Schattenseiten des Sommers
Badi-Allergie
publiziert: Montag, 6. Jul 2015 / 07:16 Uhr
Ein Bad in der Menge.
Ein Bad in der Menge.

Die Lethargie des Sommers legt sich bleiern über die Stadt. Wer kann, flüchtet in klimatisierte Zonen, in den Schatten eines Biergartens oder in eine Badi. Ich meide solche Anstalten, weil ich mich davor ekle.

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Jede öffentliche Badezone ist zurzeit überfüllt. In Zürich quetschen sich die Städter in die Fluss- und Seebadis, die schon von den Touris und Expats überfüllt sind. In den Zürcher Flussbadis liegt man zwar so bequem wie Stadtvater Zwingli im Sarg: auf hartem Holz. Doch glücklich ist, wer noch einen Quadrat-Meter Platz findet. Auch wenn man den ganzen Nachmittag die Füsse des Nachbars im Gesicht hat und nicht mal bei soviel Nähe ein Gespräch zustande kommt.

Was bleibt ist vor allem für Familien der Gang in die Badis mit Schwimmbecken, Kinderbad, Rutschbahnen, Liegewiese, Selbstbedienungs-Restaurants und allem drum und dran.

Eigentlich mag ich die typische Badi-Duftmischung aus Fritteusen-Öl, Sonnencrème und Chlorgas. Gäbe es diesen Duft als Auto-Erfrischungsbäumchen, würde ich es wahrscheinlich kaufen.

Wer auch immer auf die Idee kam, Chlorgas als Badezusatz zu verwenden, hat wohl bewusst den kleinen Hinweis weggelassen, dass es im 1. Weltkrieg als Giftgas-Waffe benutzt wurde, zum ersten Mal ziemlich genau vor 100 Jahren in der Horror-Schlacht von Ypern. Aber heute gefällt den Leuten das Bad in der Chemiesuppe. Auch wenn die Augen danach so rot sind, dass man besser nicht in eine Polizeikontrolle gerät, um seinen Ausweis fürsorglich abzugeben.

Das Chlor im Badewasser ist vor allem dazu da, damit das Wasser nicht fault und eine Saison nicht gewechselt werden muss. Der Urin bleibt also immer im Wasser wie jede andere Körperflüssigkeit, die irgendwann ausgeschieden wurde und sei es nur als Schweissperlen oder als «Spüderli» beim aus dem Bad steigen. Das menschlich herbeigeführte Zusatz-Wasser bleibt die ganze Saison drinnen, wenn auch bakteriell gefiltert. Mich würde es Wunder nehmen, wie viele Liter Körperflüssigkeit so jeweils hinzukommen.

Denn es liegt in der Natur des Menschen, dass er gerne ins Wasser pinkelt. Das ist glaub so eine Art Urinstinkt. Deshalb lassen es besonders Kinder gerne einfach laufen, weshalb das Kinderbad ja auch «Seichbädli» genannt wird - und nicht etwa, weil man dort Seich machen darf. Das riecht man auch, weil Urin stinkt.

Ich verzichte gerne auf diese Urinkur und bevorzuge fliessende Gewässer. Wenn es geht am oberen Ende, also lieber am Obersee als am Untersee, lieber an der Quelle als an der Mündung. Dort zieht es mich an wilde Uferzonen.

Mit wild ist nicht nur die Natur gemeint sondern auch die Badegäste: lautes Partvolk, freizügige Blüttler und Hündeler mit ihren hechelnden Freunden. Es riecht nach Lagerfeuer, nassen Hunden und verbrannten Würsten. Statt Kinderkreischen gibt es einen Mix aus verschiedenen Monobox-Soundsystemen, die jetzt jeder hat, der Freunde hat. Zwar haben diese Boxen ausgezeichnete Sound-Qualität, aber der Musik-Geschmack des Players ist trotzdem meist von schlechter Qualität.

Okay, immer noch besser als die Gitarren-Schüler, die mit ihren Blockflöten-Freunden das Cover eines Lagerfeuer-Singbuchs nachstellen.

Während ich eher zum leichten Gepäck beim Uferbaden neige, schleppen andere den ganzen Camping-Hausrat ans Wasser. Sie karren Esstische, Stühle, Liegestühle, Kühlboxen, Sonnenschirme, Einweg-Grill und unzählige kleine Tupperware, in der alles ist, was noch vorher in der Küche war - einzelverpackt - ans Ufer.

Hier würde jetzt noch ein Ende kommen, aber es ist einfach zu heiss zum Überlegen.

(Jürg Zentner/news.ch)

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