Bundesgericht gewichtet Kinderleben höher als den Verkehrsfluss
publiziert: Freitag, 5. Sep 2003 / 12:36 Uhr

Lausanne - Autofahrer dürfen grundsätzlich nicht auf ein korrektes Verhalten von Kindern vertrauen, auch dann nicht, wenn sie von Erwachsenen begleitet werden. Mit einem Grundsatzurteil schützt das Bundesgericht die Schwächsten im Strassenverkehr.

Bundesgericht Lausanne.
Bundesgericht Lausanne.
Dem Entscheid liegt ein tragischer Unfall zu Grunde: Ein fünfjähriger Junge wollte zusammen mit einer 18-jährigen Begleiterin die Strasse überqueren. Auf der Gegenfahrbahn näherte sich ein Automobilist, der sein Tempo auf 30 bis 40 Stundenkilometer drosselte und Bremsbereitschaft erstellte.

Das Kind sprang plötzlich auf die Fahrbahn, wurde vom Wagen erfasst und tödlich verletzt. Der Fahrer wurde später von der Zuger Justiz vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen. Das Bundesgericht hat diesen Entscheid nun zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen.

Dem Lenker sei eine Verletzung seiner Sorgfaltspflichten vorzuwerfen, obwohl er eine gewisse Vorsicht aufgebracht habe, hielt es fest. Insbesondere habe er nicht glauben dürfen, dass die Begleiterin das Kind festhalte, ohne sich dessen vergewissert zu haben.

Unter diesen Umständen habe er nicht darauf vertrauen dürfen, dass sich das Kind, welches die Strasse erkennbar habe überqueren wollen, richtig verhalten werde. Vielmehr sei er verpflichtet gewesen, die zweideutige Situation mindestens mit einem Hupen zu klären oder so abzubremsen, dass er hätte halten können.

Auf ein korrektes Verhalten dürfe nur dann vertraut werden, wenn das Kind von einem erwachsenen Begleiter erkennbar kontrolliert, also etwa an der Hand festgehalten werde.

Dem Argument der Zuger Richter, wonach der Verkehr zusammenbrechen würde, wenn Lenker nicht auf das korrekte Verhalten begleiteter Kinder vertrauen dürften, begegnete das Bundesgericht mit klaren Worten: Das Leben und die Unversehrtheit der Kinder ist ein wichtigeres Rechtsgut als der ungestörte Verkehrsfluss.

(bsk/sda)

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