14. Vierschanzentournee
Aussenseiter Ammann mit intakten Chancen
publiziert: Dienstag, 27. Dez 2011 / 16:04 Uhr
Simon Ammann.
Simon Ammann.

Der vierfache Olympiasieger Simon Ammann nimmt am Donnerstag in Oberstdorf nach einem mässigen Saisonstart seine 14. Vierschanzentournee in Angriff. Gleichwohl zählt der Toggenburger zum Kreis jener acht Springer, die für den Gesamtsieg in Frage kommen.

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Das perfekte Timing ist im Skispringen mehr als die halbe Miete - nicht nur am Schanzentisch, sondern auch im Formaufbau. Simon Ammann ist ein Meister des Timings. Der Blick auf seine eindrucksvolle Karriere zeigt, dass der Toggenburger zu den Saisonhöhepunkten regelmässig an der Spitze auftaucht. Der 30-Jährige schafft es immer wieder, die Puzzleteile des Erfolgs im entscheidenden Moment zusammenzufügen. Und wenn seine Form und das Set-up im Materialbereich stimmen, dann packt er seine Chance. Viele Athleten scheitern mit der Aussicht auf den Erfolg an ihren Nerven. Für Ammann hingegen fängt in dieser Situation der Spass erst richtig an.

Nach drei neunten Rängen als beste Resultate in den sechs Wettkämpfen des Dezembers sind Zweifel angebracht, ob sich Ammann in die Ausganglage hievt, um mit dem ersten Gesamtsieg beim Klassiker über die Neujahrstage seine letzte Lücke im Palmarès zu schliessen. Andererseits zeigen seine Sprünge auch, dass noch Potenzial brach liegt. Viel fehlt nicht, um mit den Besten mitzuhalten.

Ein Indiz für das perfekte Timing im Formaufbau gab der letzte Wettkampfsprung vor zehn Tagen in Engelberg. Mit einem Flug auf 135,5 m zeigte Amman die zweitbeste Leistung in diesem Durchgang und sagte: «Das ist der Glücksmoment, den ich gesucht habe.» Erstmals in diesem Winter untermauerte er die Überzeugung eines Siegkandidaten mit einem Resultat im Wettkampf. Einen besseren Moment hätte er sich für diesen Flug nicht aussuchen können. Sein Lebenszeichen kam für ihn zum richtigen Moment, seine Konkurrenten wird es weniger gefreut haben.

Der Absprung entscheidet

Über Sieg oder Niederlage an der Tournee entscheidet allerdings das Timing am Schanzentisch und nicht bloss der perfekte Formaufbau. Der technisch komplizierte Ablauf an der Kante lief bei Ammann in den «Testwettkämpfen» nicht wie geschmiert. Sein Trainer Martin Künzle nennt zwei Fehlerquellen: Einerseits gelingt es dem Schweizer nicht immer, seinen Körperschwerpunkt in der rasanten Fahrt durch den Radius zum Absprungtisch in der idealen Position zu halten. Stimmen die Winkel im Körper nicht, ist die Chance auf einen weiten Flug bereits vor dem Absprung dahin - auch für einen Flieger wie Ammann.

Der zweite Punkt betrifft die Dynamik beim Take-off. Die Absprungbewegung erfolgte nicht schnell genug. Dies ist primär eine Frage der Explosivität. Aus diesem Grunde verbrachte der 30-Jährige nach Engelberg, wo er an den zwei Tagen nach dem Weltcup-Wochenende noch knapp 20 Flüge machte, auch zahlreiche Stunden im Kraftraum.

An der Tournee, die am Donnerstag mit der Qualifikation in Oberstdorf beginnt, wird sich zeigen, ob bei Ammann der Knopf aufgegangen ist. Dieses Gefühl haben diesen Winter bereits drei Springer erlebt, die zu Saisonbeginn noch nicht zu den Anwärtern auf den Tourneesieg zählten. In dem vom ehemaligen Schweizer Trainer Werner Schuster betreuten deutschen Team entwickelte sich nebst Severin Freund (23) auch Richard Freitag (20) zum Siegspringer. Eine beneidenswerte Form legt Anders Bardal, der 29-jährige Sieger von Engelberg, an den Tag. Der Norweger erreichte in seiner Karriere in Einzelspringen im Weltcup zehn Podestplätze, vier davon in den sieben Springen dieser Saison.

Den Kreis der acht Anwärter auf den Tournee-Gesamtsieg bilden nebst Ammann und den drei Entdeckungen dieser Saison das Austria-Trio mit Gregor Schlierenzauer, dem Titelverteidiger Thomas Morgenstern und dem Weltcupleader Andreas Kofler sowie der Pole Kamil Stoch. Ein Überflieger ist nicht auszumachen. Die Buchmacher favorisieren die drei Österreicher. Bei «bwin» und «interwetten» liegen auch Freitag und Bardal vor Ammann, der seinerseits mit den Quoten von 12,0 und 13,0 stärker eingestuft wird als Freund und Stoch.

Wer wird Millionär?

Kasse machen können bei der Vierschanzentournee auch die Aktiven. Der Veranstalter setzt zum 60-Jahr-Jubiläum die Rekordprämie von einer Million Franken für die Siege an allen vier Springen in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen aus. Den Grand-Slam schaffte mit Sven Hannawald (De) vor zehn Jahren erst ein Athlet.

Im Gegensatz zum Weltcup wird an der Tournee das K.o.-System angewendet. Die Paarungen für den ersten Durchgang ergeben sich aufgrund der Resultate in der Qualifikation (1. gegen 50., 2. gegen 49. etc.). Die Top Ten des Weltcups sind gesetzt. Verzichten sie auf die Qualifikation, werden sie auf den Rängen 41 bis 50 gesetzt. Die 25 Sieger der Duelle und fünf Lucky Loser erreichen den Finaldurchgang, der im traditionellen Format ausgetragen wird.

Ein starker Auftakt wäre für Ammann auch mit Blick auf die Regeneration wichtig. Fliegt er in Oberstdorf in die vorderen Regionen, wird er zum Fixstarter und könnte allenfalls im gedrängten Programm auf einen Qualifikationswettkampf verzichten. Derzeit nimmt er mit 138 Zählern Rang 11 ein, zehn Punkte hinter Martin Koch (Ö). Ob Ammann als einziger Schweizer im Allgäu an den Start gehen wird, entscheidet sich am Continental Cup vom 27./28. Dezember in Engelberg. Künzle stuft die Chance, dass neben Ammann auch Marco Grigoli oder Gregor Deschwanden in Oberstdorf vom Balken abstossen werden, höher als 50 Prozent ein.

 

(li/Si)

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