden. «Wenn ich mich auf Absalon und Kulhavy konzentriere, kommt am Ende urplötzlich ein anderer, den ich nicht auf der Rechnung hatte. Also macht es am meisten Sinn, wenn ich primär auf mich selber schaue.» Und bei allen rosigen Aussichten für Schurter darf nicht vergessen werden, dass jeder aufgrund eines Defekts von der einen Sekunde auf die andere aus der Entscheidung fallen kann. Diese bittere Erfahrung musste Schurter an den Weltmeisterschaften 2010 in Mont-Sainte-Anne (Ka) machen, als er nach einer regelrechten Pechsträhne lediglich Vierter wurde.

Strasse aktuell kein Thema

Privat mag es Schurter eher ruhig. Er ist ein besonnener Typ. Einen grossen Teil der Freizeit widmet er der Regeneration. Er erholt sich zuhause in Chur mit seiner Freundin Nina, mit Musik von «Coldplay», beim Freeriden oder bei einer Runde Golf. Schurter hat sich in jungen Jahren durch seine Erfolge im Cross Country einen ansehnlichen Status erarbeiten können. Weil er diesen nicht aufs Spiel setzen möchte, denkt er (noch) nicht an einen Wechsel auf die Strasse. Obwohl in der jüngeren Vergangenheit viele Ex-Mountainbiker bewiesen haben, dass sie fähig sind, eine Rundfahrt wie die Tour de France zu prägen. Schurter könnte sicher auch auf Asphalt ein Stück rätoromanische Geschichte schreiben.

(fest/Si)

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