Beste Liga nach der NHL
publiziert: Donnerstag, 4. Dez 2003 / 16:10 Uhr

Nicht weniger als sechs Ligen Europas haben die Argumente auf ihrer Seite, sich als beste Liga nach der NHL zu bezeichnen. Doch was ist dafür überhaupt ausschlaggebend? Der sportliche Gehalt, die Vermarktungsstrategie, der Fanzuspruch?

Gerne behaupten wir in der Schweiz, die NLA sei eine der besten Ligen nach der NHL. Die Schweden aber, beanspruchen mit ihrer "Eliteserien" den Platz als beste europäische Liga für sich und auch in Finnland will man die "SM-Liiga" als die Topliga ausserhalb der NHL sehen. Der Grund: aus dieser Meisterschaft sind in den letzten Jahren die meisten NHL-Spieler entwachsen.

Osteuropäische Fachleute behaupten jedoch, die russische "RHL" sei die beste gefolgt von der tschechischen "Extraliga". Und nicht zuletzt will die DEL in Deutschland in nichts nachstehen und lässt zwei erwiesene Fachleute zitieren, Dave King und Pierre Pagé, welche der DEL den Platz als beste Liga ausserhalb Nordamerikas zuschreiben.

Was ist demnach Wunschdenken? Was ist berechtigtes Eigenlob? Was ist Fakt und Tatsache? Was spricht also für welche Liga? Machen Sie sich selbst ein Bild.

Die NLA: Interessenpotenzial in der Bevölkerung

Die Schweizer NLA kann sich auf ein sehr grosses Zuschauerpotenzial verlassen. Mehr noch als in vielen anderen bevölkerungsreicheren Ländern geniessen die Schweizer Clubs im Verhältnis mehr Beachtung. Die Schweiz ist neben Tschechien, Schweden und Finnland das einzige Land, in welchem Eishockey mit Fussball im Bereich Fanaufmarsch und Medieninteresse annähernd gleichzuhalten vermag.

Die Reglemente mit den nur drei pro Spiel einsatzberechtigten Ausländern hat eine grosse Identifikation der Fans mit ihren Stars zur Folge und Schweizer Spieler werden laufend in der höchsten Liga eingesetzt, was deren Entwicklung fördert. Die Ausländer jeder Equipe gehören mitunter zum Besten, was man ausserhalb der NHL zu sehen bekommt, weil sie als Leader und Leistungsträger sehr stark gefordert werden.

Negativ dabei ist aber, dass das Niveau der NLA kaum an dasjenige anderer Ligen heranreicht (Osteuropa, Skandinavien) und das Leistungsgefälle zwischen Topclubs und dem unteren Mittelfeld immer grösser zu werden scheint. Dazu kämpft man nun bei einigen Vereinen mit finanziellen Sorgen.

Die schwedische "Eliteserien"

Marcel Jenni und Martin Gerber schwören auf die schwedische Eliteserien. Das Niveau ist, so der Schweizer Schweden-Söldner Jenni und sein Ex-Teamkollege Gerber, deutlich höher als in allen anderen Ligen. Härte, Technik, Schnelligkeit und grossartige taktische Schulung machen die "Eliteserien" zur europäischen Topliga schlechthin.

Dafür spricht auch, dass die Stars der Liga nicht nur Ausländer sind, sondern vor allem Einheimische. Die ersten fünf der Skorerwertung sind allesamt Schweden! Trotz EU-Recht fallen nämlich die Legionäre nicht in Scharen über die Liga her, um sie zu dominieren. Ebenfalls ein Argument ist die wirtschaftliche Stabilität der Liga und die gute Vermarktung sowie natürlich ein grosses Interesse der Bevölkerung.

Finnlands "SM-Liiga"

Für Finnland gilt fast ähnliches wie für Schweden. Dazu kommt in Finnland, dass auch hier sehr gute Ausländer aus Schweden, Tschechien, Russland, Lettland und natürlich Kanada ihre Brötchen verdienen. Und das nicht schlecht! Ausserhalb der NLA ist Finnland das Hockeyparadies Europas, was die Löhne betrifft. In Finnland wurden zudem in den letzten Jahren prozentual die meisten Neo-NHL-Stars parkiert und geformt. Die Vermarktung der Liga ist professionell und gut organisiert.

