Christa Wolf wird 75: Ost-Zwillingsschwester von Böll
publiziert: Donnerstag, 18. Mrz 2004 / 08:20 Uhr

Berlin - Heute feiert die Schriftstellerin Christa Wolf ihren 75. Geburtstag. Für manche ist sie die bedeutendste deutschsprachige Autorin der Gegenwart, andere wie Marcel Reich-Ranicki halten sie für "weit überbewertet".

Christa Wolf hatte die DDR geliebt.
Christa Wolf hatte die DDR geliebt.
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Ihr wichtigstes Buch, "Nachdenken über Christa T." (1968), das er einst nachdrücklich gelobt habe, habe sich schon überlebt, schrieb der Kritiker. Andere zählen es zu den wichtigsten Romanen der deutschen Nachkriegsliteratur. In den letzten Jahren wurde, wenn es um Spekulationen zum Literaturnobelpreis ging, neben Günter Grass auch Wolfs Name immer wieder genannt.

Unglückliche Liebe zur DDR

"Ich verlasse mich darauf, dass die Leser in meine Bücher schauen und sehen, dass ich keine Staatsschriftstellerin war", sagte die Georg-Büchner-Preisträgerin 1990. "Ich habe dieses Land geliebt", schrieb sie einmal an Günter Grass nach dem Untergang der DDR. "Dass es am Ende war, wusste ich, weil es die besten Leute nicht mehr integrieren konnte, weil es Menschenopfer forderte."

Also schrieb sie die Erzählung "Kassandra", die eine Botschaft enthielt, auch für die Zensur in der DDR. "Ich wartete gespannt, ob sie es wagen würden, die Botschaft der Erzählung zu verstehen, nämlich, dass Troja untergehen muss. Sie haben es nicht gewagt und die Erzählung ungekürzt gedruckt. Die Leser in der DDR verstanden sie."

Als Staatsoberhaupt im Gespräch

In der turbulenten Wendezeit 1989/90 war ihr Name für das Amt eines DDR-Staatsoberhauptes im Gespräch, als die Intellektuellen nach dem Vorbild der politischen Karriere des tschechischen Schriftstellers Vaclav Havel von einer Verbindung von Geist und Macht träumten. Die "östliche Zwillingsschwester von Heinrich Böll" empfand es aber zunehmend als Belastung, dass die Menschen in Ostdeutschland sie als "moralische Instanz" und Gallionsfigur für Zivilcourage und Widerstand in Anspruch nahmen und weniger als Literatin.

Ein Schatten fiel auf die Person Christa Wolf, als die Stasi-Akten sie als "Gesellschaftliche Mitarbeiterin" und kurze Zeit auch als IM "Margarethe" in frühen Jahren (1959-1962) enttarnten. Sie legte das aber sofort selbst in einem Dokumentationsband "Akteneinsicht Christa Wolf" offen.

Es bleibe aber "ein Wunder, ein dunkler Punkt" in ihrem Leben, wie sie später bekannte. Sie wurde auch nicht wie ihr Mann Gerhard Wolf aus der SED geworfen (aus der sie erst 1989 austrat, zu spät, wie sie bekannte), als sie gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 protestierte. "Den Prozess, den ich gegen mich eröffnet habe, muss ich ohne Beistand führen", notierte sie 1993.

In Krisenzeiten leiden Frauen mehr

Es kamen auch wieder die literarischen Erfolge, so 1996 mit "Medea" über Liebe und Verrat. 2002 erschien ihr Buch "Leibhaftig", der Albtraum eines Krankenhausaufenthaltes in der Endzeit der DDR.

Grosses Interesse fanden auch Wolfs veröffentlichte Briefwechsel zum Beispiel mit DDR-Autorinnen wie Brigitte Reimann. Zu ihrem jetzigen Geburtstag ist der Briefwechsel mit der aus Deutschland emigrierten Philosophin, Ärztin und Autorin Charlotte Wolff (bei Luchterhand) erschienen.

Im neuen Roman, an dem Christa Wolf derzeit arbeitet, ist die "weltgeschichtliche Niederlage der Frau" wieder mit ein Thema. In Krisenzeiten zeige sich die dünne Decke der Zivilisation. "Angst, Gier, Rücksichtslosigkeit der Männergesellschaft kommen nackt hervor, die Frauen werden wieder an den Rand gedrängt."

(Wilfried Mommert/dpa)

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