Protest und Widerstand
Balkanländer: Politik kreiert neue Sprachen
publiziert: Freitag, 27. Dez 2013 / 11:11 Uhr
Beim EU-Beitrittskandidaten Montenegro beispielsweise, ist die Lage ziemlich kompliziert.
Beim EU-Beitrittskandidaten Montenegro beispielsweise, ist die Lage ziemlich kompliziert.

Im auseinandergebrochenen Vielvölkerstaat Jugoslawien sprachen 21 Millionen Menschen Serbokroatisch oder umgekehrt Kroatoserbisch. Heute will die Politik davon nichts mehr wissen und kreiert neue Sprachen.

«Nichts trennt uns so sehr wie unsere gemeinsame Sprache» - dieses Bonmot wird von Österreichern gern über ihr Verhältnis zum grossen deutschen Nachbarn zitiert. Gemeinsam und doch so verschieden, ist das Motto der emotionalen Debatte.

Ein ganz ähnlicher Disput ist gerade auf dem Balkan zu beobachten. Während im untergegangenen Jugoslawien jedermann Serbokroatisch verstand, ist diese Sprache heute in Serbisch, Kroatisch, Montenegrinisch und Bosnisch zerfallen.

Protest gegen Schulsprache

Seit zweieinhalb Monaten campieren Dutzende Familien mit ihren Kindern vor dem Gebäude des internationalen Beauftragen in Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina. Sie wollen erzwingen, dass ihre Zöglinge in der Schule in bosnischer Sprache unterrichtet werden.

Bisher war in ihrer Schule im Ort Konjevic polje im Osten des Landes Serbisch die Schulsprache, weil diese Gemeinde in der serbischen Landeshälfte liegt. In der südserbischen Stadt Novi Pazar bestreiken die dort lebenden bosnischen Schüler aus demselben Grund den Serbisch-Unterricht.

Widerstand gegen kyrillische Schrift

In Kroatien haben Nationalisten in den letzten Wochen 650'000 Unterschriften gesammelt, um eine Volksabstimmung zu erzwingen. Mit ihr soll der serbischen Minderheit im Land verboten werden, sich in ihrer Sprache bei Behörden verständlich zu machen.

Gleichzeitig entstehen im Kroatischen viele neue Kunstworte, damit sich die Sprache mehr und mehr vom ungeliebten Serbischen unterscheidet. Ein Dorn im Auge ist den kroatischen Radikalen vor allem die kyrillische Schrift der Serben. Zu jugoslawischen Zeiten sprachen beide Völker zwei Dialekte der gleichen Sprache, wenn diese auch mit lateinischen oder kyrillischen Buchstaben geschrieben wurde.

Montenegrinische Sprache per Verfassung verfügt

Beim EU-Beitrittskandidaten Montenegro ist die Lage noch komplizierter. Hier will die Politik nach der Unabhängigkeit des Landes von Serbien (2006) durchsetzen, dass im Land ein eigenständiges Montenegrinisch gesprochen wird, und hat das auch in der Verfassung festgeschrieben.

Da die Hälfte der Bevölkerung sich jedoch als Serben fühlt, ist ein Sprachenstreit auf Dauer programmiert. Selbst die Linguisten im In- und Ausland sind uneins, ob das Montenegrinische nur eine Spielart des Serbischen oder doch eine selbstständige Sprache ist.

Durch den Zerfall Jugoslawiens sind Ministaaten entstanden, die oft um ihre nationale Identität ringen. Bosnien-Herzegowina und Kroatien besitzen je rund vier Millionen Einwohner, Mazedonien zählt zwei Millionen und Montenegro nur 620'000 Staatsbürger.

Da gilt es, sich nach Kräften von den Nachbarn abzusetzen und zu unterscheiden. Ein überall praktiziertes Mittel ist die angeblich eigene nationale Sprache. Noch verstehen sich alle in dieser Region. Aber manchmal müssen in den Zeitungen schon einzelne Begriffe und Redewendungen übersetzt und Filmpassagen untertitelt werden.

(ig/sda)

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