Britische Nationalfeierwochen
publiziert: Sonntag, 12. Aug 2012 / 23:49 Uhr
Das ehemalige Empire feierte sich nochmal überschwänglich bei der Schlusszeremonie.
Das ehemalige Empire feierte sich nochmal überschwänglich bei der Schlusszeremonie.

Milliardenschwerer olympischer Gigantismus und ausgelassenes Sportfest mit Herz müssen sich nicht ausschliessen. London 2012 hat das mustergültig demonstriert.

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302 Medaillensätze, 302 Ranglisten mit Namen von A wie A (Lamusi, China, Judo) bis Z wie Zycki (Dominik, Polen, Segeln) sind genug. Da braucht man nicht auch noch zu klassieren, welches denn nun die besten, zweitbesten, drittbesten Olympischen Spiele der Neuzeit seien. Diese Medaillenvergabe würde ohnehin auf zu viel Subjektivität beruhen. Dass London 2012 als Grossveranstaltung der Extraklasse in Erinnerung bleiben wird, steht aber ausser Zweifel. Die Weltstadt, die alles zu haben und nichts mehr zu brauchen scheint, empfing die Sportwelt mit offenen Armen. Ungeachtet der vorolympischen Misstöne und Diskussionen, die solche Milliardenprojekte zumindest in Demokratien zwangsläufig mit sich bringen, gingen Weltstadt und Sportwelt eine perfekte, 17-tägige Symbiose ein.

Es war nicht zuletzt der Erfolg der Gastgeber, der die 30. Sommerspiele zum Erfolg machte. Erfolg, an dessen Ursprung wie so oft eine Niederlage steht. Als Reaktion auf das Desaster mit nur einem Olympiasieg 1996 in Atlanta wurde unter dem damaligen Premierminister John Major die Dachorganisation UK Sports gegründet. Heute investiert UK Sports jährlich rund 100 Millionen Pfund (230 Millionen Franken) an öffentlichen Geldern aus Lotterie und Staatshaushalt in den Hochleistungssport. Medaillen sind allerdings nur bis zu einem gewissen Grad käuflich und planbar. Für die Britinnen und Briten hätte es an den Heimspielen kaum besser aufgehen können. Sie hamsterten, wie sie seit 1908 nie mehr gehamstert hatten. Damals hatten sie die ersten «Olympics» an der Themse dominiert.

Sportnation im Dauererfolgsrausch

Der chinesische Goldrausch von Peking 2008 war im Ausland primär mit Staatssport, Regime, Drill oder anderen fragwürdigen Methoden assoziiert worden. Die Namen und Gesichter der roten Medaillenfabrik wirkten auf den staunenden Beobachter aus Fernwest weitgehend austauschbar. Die Identifikation mit den britischen Heldinnen und Helden fiel da deutlich leichter. Grossbritannien ist geografisch, sprachlich, politisch, gesellschaftlich oder kulturell keine fremde Welt, sondern vertrautes Territorium. Und Grossbritannien ist als Sportnation kein Emporkömmling, sondern wird für seine Pionierrolle weitherum geschätzt. Der Dauererfolgsrausch hatte vielleicht den Nachteil, dass das einheimische Publikum nicht auch noch seinem Ruf gerecht werden konnte, die Leistungen der Gegner fast ebenso angemessen zu würdigen.

Tatsächlich war der Union Jack, die britische Flagge, omnipräsent, mehr noch als die fünf Ringe als olympisches Weltmarkenzeichen. Die von der BBC angeführte genüssliche mediale Ausschlachtung der Medaillenflut tendierte ins Extreme. Doch wer seit 1936 auf den nächsten «eigenen» Wimbledon-Sieger wartet und als Mutterland der mit Abstand wichtigsten Sportart Fussball seit dem einzigen WM-Titel 1966 vor allem sein Verlierer-Image pflegt, dem sei das etwas gar exzessive Zelebrieren des Kontrastprogramms verziehen.

Das Gesamtkunstwerk Bolt

Erstaunlich war, wie viele der im Vorfeld von der Vermarktungsmaschinerie sorgsam zu Köpfen der Heimspiele aufgebauten Hoffnungsträger dem immensen Druck standhielten. Drei Champions ragten aus dem starken britischen Kollektiv heraus: Langstreckler Mo Farah mit dem Double 5000 m/10'000 m, «Everybody's Darling» und Siebenkämpferin Jessica Ennis sowie der Bahnradsprinter Chris Hoy, mit nun schon sechs Goldmedaillen neu der erfolgreichste Olympionike des Königreichs.

Überstrahlt wird das Trio mit Sicherheit von Usain Bolt. Das zweite Olympia-Triple 100 m/200 m/Staffel macht den Jamaikaner zum unbestritten grössten Sprinter aller Zeiten. Von seinem Gebaren kann man halten, was man will. Fakt ist: Bolt fasziniert und zieht in seinen Bann, wie es, global betrachtet, kaum ein anderer Sportler je getan hat. Und vor allem spricht er als Gesamtkunstwerk auch die junge Generation an, die für die Leichtathletik, an Sommerspielen immer noch die meistbeachtete Sportart, ansonsten immer schwieriger zu erreichen ist.

Und was ist mit Michael Phelps? Mit viermal Gold und zweimal Silber war der Herrscher der olympischen Schwimmbecken wie schon 2004 in Athen und 2008 in Peking so erfolgreich wie niemand sonst. Im Allzeit-Medaillenranking baute Phelps seine Führung aus; er verabschiedete sich als 18-facher Olympiasieger und je zweifacher Silber- und Bronze-Gewinner in den sportlichen Ruhestand. Phelps lernte in London aber auch die Niederlage kennen. Das liess ihn menschlicher erscheinen. Dennoch definiert sich seine Aura allein über den Erfolg. Wenn Phelps überhaupt Charisma hat, dann weiss er es vor der Öffentlichkeit gut zu verstecken. Er ist eine Art Gegenentwurf zu Muhammad Ali.

Vermächtnis und Wunschdenken

Ennis, Farah, Hoy, Bolt, Phelps, aber auch all den «Namenlosen» unter den mehr als 10'000 Teilnehmern wurde in London ein Rahmen geboten, der an die «Happy Games» von Sydney im Jahr 2000 erinnerte. Rund sieben Millionen Zuschauer - ein Rekord - verfolgten das Geschehen an den mehrheitlich attraktiven Wettkampfstätten mit. Auch wenn der Preis für das Sicherheitsdispositiv horrend war, verlief das Sportfest gesittet und friedlich. Als nachhaltigstes Vermächtnis bleibt der von Grund auf erneuerte Stadtteil Stratford mit dem Olympia-Park. Dass sich mit diesen Olympischen Spielen getreu dem Motto gleich «eine Generation inspirieren» lässt, wird natürlich Wunschdenken bleiben.

(fest/Si)

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