Best-of der NLAWeihnachten und Neujahr werden im Eishockey zwar nicht als Zeit der Besinnung und guten Vorsätze angesehen, dafür aber für ein erstes Saison-Fazit genutzt. Kurz vor dem Spengler Cup-Meisterschafts-Unterbruch ziehen wir Bilanz zur bisherigen Qualifikationsrunde.
(Von Joel Wüthrich, Working Press Basel/Montreal/news.ch)
Die neue Dreiklassengesellschaft
Seit Jahren existiert sie, aber in einer anderen Zusammensetzung: Die Topteams, die Mittelfeldmannschaften und die so genannten «Strichteams» formten eine Dreiklassengesellschaft in der NLA.
Seit der aktuellen Saison sieht diese Dreiklassengesellschaft anders aus: Drei Topmannschaften balgen sich um die Tabellenspitze, zwei Teams spielen in einer eigenen Liga am Tabellenende und haben keine Playoffchance. Und die grösste Gesellschaft ist ein acht Mannschaften umfassender Pulk von Strichteams, welche alle im extrem breiten Mittelfeld um die Playoffqualifikation kämpfen.
Das Überraschungsteam
Die ZSC Lions sind das Überraschungsteam der ersten Monate! Gestartet als verjüngtes Team mit einem jungen Trainer Christian Weber (selbst vor zwei Jahren noch Spieler bei den Lions) erwartete man von ihnen im besten Falle einen Mittelfeldplatz: Jetzt gelten sie als Topteam gleich hinter Lugano und Bern.
Sie haben die Substanz, um zumindest ein Aussenseiter im Titelkampf zu sein. Eine dynamische, moderne, kreative Spielanlage, basierend auf viel Laufarbeit ist ihr Spielsystem durchaus mit Davos vergleichbar. Neben Bern die ausgeglichenste Mannschaft der Liga.
Das enttäuschendste Team
Die SCL Tigers haben auf der ganzen Linie enttäuscht! Die Mannschaft um Trainer Jim Koleff wurde auf diese Saison runderneuert mit Starspielern und jungen Talenten, welchen man eine grosse Zukunft voraussagt.
Interne Querelen (Elik vs. Koleff), Verletzungspech der Stars (Petrovicky), Formschwäche der Leistungsträger (Goalies, Jungstars, Ausländer und andere) machten es schliesslich unmöglich, sich endlich zum ersten Mal in der Clubgeschichte für die Playoffs zu qualifizieren.
Der Star
Keine Frage: Der Star der bisherigen Meisterschaft heisst Ville Peltonen (Lugano)! Unter den vielen Stars in der NLA ist der NLA-Topskorer Peltonen der mit Abstand pflegeleichteste und talentierteste Leader. Sein Palmarés ist beeindruckend: Er wurde 1995 Weltmeister mit Finnland und von den Scouts aus der NHL ins Visier genommen.
Als 22jähriger stürmte er damals zusammen mit anderen zukünftigen Superstars wie Saku Koivu und Jere Lehtinen in der Topformation der Finnischen WM-Mannschaft (Nummelin übrigens damals auch dabei). Dabei war er gar der erfolgreichste Skorer des Teams, welches gespickt war mit zukünftigen Topspielern auf Weltniveau. Peltonen ist einer aus der «Class of 95», die in Finnland noch immer wie Heilige verehrt werden.
Der MVP
Reto von Arx ist der Schweizer MVP in der NLA. In den schwierigsten sportlichen und wirtschaftlichen Zeiten hat er die Mannschaft geführt und mit Skorerpunkten und seiner Ruhe in den Playoffrängen gehalten.
Ohne RvA hätte der HCD etwa zehn Punkte weniger auf dem Konto. Ein Leader, der auch stark vom unendlich grossen Vertrauen seines Trainers profitiert.
