Seit diesem Juni ist der neue Relax-Sessel «Marvin» auf dem Markt. Drei Jahre lang tüftelte der Schweizer Designer Christophe Marchand zusammen mit dem niederländischen Möbelhersteller Montis am Entwurf für ein bequemes und zugleich elegantes Sitzmöbel. Dass das Unternehmen damit den Vorstoss in die Entwicklung von technischen Funktionen wagt, war dabei anfangs nicht abzusehen...
Die Technik
Den Anfang nahm die Zusammenarbeit zwischen dem Designer und dem Möbelhersteller mit Hauptsitz im niederländischen Dongen bereits vor drei Jahren. Montis war auf die Liege «MaRe» aufmerksam geworden, die der 45-Jährige für Wellis entworfen hatte. Funktion und formale Aussage überzeugten, und ein erster persönlicher Kontakt entstand.
Daraufhin wurde die genaue Entwurfsaufgabe formuliert, und der Designer präsentierte seine Vorschläge. Um das Unternehmen davon zu überzeugen, dass eine Mechanik zur Optimierung der Relaxfunktionen unumgänglich sei, baute Marchand zu Demonstrationszwecken einen Prototyp. Diesen stellte er zunächst ohne ästhetischen Anspruch aus bestehenden Technikteilen eines Stuhls zusammen. «Es war eine Art Sitzmaschine», kommentiert er. Und die erfüllte durchaus ihre Mission: In einem ersten Schritt stimmte Montis zu, die Rückenlehne so zu konzipieren, dass sie sich bis zu 26 Grad stufenlos nach hinten verstellen und arretieren lässt. Damit sollte zumindest schon mal ein Minimum an Komfort garantiert werden. Die unabhängige Verstellbarkeit der Kopfstütze war in diesem Zusammenhang fast schon obligatorisch.
Im Laufe der Entwicklung folgten dann noch weitere Zugeständnisse an die Technik: Verstellt man nun beim Serienmodell die Rückenlehne durch sein Eigengewicht – der stufenlose Mechanismus wird übrigens durch das Ziehen einer ledernen Lasche auf der linken Innenseite der Sitzfläche ausgelöst – senkt sich gleichzeitig die Sitzfläche automatisch nach hinten ab und öffnet somit den Winkel zwischen Sitz- und Rückenteil bis zu komfortablen 15 Prozent. Im Zuge dieser Bewegung neigt sich auch die Armlehne nach hinten. Das macht jedoch wiederum eine verstärkte Leichtgängigkeit des synchronen Zusammenspiels durch eine Gasdruckfeder erforderlich, da man sich, im Gegensatz zu feststehenden Armlehnen, daran nicht mehr so leicht abstossen kann. «Und wozu dient die rechte Lederschlaufe am Sitz?», frage ich, als ich das Möbel Probe liege. «Durch Ziehen wird automatisch eine zusätzliche Fussstütze ausgefahren», wird mir kurz und bündig erklärt. «Herrlich, genau die richtige Position für ein Nickerchen», geht es mir durch den Kopf. Aber das nur so nebenbei…
Dass der Hochlehner trotz dieser ganzen Annehmlichkeiten elegant und in keinerlei Weise technisch wirkt, liegt mitunter an der Unsichtbarkeit der Entspannungsfunktionen. Aber auch an der Silhouette, die sich aus der harmonischen Linienführung der Armlehnen und dem hohen Rückenteil ergibt. «Ein wichtiger Aspekt war in diesem Zusammenhang die Idee einer optisch voneinander getrennten Innen- und Aussenschale, also zwei Flächen, die das Volumen des Möbels definieren und deren Nahtlinie massgeblich über die grazile Erscheinung entscheidet», so Marchand.
Von der Skizze zum Serienmodell
Der Weg von der ersten Skizze zum seriellen Möbel war ein langes Prozedere. Drei Jahre lang, wie eingangs erwähnt. Kistenweise Zeichnungen und Dutzende Modelle – vom kleinen Arbeitsmodell aus Pappe oder Kunststoff (Rapid Prototyping) bis hin zum 1:1- Möbel – zeugen von diesem Entwicklungsprozess und füllen ganze Regale im Atelier. Als der erste Prototyp seitens des Herstellers entstand, ging es zuerst einmal um die optische Definition des Sessels. Das Grundgestell aus Stahlrohr, in das als Sitzfläche ein Rahmen mit Nossag-Federn eingelegt wurde, liess sich also noch nicht bewegen.
Das Gerüst wurde Schicht um Schicht mit Schaumstoff
aufgebaut, um sich nach Augenmass an die Zeichnungen des
Designers und dessen vorgegebenen Konturen heranzutasten. Um
gleichzeitig die Bequemlichkeit zu überprüfen, wurde der Sessel
unter anderem von zahlreichen Montis-Mitarbeitern unterschiedlicher
Statur getestet. Fotos wurden gemacht, Rücksprache mit
dem Designer gehalten:
«Wir sind mit dem ersten Prototyp fertig. Ist der okay
so?»
«Nein, das sieht noch nicht gut aus.»
«Du hast Recht, das sollten wir noch mal überarbeiten.»
«Kannst du morgen vorbeikommen?»
«Gut, ich komme!»
Ein schneller, konstruktiver Austausch begann – per Telefon, E-Mail, Fax. Linien und Konturen wurden immer wieder geprüft und korrigiert, bis alles genau definiert war. Anschliessend generierte man den Sessel als 3-D-File am Computer noch einmal neu, um für die Serienproduktion eine entsprechende Form herzustellen, in die das Stahlrohrgestell einfach eingelegt und mit Polyurethan ausgeschäumt werden konnte. (Im Gegensatz zur Möbelindustrie wurde dieses Verfahren übrigens in der Autoindustrie mittlerweile verboten, da sich die Einzelteile der Sitze dadurch nicht mehr voneinander trennen und recyceln lassen).
Zu guter Letzt galt es, passgenaue Bezugsschnitte anzufertigen, deren Nahtbild den grazilen Korpus des Möbels unterstützen sollten. Im Rückenteil beispielsweise ist deshalb eine Naht entstanden, die einer Taille nachempfunden wurde und mittig etwas zusammenläuft.
Seit Mai steht der Entspannung also nichts mehr im Wege – sofern man sich nicht nur für die abgespeckte Sessel-Variante ohne Funktionen entscheidet. «Aber das wäre wirklich zu schade», denke ich mir so im Stillen.
(Susanne Lieber/Wohnrevue)
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