
China ist, wie unschwer fast täglich den westlichen Medien zu entnehmen ist, das Land der Superlativen, der unbegrenzten Möglichkeiten, sozusagen. Export-Weltmeister, weltweit grösste Währungsreserven (3,2 Billionen US$), die zweitgrösste Volkswirtschaft hinter den USA und vor Japan, die grösste Internet-Nutzer-Gemeinde (480 Mio), die meisten Blogger (300 Mio), die meisten Handys (850 Mio), die grösste Bevölkerung (1,37 Mrd).
Den Grossstädtern freilich ist das, was in den Staats- und Parteimedien punkto Umweltschutz verbreitet wird, ziemlich egal. Denn die alltägliche Atemnot hat Priorität. Die Luftqualität nämlich ist nach Angaben des Ministeriums für Umweltschutz in 45 Millionen-Städten «schlecht». Konkret heisst das ganz einfach, dass Atmen sehr oft schwer fällt. Peking hat die zweifelhafte Ehre, in den Top-Ten der weltweit schmutzigsten Städte zu figurieren. In der 20-Millionen-Metropole sind deshalb nicht von ungefähr Lungenerkrankungen nach Angaben der Spitäler in den letzten Jahren wesentlich häufiger geworden. Fälle von Lungenkrebs haben nach einem Artikel der offiziellen Regierungszeitung «China Daily» in den letzten zehn Jahren um satte sechzig Prozent zugenommen, obwohl die Zahl der Raucher kaum angestiegen ist.
In der lebendigen Bloggerszene, aber auch in den staatlichen Medien kamen in den letzten Monaten immer mehr die offiziellen Messmethoden unter Beschuss. Eine engagierte, zum Teil hitzige Umwelt-Debatte nahm seinen Lauf. Das Pekinger Umweltamt hat nun nach einigem Zögern versprochen, demnächst genauer zu messen. Anstatt nur den bisher üblichen PM-10-Wert - Feinstaub von weniger als 10 bis 2,5 Mikrometern - zu messen, soll nun auch der PM-2,5-Wert erhoben werden (bis 0,1 Mikrometer). Seit längerem schon stellt die amerikanische Botschaft in Peking diese Werte, stündlich aufdatiert, ins Netz.
Nicht dass die Pekinger Umweltbehörden das Bild bewusst gefälscht hätten. Sie kamen ganz einfach aufgrund ihrer beschränkten Werte und ihrer Gefahrenskala auf ein viel besseres Bild. Am 19. Dezember zum Beispiel wurd gemeldet, dass das Jahresziel von 274 «Sonnentagen» bereits erreicht sei. Nur eben, ein Pekinger «Sonnentag» heisst nicht unbedingt, dass kein Feinstaub in der Luft ist. Am letzten Sonntag beispielshalber lag über der Stadt eitel Sonnenschein, doch der PM-2,5-Wert lag mit 247 Mikrogramm weit über dem chinesischen Grenzwert und erhielt auf der Skala der amerikanischen Botschaft die dritt-höchste Warnung «sehr ungesund».
Die chinesischen Umweltschützer stehen in der Tat vor einer gigantischen Aufgabe. Die grösste Herausforderung ist nicht in erster Linie die immer grösser werdende Zahl von Motorfahrzeugen, denn Abgasvorschriften für Autos sind schon heute so streng wie in Europa. Das grösste Kopfzerbrechen bereitet die Erzeugung von Elektrizität. 73 Prozent allen Stroms nämlich wird in China durch thermische Kraftwerke generiert. Jährlich werden dafür 1,6 Milliarden Tonnen Kohle verfeuert. Seit Anfang Jahr gilt ein neues Gesetz. Die Kohlekraftwerke müssen aufrüsten. Das kostet insgesamt erstmal umgerechnet 40 Milliarden Dollar, was bei den - notabene staatlichen - Kraftwerkbetreibern Protest ausgelöst hat. Alternativenergie wird deshalb gross geschrieben: Sonnen- und Wind-, aber auch Atomenergie.
Für die atemlosen Grosstädter wird sich nur langsam etwas ändern. Immerhin werden sie zunächst in Peking und bis 2016 überall im Land mit den feineren Messmethoden besser informiert.
(Peter Achten/news.ch)
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