Der Ausländer-MVP
Hier rangieren Yves Sarault und Petteri Nummelin wohl ganz oben auf der Liste. Berns Sarault wurde zum Rudelführer, zum Leitbären des SCB. Der «Tough Guy» hat sich nicht nur Respekt verschafft, sondern auch Lob für seine harte, aber faire Spielweise geerntet.
Gilt als menschlich absolut top. Lugano-Back Nummelin ist noch immer der beste Blueliner der Liga und liest das Spiel seines Team und des Gegners wie kein anderer.
Das überraschendste Ereignis
Kent Ruhnke ist ein «Wiederholungstäter»: Schon in seinem Meisterjahr bei den ZSC Lions trat er vor Saisonende freiwillig auf Ende Saison von seinem Posten zurück und wurde vor dem Ende seiner Amtszeit Meister.
Das gleiche hat er jetzt in Bern auch vor. Er fühlte sich zuwenig respektiert und zog, emotional und unberechenbar wie er eben ist, die Konsequenzen: Rücktritt auf Ende Saison. Vielleicht erneut wieder mit einem Meistertitel?
Das traurigste Ereignis
SCL-Coach Jim Koleff hat es nach neun Jahren wiederum hart getroffen: Ein Wiederaufflackern des Krebsbefund hindert den ehemaligen Meistertrainer Luganos daran, seine Arbeit in Langnau weiterzuführen. Die Liga verliert eine der charismatischsten Figuren. Er begann Mitte Dezember 2003 mit der Chemotherapie und fällt vorerst für einige Monate aus. Viel Glück, Jim!
Der unterhaltsamste Spieler
Er ist gleichzeitig ein «Top», aber nicht ohne vorher ein «Flop» gewesen zu sein: Todd Elik. Keine Frage, Elik hatte in Langnau nicht Wort gehalten: Er wollte nie wieder negative Schlagzeilen provozieren. Mittlerweile glücklich in Davos und von Del Curto gezähmt, liess er sich zuvor in Langnau auf einen Machtkampf mit dem Trainer ein.
Verlor Job und Ansehen, aber nicht die Herzen der Fans. Nun ist er in Davos vom Saulus zum Paulus geworden! Wie schon manch andere Spieler mit etwas schwierigerem Charakter und geringer Pflegeleichtigkeit, welche nach Davos kamen, liess sich der Unzähmbare von Therapeut Arno zum gezähmten Widerspenstigen formen. Elik hat bisher nur durch solide Leistungen statt mit Ausrastern auf sich aufmerksam gemacht. Auffällig: Mit Elik in der gleichen Linie wird jeder Spieler stärker.
Der Top-Coach
HCD-Chefcoach Arno Del Curto ist kein Trainer, der sich im Erfolg suhlt und sich als Heilsbringer verkauft. Dennoch ist er in den Augen fast aller Hockeyfans der eigentliche Star des Vereins. Er geniesst ungebremste Hausmacht und ist der einzige Macher beim HCD.
Er ist die Kultfigur, die eigentlich keine sein will. Er hat in dieser sehr schwierigen, zu Beginn fast skandalträchtigen Saison mit weniger Ressourcen als etwa ein Larry Huras oder Kent Ruhnke bisher das Beste herausgeholt.
Das Top-Management
Bravo an das Management von Fribourg Gottéron! Trotz Sparkurs und Umstrukturierungen im Kader wird es sportlich wohl für die Playoffs reichen. Fribourg hat ohne grosses Aufsehen zu erregen, das Team umgebaut und hat heute wohl das kostengünstigste NLA-Kader, welches gegen die Mitkonkurrenten um die Playoffs nicht abfällt.
Mit einer Spielanlage ähnlich wie Kloten, konnte man in dieser Transitionssaison einigermassen gut im Mittelfeld mithalten. Das Motto ist: Kreativ, basierend auf viel Laufarbeit. Sie haben aber kein so breites Kader wie Kloten oder die Topteams. Sehr gute Ausländer – wichtigster Spieler ist Rhodin, der zwar nicht hundertprozentig fit ist (Knie), aber (fast) jeder gute Spielzug beginnt bei ihm.
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