Bob
Beat Hefti und die ungelöste «Vierer-Frage»
publiziert: Donnerstag, 1. Dez 2011 / 13:06 Uhr
Spitzen-Pilot Beat Hefti.
Spitzen-Pilot Beat Hefti.

Keine Bob-Saison ohne einen Zank zwischen Beat Hefti und seinem Verband: Diesmal dreht sich alles um die Frage, ob Hefti in diesem Winter Vierer-Rennen bestreitet. Wenn an diesem Wochenende in Igls der Weltcup lanciert wird, ist er nur mit dem Boblet unterwegs.

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Rund zehn Tage sind es her, seit «Swiss Sliding» in einer Mitteilung verkündet hat, sein Spitzen-Pilot Beat Hefti werde sich in der neuen Saison auf Zweier-Rennen konzentrieren und den grossen Schlitten auf die Seite stellen. Das Communiqué erweckte den Eindruck, dieser wegweisende Entscheid sei in gutem Einvernehmen aller Parteien gefällt worden. Inzwischen hat sich geklärt, dass mehr Brisanz in dieser Geschichte steckt.

WM und EM auf Streichliste

Beat Hefti wäre nämlich durchaus gewillt, den Vierer in diesem Winter zu steuern. Allerdings nur auf von ihm bevorzugten Bahnen. Bei diversen Weltcups in Europa würde er liebend gern auch in der «Königsklasse» an den Start gehen. Beim Heim-Anlass in St. Moritz von Mitte Januar hätte der Appenzeller gar einen 2. Platz aus der letzten Saison zu verteidigen, der ihm damals viel Selbstvertrauen verliehen hatte.

Sowieso aus freien Stücken verzichtet hätte Hefti auf Vierer-Einsätze bei den beiden internationalen Titelkämpfen sowie bei den Weltcups in Nordamerika. Die Aufgaben für die WM in Lake Placid (USA) und die EM in Altenberg (De) werden als sehr schwierig eingestuft. Hefti scheut sich, diese Herausforderungen anzunehmen. Auch, weil er mit Blick auf die WM und die EM keine Chancen auf Top-Resultate sieht. «Wenn ich im Vierer mitmische, will ich um einen Podestplatz kämpfen können. Meine Chancen sind nicht auf allen Bahnen gleich. An der WM und der EM mittelmässige Klassierungen anzustreben, macht keinen Sinn. In Lake Placid, wo ich nicht allzu viel Erfahrung mitbringe, kann es dich in jeder der 20 Kurven auf die Fresse hauen. Aber anderswo ist mehr möglich.»

Horror-Szenario für Heftis Bremser

Nationaltrainer Sepp Plozza ist mit der von Hefti vorgeschlagenen Kompromiss-Lösung nicht einverstanden. Er hat sein Veto eingelegt und seinen Schützling auf internationaler Ebene nur für den Zweier selektioniert. «Entweder fährt er mit dem Vierer alles oder gar nichts. Halbe Sachen akzeptiere ich nicht», hält Plozza fest. Der Bündner Coach begründet seine Sichtweise damit, dass Hefti mit dem grossen Schlitten nur dann Fortschritte erzielen könne, wenn er den Lernprozess auch auf komplizierteren Bahnen gehe. Und es werfe kein gutes Licht auf den Verband, wenn es Athleten gebe, die bei Grossanlässen Wettkämpfe sausen lassen würden.

Zudem hätte sich Plozza gewünscht, dass Hefti sein Team etwas breiter aufgestellt hätte, um allfällige Verletzungen besser aufzufangen und Risiken zu minimieren. Auf Roman Handschin kann Hefti nicht mehr zählen. Der Anschieber hat nach der vergangenen Saison den Rücktritt erklärt.

Sollte Nationaltrainer Plozza nicht von seiner Linie abweichen, droht mehreren Bremsern von Hefti eine Saison mit einer geringen Anzahl an Ernstkämpfen. Während Stamm-Anschieber Thomas Lamparter sich mit Fahrten im Zweier trösten könnte, würden Manuel Lüthi oder Clemens Bracher praktisch leer ausgehen. Der Stimmung im Team wäre dies wohl kaum dienlich. Für die «Gelackmeierten» könnten höchstens die Schweizer Meisterschaften von Ende Dezember zu einem Schaufenster werden.

