Blick hinter die schöne Fassade
publiziert: Mittwoch, 15. Feb 2006 / 00:01 Uhr

Herrliches Winterwetter, sportlich einwandfrei durchgeführte Wettkämpfe, packende TV-Bilder: Die Olympischen Winterspiele von Turin hinterlassen in den ersten Tagen einen grossartigen Eindruck. Hinter den Kulissen allerdings weniger.

Bei der Sicherheitskontrolle gab es einige Pannen.
Bei der Sicherheitskontrolle gab es einige Pannen.
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Vieles von dem, was nicht am Fernsehen zu sehen ist, lässt zu wünschen übrig. Hinter der Fassade verblasst der Glanz sehr schnell. Der Unzulänglichkeiten sind viele. Aber die Hoffnung lebt: Täglich sind Verbesserungen zu registrieren.

Es beginnt auf der Anfahrt nach Turin und setzt sich in der 900 000 Einwohner zählenden Stadt fort. Die mangelhafte Beschilderung generiert Tausende von unnütz in die falsche Richtung gefahrenen Autokilometern. Gegen den Feinstaub wehrt sich eine Handvoll Grüner in Turin u.a. mit dem Gebet für eine Luftwäsche durch Regen und Schnee. Kennt der olympische Autofahrer die wichtigsten der zahlreichen Abkürzungen einmal auswendig, sinkt die Zahl der unnötigen Kilometer.

Ahnungslose Buschauffeure

Offensichtlich vergessen gingen die bitteren Erfahrungen von Sommerspielen in Atlanta 1996, wo die Chauffeure der offiziellen Busse ahnungslos verkehrt durch die Landschaft fuhren. Auch Torino 2006 setzte zahlreiche Chauffeure ans Steuer der «Olympic-Family-Busse», welche die Gegend noch nie im Leben gesehen haben. Entsprechende Irrfahrten und Verspätungen bildeten in den ersten Tagen die Konsequenzen. Einer der Buspiloten verfuhr sich laufend auf dem (einfachen) Weg von Sestriere nach San Sicario; der arme Kerl erlitt nach dem sechsten Fehlversuch einen Weinkrampf. «Es ist mein erster Tag», schluchzte er.

Olympischer Spiele unwürdig ist der Zustand vieler Strassen. Gianni Agnelli, der Turiner Industrie-Tycoon, der die Spiele hierher gebracht hatte, würde sich im wohl im Grabe umdrehen, wenn er die Schlaglöcher und den Schlamm in den Strassen von Sestriere sähe. Die auf 2000 m gelegene Station ist weitgehend im Besitz der Familie Angelli. Mit Verlaub: In «Sion 2006» wäre dies nicht passiert. Es geht auch bei «Torino 2006» anders: Die Biathlon-Umwelt in San Sicario wurde mit einfachen Mitteln schlammfrei gehalten.

Dreck auch in Appartements, die in den Bergen an Medienleute oder andere Arbeitende aus dem olympischen Tross vermietet worden sind. Viele Ferienwohnungen präsentierten sich in schmuddeligem Zustand, ungepflegt, die Kästen mit Kleidern überfüllt, die Badezimmer überlagert -- und einzelne Schlafzimmer nicht grösser als drei Quadratmeter. Dies alles zu stolzen Preisen von mindestens 250 Franken pro Bett und deutlich mehr pro Nacht.

Lächerliche Sicherheitskontrollen

Die Sicherheitskontrollen bewegen sich zum Teil in die Lächerlichkeit. Dass wirkungsvolle Sicherheits-Checks in der Zeit ständiger Bedrohung durch Terrorismus unerlässlich sind, ist der «olympischen Familie», selbst den Rüpeln unter den Vertretern der Weltpresse, inzwischen klar. Der Stau vor den Checkpoints nimmt dann grössere Ausmasse an, wenn die Kontrollen durch Carabinieri verschärft werden, wie etwa am Montag an der Halfpipe in Bardonecchia. Dort beschlagnahmte die Polizei beispielsweise den ca. 3 - 4 cm langen Zahnstocher einer amerikanischen Volontärin. Wie wenn das Zielgelände der Snowboarder ein Flugzeug wäre, dessen Piloten man mit einem Zahnstocher bedrohen könnte.

Ob die Kontrollierten ihren Zahnstocher oder andere eingesammelte Gegenstände beim Weggang wieder zurückerhalten würden, war notabene völlig unklar. Von den acht eingesetzten Carabinieri sprach keiner nur ein Wort einer Fremdsprache.

Einen gewaltigen Sicherheits-Stau gab es am Sonntag vor der Abfahrt. Von acht elektronischen Detektoren fielen sechs aus; die Warteschlange wuchs ständig an. Als der Startschuss zum Rennen fiel, öffnete man die Schleusen -- ohne Kontrollen. Die Detektoren hätten die Kälte nicht ertragen, lautete die Auskunft des Organisationskomitees TOROC. Es hatte wohl Sommerspiele geplant.

Ausländer sorgen für Stimmung

Ausgeblieben ist bisher auch der Zuschauer-Boom. Und für Stimmung sorgen die anderen: die Holländer im Oval Lingotto bei den Eisschnelläufern, die Amerikaner, Australier und Franzosen in der Snowboard-Arena von Bardonecchia, die Franzosen (schon vor der Siegesfahrt von Antoine Dénériaz) in der Abfahrt von Sestriere am Sonntag, die Skandinavier und Deutschen an den Loipen.

Der italienische Schlittel-Olympiasieger Armin Zöggeler feierte am Sonntag seinen zweiten Triumph nach den Spielen von Salt Lake City 2002 dagegen mehr mit der internationalen Schlittelfamilie als mit heissblütigen Tifosi. Die bleiben nicht nur wegen der hohen Eintrittspreise zu Hause, sondern auch um ewig lange Sicherheitschecks in der Kälte zu vermeiden.

Die (programmierten) Verkehrsstaus, wie sie sich am Sonntag in Sestriere und täglich in Turin vor der Medaillenfeier auf den Strassen hin zur Medal Plaza abwickeln, sind offenbar auch nicht jedes Italieners Sache.

Hinter der Fassade ist in den ersten Tagen von Turin ein deutlicher Rückschritt gegenüber den Spielen 2002 in Salt Lake City, 1998 in Nagano und 1994 in Lillehammer zu verzeichnen.

(ht/Si)

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