Chinas Fussball - Nationales Gespött
publiziert: Montag, 24. Jun 2013 / 15:03 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 26. Jun 2013 / 15:33 Uhr
Trainer Camacho: An Chinas Nati gescheitert.
Trainer Camacho: An Chinas Nati gescheitert.

Chinas Wirtschaft ist ohne Zweifel Weltklasse und das Reich der Mitte mithin weltpolitisch vielleicht sogar auf dem ganz Grossen Sprung nach Vorn. Doch was den Fussball betrifft, ist China heute im FIFA-Ranking auf Platz 109 abgedriftet und tiefste Provinz. Als Folge davon wurde soeben der Star-Trainer gefeuert.

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Der professionelle Fussball legte im reformorientierten China in den 1990er-Jahren einen fulminanten Start auf den Rasen. Die Liga blühte, und das Nationalteam schaffte 2002 gar die Teilnahme an den Fussball-Weltmeisterschaften in Südkorea/Japan. Später wurde die Super League gegründet, alimentiert von schwerreichen Tycoons, die sich hochkarätige Teams etwa in Peking, Shanghai oder Kanton (Guangzhou) leisteten. Mit allem was dazugehört. Also sündhaft teuren ausländischen Spielern und noch teureren Trainern aus Europa und Südamerika.

Doch die chinesische Fussballmeisterschaft verkam bald in einem wüsten Gestrüpp von Korruption, Match-Absprachen, gekauften Spielern und Schiedsrichtern. Weil Glücksspiel und Zocken - ausser an den Börsen - in China offiziell verboten ist, kam es in grossem Stil zu illegalen Wetten mit horrenden Geldsummen. Mit einem Befreiungsschlag suchten die Behörden den sportlichen Sündenpfuhl trocken zu legen. Hochrangige Mitglieder des chinesischen Fussballverbandes wurden zu langen Gefängnisstrafen verdonnert und 33 Spieler und Schiedsrichter wurden lebenslänglich von Spielfeld verbannt.

Jetzt versucht der Fussballverband das ramponierte Image des einst extrem populären Ballspiels in China aber auch international wieder aufzupolieren. David Beckham reist deshalb als Botschafter der Super League und dessen Jugendprogramm durch China. Im Auftrag des chinesischen Fussballverbandes für ein sattes Honorar von gerüchteweise 2,6 Millionen Dollar. Dass Beckham in China fast so bekannt ist wie Staats- und Parteichef Xi Jinping hat mit der internationalen Vermarktung des Fussballs zu tun. Die grossen Clubs wie Real Madrid, Manchester United, Inter Mailand, Chelsea oder Bayern München haben den asiatischen und insbesondere den chinesischen Markt längst entdeckt. Europäische und lateinamerikanische Spitzenkicker treten das rund Leder auf chinesischem Rasen zu Gehältern, welche selbst hochdotierte Banker und Abzocker vor Neid erblassen lassen. Europäischen Spitzenclubs gehen in Asien auf Tournee. Während der Saison werden Spiele der Primera Division, der Bundesliga, der Premier League und der Serie A am chinesischen Fernsehen gezeigt, direkt oder Zeit verschoben und in Sportsendungen analysiert. Dass auch auf diese Spiele in grossem Stil illegal gezockt wird, versteht sich fast schon von selbst.

Der chinesische Fussball kann also nur noch besser werden. Die Klubs und deren steinreiche Besitzer tun einiges dafür. Guangzhou Evergrande zum Beispiel, Champion der letzten zwei Jahre und derzeit wieder an der Spitze der Rangliste, unterhält seit letztem Jahr in Zusammenarbeit mit Real Madrid eine Fussballschule mit Internat. Dort lernen über zweitausend junge Chinesen die technischen und taktischen Feinheiten des Spiels. Dass Guangzhou langfristig auf die Jugend setzt, hat auch mit Trainer Marcello Lippi, der einst Italien zur Weltmeisterschaft geführt hat, zu tun. Nur heimisches Schaffen, so die Überlegung, fördert und erhält die Fussballbegeisterung.

Doch die Wiederaufbauarbeit ist mühsam und braucht Zeit, viel Zeit. Das Nationalteam, seit drei Jahren vom spanischen Erfolgscoach Jose Antonio Camacho (Real Madrid, Spanische Nationalmannschaft) trainiert wurde, hat bislang noch nicht überzeugt. Im Gegenteil. Die Teilnahme an den Fussball-WM in Brasilien 2014 ist bereits vergeigt. Jetzt geht es um die Teilnahme am Asien-Cup, doch die wird ohne Camacho stattfinden, der eben vom chinesischen Verband frei gestellt wurde.

Die offizielle Nachrichten-Agentur Xinhua (Neues China) äusserte sich - für ein Staatsmedium höchst ungewöhnlich - kritisch-pessimistisch zur Lage des chinesischen Fussballs. Xinhua verglich mit gutem Gespür fürs gesunde Volksempfinden Chinas dahin dümpelnde Börse mit dem chinesischen Fussballl. Beide seien zum Gegenstand nationalen Gespötts geworden. Xinhua fügte hinzu: «Börse und Fussball, zwei Spiele, welche chinesische Menschen am meisten quälen». Ein Blogger auf Sina Weibo, der chinesischen Version von Twitter zwitscherte: «Das Schlimmste im Leben ist es, am Tage die Börse zu verfolgen und am Abend chinesischen Fussball zu sehen».

In der Tat, die Resultate der müden Truppe unter dem bisherigen Kommando von Trainer Camacho sind ernüchternd. In Freundschaftsspielen setzte es eine Niederlage um die andere ab: Gegen Usbekistan 2:1, gegen Holland 2:0 und zuvor gegen Brasilien gar 8:0. Die schmerzlichste Niederlage erlitt China jedoch gegen Thailand - im FIFA-Ranking 47 Positionen schlechter als China. Nach der 5:1-Schlappe waren die chinesischen Fans tief enttäuscht. Die Tagezeitung «Peking Abend-Nachrichten» titelte mit der Riesenschlagzeile: «Das Nationalteam hat ein neues Kapitel in seiner Geschichte der Schande geschrieben». Die Hongkonger Zeitung «Pinguo Ribao» (Apfel-Tageszeitung) schrieb vom «dunkelsten Tag im Chinesischen Fussball». Da überrascht der Abgang des spanischen Trainers nicht wirklich.

Was Staats- und Parteichef Xi Jinping zur aktuellen Leistung des chinesischen Nationalteams denkt, ist nicht überliefert. Doch Xi, ein bekennender Fussballfan, träumt nicht nur seinen mittlerweile weltweit bekannten «Chinesischen Traum». Xi träumt, wie er einst coram publico zu Protokoll gab, auch davon, dass China eines Tages die Weltmeisterschaften ausrichten und sogar gewinnen werde.

(Peter Achten/news.ch)

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