Wie wird Beat Hefti die neuerlichen Wirren verdauen? Mit dem Zweier sollte er sich nach wie vor regelmässig für Podestplätze empfehlen können, weil in dieser Kategorie seine enorme Schubkraft in der Startspur wesentlich mehr Wirkung hat. Im Februar 2011 hat wenig zum Gewinn des WM-Titels gefehlt. Und schon morgen Samstag, beim Weltcup-Auftakt in Igls, wird er ein Anwärter auf den Sieg sein. Die letzten beiden Male, als der Weltcup oberhalb von Innsbruck gastierte, gewann er jeweils das Boblet-Rennen, was 2010 zusätzlich mit EM-Gold belohnt wurde.

Gregor Baumann mit Kontinuität

Am meisten Kontinuität innerhalb seines Teams kann momentan Gregor Baumann vorweisen. Der St. Galler, der sich im Schatten von Beat Hefti Schritt um Schritt der Weltspitze genähert hat, weiss um eine komfortable Situation. In seiner Equipe haben sich leistungsfördernde Konkurrenzkämpfe gebildet. Der nicht mit Gregor verwandte Alex Baumann duelliert sich mit Jürg Egger um den Status des Haupt-Anschiebers, welchem der Vorzug für den Zweier gebührt. Patrick Blöchliger und Thomas Küttner stechen um den letzten Platz im Vierer. Aktuell haben Alex Baumann und Blöchliger in ihrem jeweiligen Kopf-an-Kopf-Rennen die Nase knapp vorn. Steuermann Gregor Baumann peilt noch regelmässigere Top-6-Ränge an. «Natürlich schielen wir auch in Richtung Podest», so der 28-Jährige.

Dritter Startplatz an Rico Peter

Für dieses Wochenende in Igls durften die Schweizer Männer in beiden Kategorien drei Equipen melden. Deshalb wurde einem Team die Möglichkeit geboten, sich in Selektionsrennen für den Weltcup-Auftakt zu qualifizieren. In dieser Ausmarchung hat sich Rico Peter gegen Martin Galliker - der «Oldie» hat seine Dopingsperre verbüsst - durchgesetzt. Die Anforderungen an den aufstrebenden Aargauer sind nicht übertrieben hoch. Umso mehr, als dass die meisten seiner Anschieber unerfahrene Athleten sind.

10'000 Franken für eine Hundertstel

Sepp Plozza dürfte auch in seiner zweiten Saison als Schweizer Cheftrainer ein Mammut-Pensum zu bewältigen haben - und nicht selten gegen Windmühlen kämpfen müssen. Die finanzielle Lage des Verbands ist trotz neuer Gelder immer noch nicht allzu rosig. Im neuen Präsidium von «Swiss Sliding» müssen sich die Automatismen zuerst einmal einspielen. Die Personalbestände bewegen sich am unteren Limit, der Aufwand nimmt nicht ab. Der Material-Entwicklung sind wegen der Kostspieligkeit Grenzen gesetzt. Plozza: «Es ist wohl nicht ganz falsch, wenn ich behaupte, dass man 10'000 Franken investieren muss, um eine Hundertstel herauszuschinden.»

Keines von Plozzas Teams geniesst aktuell A-Kader-Status. Das Verhalten seines Vorzeigeathlets Hefti bereitet ihm Kopfzerbrechen. Gewisse Pendenzen wie beispielsweise das Scouting können nicht mit dem notwendigen Umfang angegangen werden. Und als ob man durch die Deutschen, Russen und Amerikaner nicht schon genug Konkurrenz hätte, sind nun auch noch die Letten auf der Überholspur. Keine idealen Perspektiven für die Heim-WM 2013 und die Olympischen Winterspiele von Sotschi. Wäre Plozza nach «Vancouver 2010» beim amerikanischen Verband geblieben, hätte er jetzt den ruhigeren Job.

(joge/Si)

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