Brechende Nachrichten
publiziert: Dienstag, 22. Feb 2011 / 10:20 Uhr
«Xue Pin» auf dem Fächer wäre wohl verboten...
«Xue Pin» auf dem Fächer wäre wohl verboten...

Sprach-Puristen braucht es. Sprach-Verteidiger braucht es. Den Duden und die Académie Française braucht es. Dennoch aber: Die Sprache lebt. Und wie. Sie windet und verändert sich. Manchmal zum Guten, manchmal zum Schlechten. Zum Stillstand kommt sie nie. Sterben allerdings kann sie.

Die Zahl der toten Sprachen nimmt mit der Globalisierung schnell zu. Die Lektionen meiner Gymnasialzeit in den toten Sprachen Latein und Griechisch – damals gab es noch kein zu-Früh-English – habe ich in bester Erinnerung.

Pädagogen, Linguisten, Journalisten, TV- und Radiomoderatoren, Redner aller Schattierungen kümmern sich um die Sprache, pflegen und malträtieren sie. Manchmal greifen auch Politiker in enger Zusammenarbeit mit Sprachpuristen ein. In Frankreich zumal, wo es nach eigener Einschätzung die schönste Sprache zu verteidigen und reinzuhalten gilt. Frankreich freilich ist keine Ausnahme. Auch im deutschen Sprachraum war und ist Ähnliches festzustellen. Ein Wunder, dass die Erhaltung der Schweizer Dialekte, je lupenrein, von der SVP – und warum nicht mal zur Abwechslung von der SP als Agenda-Setterin – noch nicht als Wahlkampfthema für den Herbst 2011 entdeckt worden ist.

Unterdessen hat die Welle der Sprachpurifizierung auch das Reich der Mitte erreicht. Schliesslich ist ja das Chinesische, wie jeder kultivierte Mensch weiss, noch schöner und kulturell hochstehender als das Französische. Die beamteten Sprach-Mandarine haben im Zuge der Wirtschaftsreform und der Öffnung nach Aussen einen rasant zunehmenden Mischmasch aus Schriftzeichen, ausländischen Abkürzungen und lautähnlichen Umschreibungen festgestellt. Die Situation ist derart gravierend, dass man meinen könnte, halb China rede bereits Chinglish. Doch das ist – um im Jargon der chinesischen Propaganda zu bleiben – ein übles, mit Absicht und politischen Hintergedanken verbreitetes Gerücht. In der Tat, der englische Wortschatz von Taxichauffeuren in den vermeintlich internationalen Megastädten Peking und Shanghai beschränkt sich auf «Money, Money – quick, quick!!»

Dennoch, die Situation fordert nach Ansicht der allmächtigen Kommunistischen Partei Massnahmen. Gedacht, gesagt, getan. Das für Zensur zuständige Presse- und Publikationsamt in Peking verbietet «unreflektierte Übernahme fremdsprachlicher Begriffe». Ziel des Verbots sind Anglizismen und Akronyme. Zum Beispiel CEO (Neudeutsch: CEO, Standartdeutsch: Firmenchef oder Generaldirektor), GDP (Brutto-Inlandprodukt) oder CPI (Index der Verbraucherpreise), G8, G20, WHO (Weltgesundheitsorganisation) und dergleichen. Fortan dürfen solche Abkürzungen nur noch gebraucht werden, wenn sie ausgedeutscht, pardon, auf Chinesisch übersetzt werden. Journalisten und Webredaktoren heulten bei Bekanntwerden des Verbots auf. Allerdings bringt man selbst als Journalist für den Übersetzungs-Befehl der Zensoren fast so etwas wie Verständnis auf, wenn in einer chinesischen Zeitung gross und fett getitelt wird: «CPI po wu» (5%-Marke des CPI, des Index der Verbraucherpreise überschritten). Auch andere Wörter sind mittlerweile fester Bestandteil des Chinesischen wie iPhone, iPad oder WTO (Welthandelsorganisation), IBM oder ABB. Lautmalerisch übernehmen vor allem junge Chinesinnen und Chinesen in den Grossstädten des reichen Küstengürtels Ausdrücke wie ku-er (cool), Shafa (Sofa), oder für meine Ohren besonders schön La-te (Caffe Latte). Xue-pin (Neudeutsch: Shopping) andrerseits ist hochinteressant, weil die verwendeten Schriftzeichen «Xue» für Blut und «Pin» für rücksichtsloser Kampf stehen. In Anbetracht von Geiz ist geil und Schnäppchen-Jäger fürwahr ein schönes Bild.

Kein Wunder, dass chinesische Linguisten zur «Verteidigung unserer Sprache Hanyu (Chinesisch) gegen Überfremdung» aufrufen. Das Presse- und Publikationsamt stellt als Zensurbehörde abschliessen fest: «Die Übernahme fremder Wörter schadet der Ordnung und der Reinheit des Chinesischen und seinem harmonisch sprachkulturellen Umfeld». Capito?

Ja sicher. Die Parole kann deshalb nur heissen: VON CHINA LERNEN! Ausdrücke wie «Whistleblower», die in der Schweiz ganz selbstverständlich bis in die Spalten sogenannter Qualitätszeitungen Einzug gehalten haben, wären in China längst verboten. Aus sprachlichen Gründen, wohlverstanden.

News ist unterdessen schon Deutsch, nehme ich an. Der 24-Stunden-Nachrichten-Sender von DRS – übrigens hervorragend gemacht – heisst wie wenn nichts gewesen wäre, natürlich DRS4News. Dabei gibt es doch das schöne Wort «Nachrichten». Auch «Breaking News» (Altdeutsch: Brechende Nachrichten) hat sich schon ziemlich eingebürgert – was für eine Gedankenlosigkeit. Dass es – um ein letztes Beispiel zu bringen – in der TV-Börsensendung vor der Schweizer Tagesschau nur so von Anglizismen wimmelt, kann in einem Wirtschafts-, exgüsi Business-Umfeld nicht mehr überraschen. Da wird denn selbstverständlich von Performance, dem Momentum, dem Mindset undsoweiterundsofort geschwafelt. Und da vom lokal weltbekannten Downtown Zurich gesendet wird, zwitschern denn etwas unbeholfen aber immer Börsen-korrekt die Moderatorinnen und Moderatoren vom Ess-Emm-Ai. Da kann man nur noch sagen, Nuese moust aektiv...

Die Moral von der Geschicht: Im immer schneller werdenden, digital vernetzten Weltdorf könnte man sich zur Abwechslung wieder einmal auf alte Tugenden besinnen. Finde ich. Wie wär's beispielshalber mit der einfachen Feststellung: zuerst denken, dann schreiben oder reden?

(Peter Achten/news.ch)

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