Finnlands Bevölkerung ist Eishockey verrückt und die Stadien sehr modern im Vergleich zu den anderen Ländern Europas. Auch in Finnlands SM-Liiga stehen meist einheimische Stars an der Spitze der Skorerwertung, was auf die Qualität der finnischen Spieler hindeutet. Jokerit Helsinki ist zudem noch Euroliga-Sieger.

Die "Russia Hockey Leagu"e

Eines hat man in Russland auch nach der Ära der kasernierten Armeesportler des CSKA Moskau nicht verlernt: Die technisch qualitativ hochstehende Hockeyschule. Nicht mehr die Teams aus Moskau (ausser vielleicht Dynamo) dominieren die Liga, sondern von Grosskonzernen subventionierte Vereine: Togliatti, Kazan, Magnitogorsk und Jaroslavl sind neue Zentren der Hockeykultur Russlands.

Die Löhne sind hoch für die Stars im Vergleich zur sehr tiefen Einkommensstruktur der Bevölkerung in diesen meist sehr biederen Arbeiterstädten. Die Liga weist ein hohes Niveau auf, dennoch ist sie nur für Stars ein Zuckerschlecken, denn die Lohnschere zwischen Top und Mittelmass ist breit. Für viele Russen ist deshalb ein Engagement im Ausland eine wünschenswerte Option. In der Euroliga sind russische Clubvereine jeweils immer in den Finalspielen vertreten.

Die "Extraliga" Tschechiens

Die grossen Zeiten von Dukla Jihlava sind vorbei! Auch Slovan Bratislava, Dukla Trencin und Kosice sind nicht mehr mit von der Partie, weil diese Teams in der Slowakischen Liga spielen.

Aber die spielerische Qualität der "Extraliga" Tschechiens wurde erhalten mit grossen Anstrengungen im Sponsoringbereich (Slavia Prag, Pardubice, Vitkovice, Trinec, Litvinov) und dem Einsatz eines Grossinvestors (Anschutz bei Sparta Prag) und ehemals in Vsetin. Die Fans strömen in die Stadien und viele Tschechische NHL-Stars kehren gerne wieder zurück in die Heimat, wo für sie alles begann.

Die Löhne sind angemessen und die Fans strömen ins Stadion. Eishockey ist hier gemeinsam mit Fussball die Sportart Nummer Eins.

Die DEL: Vom Sorgenkind zum "Wunderkind"?

Die DEL in Deutschland hat sehr viel neuen Goodwill geerntet. Mit einer "Gegenrevolution", welche auf den ungebremsten Einsatz von Ausländern in den Teams und die "Ausgrenzung" der Deutschen folgte. Nun dürfen gemäss Reglement nur noch 12 Ausländer pro Team in der DEL eingesetzt werden.

Qualitativ hat sie wenig an Tempo und Unterhaltungswert eingebüsst. Ganz im Gegenteil: Die Fans kommen zahlreicher ins Stadion als früher und die Identifikation mit dem Lieblingsverein funktioniert. Qualitativ halten die DEL-Clubs mit den Topteams der Vereine anderer Ligen in Europa nicht immer mit. Ausnahme ist der Einsatz der Härte und die Disziplin.

Da ist man vorbildlich. Wirtschaftlich: Die Clubs kranken nicht mehr so stark wie in den frühen Neunzigern, als ein Verein nach dem anderen Pleite ging (München). Im Vermarktungsbereich sind Fortschritte erkennbar. Leider aber hat Eishockey in Deutschland meist nur während Olympischen Spielen oder einer Weltmeisterschaft richtig viel Medienpräsenz im Lande.

von Joel Wüthrich, Working Press Basel/Montreal, Chefred. SLAPSHOT

(./eishockey.ch)

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