Chicago in 24 Stunden
publiziert: Mittwoch, 25. Aug 2010 / 12:40 Uhr
Rechts im Bild der Willis Tower, das höchste Gebäude der USA.
Rechts im Bild der Willis Tower, das höchste Gebäude der USA.

Wegen eines Buchungsfehlers verbringe ich auf meiner Reise von San Diego nach Zürich nicht wie angenommen zwei, sondern ganze 26 Stunden in Chicago. Ein ungeplanter Aufenthalt, der zu einem unvergesslichen Erlebnis wird.

Ich habe 24 Stunden, um eine mir völlig fremde Stadt kennen zu lernen. Anstatt mich durch Reiseführer zu lesen und Hotels zu suchen, versende ich kurzerhand via Couchsurfing ein paar Mails mit der Frage, wer sich gewappnet fühle, mir diese Stadt in nur einem Tag ein bisschen näher zu bringen. Ich erhalte drei Einladungen und entscheide mich für die vom Flughafen am wenigsten weit gelegene Adresse. So lande ich bei Alex, einem 36-jährigen Amerikaner mit griechischen Wurzeln.

Chicago by night

Da ich am Abend ankomme, erlebe ich zuerst das Nachtleben von Chicago. An diesem Wochenende findet ein Strassenfestival statt: Konzerte, Stände mit Essen und Bars. Solche Veranstaltungen kenne ich aus der Schweiz. Grosse Unterschiede entdecke ich keine. Wir haben eine Menge Spass, doch Alex möchte mir noch mehr zeigen.

Wir spazieren zum Lake Michigan und entlang des Seeufers bis zu einem Pier, der einige Meter ins Wasser hinausreicht. Von dort aus hat man einen Blick auf die Skyline Chicagos, die sich - mir ungewohnt und imposant - strahlend und funkelnd vom dunklen Nachthimmel abhebt und fast bis zu den Sternen reichen mag. In San Diego sind die Gebäude bei weitem nicht so hoch wie hier, im Geburtsort der ersten Wolkenkratzer. So stand mit dem Sears Tower (heute Willis Tower genannt) bis ins Jahr 1998 das höchste Gebäude der Welt in Chicago. Der Sears Tower ist auch heute noch der höchste Wolkenkratzer der USA ist.

Beim nach Hause Spazieren erklärt Alex, dass man einige Quartiere bei Nacht unbedingt meiden müsse. Es komme nicht selten zu Schiessereien und anderen Gewaltakten, fast jede Nacht komme eine Person ums Leben. Ich erschaudere und bin einmal mehr froh, mich für das Couchsurfing entschieden zu haben, anstatt die Stadt alleine zu erkunden.

The Great Lake

Am nächsten Morgen geht Alex in die griechisch-orthodoxe Kirche, um seine Familie zu treffen. Er gibt mir jedoch ein paar Tipps auf den Weg und setzt mich nahe dem Stadtzentrum ab. Also erkunde ich die Stadt alleine und zwar so, wie ich es am liebsten mag: ohne Landkarte und einfach der Nase nach. Um das Morgenessen muss ich mir keine Gedanken machen, denn wie fast überall in den Vereinigten Staaten steht auch hier an beinahe jeder Ecke ein Starbucks. Mit einem Frapuccino gewappnet, spaziere ich über die Michigan Avenue, die Hauptstrasse, die von vielen Geschäften und Restaurants gesäumt ist. Zum Shoppen habe ich allerdings keine Zeit, es zieht mich wieder an den Michigansee, der übrigens zu den fünf grössten Seen Amerikas gehört. Etwas Spezielles ist auch die Seepromenade, die in ganz Chicago öffentlichen Zutritt zum See ermöglicht. Auf dieser Strasse gibt es einen Fahrradweg, der rege benutzt wird. Auch zahlreiche Jogger und Spaziergänger nutzen diesen Weg.

Amerikanische Marine und Riesenrad

Auch ich gehe dem Seeufer entlang, bis ich zum Navy Pier komme. Während dem 2. Weltkrieg von der amerikanischen Marine genutzt, später Ort für zahlreiche Ausstellungen wie zum Beispiel die Weltausstellung von 1893, findet man heute auf dem etwas mehr als einem Kilometer langen Pier verschiedene Touristenattraktionen, und nicht zuletzt das «Ferris Wheel»: Das erste moderne Riesenrad, anlässlich der Weltausstellung gebaut von George Ferris, einem Ingenieur aus Pittsburgh.

«Die Bohne»

Ein weiteres Muss während meines Aufenthaltes in Chicago sei der Besuch im Millenium-Park. Was denn das Spezielle daran sei, frage ich Alex. «The Bean», auf Deutsch «die Bohne», meint er. Auf meine Frage, was das denn sei, lächelt er. «Das wirst du schon sehen.» Nach einem weiteren Spaziergang auf der Michigan Avenue treffe ich auf den Park. Am Eingang steht eine Orientierungstafel, doch die Aufschrift «The Bean» suche ich vergebens. So beschliesse ich, einfach mal hinein zu gehen und mich umzuschauen. Schnell wird mir klar, warum Alex so verschmitzt gelächelt hat. Ich treffe auf eine 13 Meter hohe Skulptur von hülsenfruchtartiger Form, die mir ihren Spitznamen schnell klar macht. Offiziell als «Cloud Gate» betitelt, stellt sie die Hauptattraktion im Park dar und ist ein beliebtes Fotografie-Objekt, nicht zuletzt weil man sich dank der spiegelartigen Oberfläche auch selbst fotografieren kann. Daneben findet man in diesem Park moderne Architektur, schöne Landschaftsgestaltungen, und mit dem Jay Pritzker Pavilion eines der modernsten Freilichtbühnen der Vereinigten Staaten.

Leider ist mein kurzer Aufenthalt in Chicago schon fast zu Ende. Alex holt mich ab und bringt mich mit dem Auto zur nächsten Subway-Haltestelle, wo ich mich von meinem hilfreichen Reiseführer verabschiede. Auf dem O‘Hare International Airport, dem nach Atlanta am stärksten frequentierten Flughafen der Welt, blicke ich zurück auf meine 24 Stunden in Chicago und beschliesse, von nun an solche Buchungsfehler mit Absicht zu machen.

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(Eva Hirschi / Tink.ch)

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