Am Ende eines Tages zwischen Hoffen und Bangen lag das Schicksal des Schweizer Teams in den Händen und Füssen von sechs Weissrussen. Vor Jahresfrist in Rotterdam, als die Auswahl des Schweizerischen Turnverbandes um 4,2 Punkte besser turnte als am Sonntag im Tokyo Metropolitan Gymnasium, belegten die Osteuropäer unmittelbar hinter ihnen den 16. Rang. Nun war die Ausgangslage klar: Schiebt sich Weissrussland dieses Mal vor die Schweiz, ist deren Traum von der Olympia-Teilnahme mit einer ganzen Mannschaft bereits ausgeträumt.
Als die Weissrussen am Schweizer Zittergerät Pferdpauschen, ihrer vorletzten Station, 4,6 Punkte mehr holten, war der virtuelle Zweikampf entschieden. Am Ende betrug die Differenz 1,929 Punkte. Dass sich die Mienen im Schweizer Lager wenig später für kurze Zeit aufhellten, lag an Pascal Bucher. Der 21-jährige Zürcher qualifizierte sich als 24. gerade noch für den Mehrkampffinal vom Freitag - mit 0,09 Punkten Reserve. Bucher profitierte davon, dass China nur einen Athleten alle sechs Geräte turnen liess und so einen Finalplatz herschenkte. "Für mich persönlich ist das eine tolle Sache, das Mannschaftsresultat überschattet die Finalqualifikation gesamthaft aber schon", sagte Bucher.
Vergebliches Anrennen seit 1992
Die Namen der Turner und Trainer wechseln, das Verdikt bleibt das gleiche. Es ist das fünfte Mal in Folge, dass eine Schweizer Mannschaft den Kampf um die Olympia-Qualifikation verliert; die Frauen warten sogar schon seit 1984. Bei den Männern war es zuletzt zweimal knapp geworden. 2003 in Anaheim fehlten nur 0,4 Punkte, 2007 in Stuttgart 2,8. Das Scheitern in Tokio hat eine andere Dimension. Statt wie bisher zwölf qualifizieren sich nach einer Modusänderung nur noch die besten acht Nationen direkt für den Mega-Event. Die Teams in den WM-Rängen 9 bis 16 machen im Januar 2012 an einem Testwettkampf in der Olympia-Halle in London die vier weiteren Startplätze unter sich aus. Die Schweiz wird dannzumal nur mit zwei Einzelturnern um einen Quotenplatz kämpfen. "Jetzt ist die Situation eingetroffen, mit der wir nie gerechnet haben", stellte Captain Manuel Rickli ernüchtert fest.
Ausgerechnet das hoffnungsvolle Team in der Rhythmischen Gymnastik (eine Sportart, die verbandsintern mehrmals auf der Kippe stand) muss nun für den STV am Testwettkampf die Kohlen aus dem Feuer holen. Von ihren Kunstturnern hatten sich die Verbandsoberen in Tokio einen 12. Rang erhofft, der 17. ist deshalb als mittleres Debakel zu werten. Weit schwerer als der am Sprung zugezogene Kreuzbandriss von Daniel Groves wog die Fehlerorgie am Pauschenpferd. Wer die Turner in den letzten Wochen an diesem Gerät beobachtet hat, für den ist klar: Zufall war diese Schwäche nicht. Im Gegenteil: Sie wird immer mehr zur unschönen Tradition.
Cheftrainer Fluck und sein Skoda
Cheftrainer Beni Fluck fand nach dem missglückten Auftritt klare Worte. "Das Kunstturnen hat sich weltweit extrem entwickelt, wir haben an unserem System seit 20 Jahren nichts Grundlegendes mehr verändert", sagte der Zürcher. Fluck stellte das Geschehene gleich in einen noch grösseren Zusammenhang und reagierte so, wie das bei Misserfolgen von Schweizer Sportlern immer häufiger reflexartig geschieht. Die Stich- und Schlagworte: zu geringer Stellenwert des Spitzensports in der Gesellschaft, der Konflikt zwischen Schule oder Beruf und Sportkarriere, eingeschränkte personelle und finanzielle Ressourcen. Doch all diese Faktoren sind bekannt, wenn Flucks Vorgesetzte jeweils die Ziele definieren. "Der Erwartungsdruck des Verbandes ist extrem. Aber mit einem Skoda kann man kein Autorennen gewinnen", sagte Fluck.
Er spricht damit das beschränkte Potenzial seiner Mannen an. Die Systemkritik richtet sich keineswegs gegen den Betrieb in Magglingen, wo die Nationalkader ihre Trainingsbasis haben. "Ich sage zu BASPO-Direktor Matthias Remund immer. Wir haben hier oben das Paradies, die Bedingungen sind perfekt. Aber wir bräuchten in jeder Region ein Magglingen." Doch die sieben Regionalen Leistungszentren (RLZ), in denen der Nachwuchs geformt wird, sind von den Zwängen des Schul- und Bildungssystems trotz Fortschritten besonders betroffen. In einer Sportart, die wie das Kunstturnen zu den trainingsintensivsten gehört, wirkt sich das erst recht aus. "Und was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr", zitierte Fluck ein altes Sprichwort.
Gefangener des Systems
Obwohl sich Fluck als "Gefangenen des Systems" bezeichnet, dem "die Hände gebunden sind", brennt das Feuer in ihm weiter. Er hat den Verband schon vor den Weltmeisterschaften um eine Strategiesitzung nach dem Saisonhöhepunkt gebeten. "Jetzt ist die Realität aufgedeckt worden und dass etwas passieren muss. Hätten wir Rang 16 erreicht, würde einfach so weitergemacht." Eine der Grundsatzfragen wird nicht zum ersten Mal sein, ob die Konzentration auf die Mannschaft der richtige Weg ist oder ob es gescheiter wäre, den Fokus auf die Förderung von Gerätespezialisten zu legen. Fluck kündigte schon einmal an, dass wie vor einem Jahr Turner aus dem Nationalkader entlassen werden.
Doch egal wie man es macht. Das Talent-Reservoir ist klein, darüber können auch die sechs Medaillen an den letztjährigen Junioren-EM nicht hinwegtäuschen. Das Beispiel von Pablo Brägger, damals in Birmingham Dritter im Mehrkampf, zeigt eine andere Problematik auf. Mangels Alternativen ist der Ostschweizer mit seinen knapp 19 Jahren bereits eine Teamstütze, obwohl er noch nicht viel schwieriger als im Juniorenalter turnt. "Wenn einer ständig Wettkämpfe bestreitet, unterbricht das den Lernprozess", sagte Spitzensportchef Felix Stingelin. Das Schlusswort von Fluck: "Es ist ein Teufelskreis."
(fest/Si)