Nach der Euphorie die Ernüchterung
Computer und Internet sind im Schulzimmer doch keine Zaubermittel
publiziert: Dienstag, 1. Mai 2001 / 08:36 Uhr

Bern - Seit drei Jahren heisst die Forderung: «Schulen ans Netz!». Unter hohem, finanziellem Aufwand, unterstützt von verschiedenen Firmen, wurden Schulen im ganzen Land vernetzt. Doch nun zeigen Studien, dass die neuen Medien nur ungenügend eingesetzt werden. Viele Lehrkräfte kritisieren ausserdem die Computerpädagogik.

Bund und Kantone wollen mit der Initiative die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Kinder und Jugendlichen zeitgemäss unterrichtet werden können. Im April ist unter der Federführung von Bundesrat Pascal Couchepin das Projekt «Schule im Netz» lanciert worden.

In der Startphase sind die Kantone Freiburg, Genf, St. Gallen, Tessin, Uri und Zürich beteiligt. Im Rahmen des Projekts sollen die Schulen weniger Gebühren für den Internetzugang bezahlen und auch Hard- und Software günstiger bekommen.

Glanz verloren

In der Realität indes haben Internet und Computer stark an Glanz verloren. Lehrkräfte reagieren skeptisch auf die Technologieinitiative. In der Praxis bleiben die Computer oft ungenutzt. In Deutschland etwa arbeitet weniger als die Hälfte aller Lehrer im Unterricht mit neuen Medien.

Laut einer Studie des Institutes für Schulentwicklungsforschung (IFS) der Universität Dortmund besitzen zwar 80 Prozent aller Lehrerinnen und Lehrer zu Hause einen Computer. Doch die Lehrkräfte können die neuen Medien wegen Stellen- und Zeitknappheit kaum einsetzen. Entsprechend hat die Computernutzung in der Schule seit 1995 kaum zugenommen.

In der Schweiz sieht es ähnlich aus. Zwar sind die meisten Schulen mittlerweile vernetzt, in vielen Schulen wird das Internet jedoch kaum genutzt. Ob und wie stark das Internet eingesetzt wird, hängt sehr stark vom Engagement des einzelnen Lehrers ab. Die Palette reicht vom Totaleinsatz bis zur totalen Ignoranz.

Kritik wird lauter

In den letzten zwei Jahren hat sich kaum ein Lehrer gewagt, das Internet oder den Einsatz von Computern zu kritisieren. Das hat sich geändert: Das Internet ist nicht mehr sakrosankt, wer den Computer kritisiert, gilt nicht mehr automatisch als Ewiggestriger.

Die kritischen Lehrerinnen und Lehrer haben in Clifford Stoll einen wortmächtigen Sprecher erhalten. Der amerikanische Internetspezialist, einst der erste Hackerjäger der Geschichte, schreibt mit seinem neusten Buch «LogOut. Warum Computer nichts im Klassenzimmer zu suchen haben und andere Hightech-Ketzereien» gegen den Computereinsatz in der Schule an.

«Vor allem in den unteren Klassen müssen die Kinder lernen, wie man die Hände, die Füsse und die Muskeln verwendet», erklärt Stoll gegenüber der Nachrichtenagentur sda. Die Kinder müssten nicht den Umgang mit Maschinen, sondern miteinander lernen.

«Kinder brauchen Menschen. Stattdessen geben wir ihnen Computer und behandeln sie, als wären sie Schweine in der Skinner-Box: Wir belohnen sie dafür, dass sie den richtigen Knopf auf dem Computer drücken», polemisiert Stoll. Die Kinder würden behandelt, als wären sie Ratten in einem Versuchslabyrinth.

«Welches Problem der Erziehung löst der Computer?» fragt Stoll rhetorisch. «Sehen unsere Kinder zu wenig fern? Haben unsere Teenager Angst vor dem Computer? Fürchten Sie sich vor E-Mails?» Die drastischen Worte von Stoll finden Anklang. Viele Lehrer applaudieren, offen oder versteckt, dem amerikanischen Kritiker.

Die Probleme mit dem Lesen

Denn immer mehr Lehrer in Schweizer Schulen haben handfeste Probleme mit ihren Schülern: Es sei kaum ein Schüler mehr in der Lage, einen Text zu lesen, der länger als eine Seite ist, beklagen sich etwa Lehrer eines Zürcher Gymnasiums. Selbst Turnlehrer stellen Veränderungen fest: «Wenn die Übung einmal gemacht wurde, stehen sie herum und fragen: Und jetzt?»

Statt Ausdauer zu beweisen, seien nur noch Attraktionen gefragt. Die subjektiven Klagen der Lehrer stimmen mit den Resultaten verschiedener Studien überein. Das Internet beeinflusst offenbar die Nutzung anderer Medien stark. So gleicht sich das Lesen immer stärker dem Surfen an.

Internetbenutzer lesen mehr, aber oberflächlicher. Sie surfen quasi auch auf Papier. Laut der Studie «Leseverhalten und Lesequalitäten der Deutschen 2000» der deutschen Stiftung Lesen liest ein Drittel aller Jugendlichen in einem Buch nur noch die interessantesten Stellen.

Angst vor Computerpädagogik Der deutsche Lehrerverband steigt deshalb jetzt auf die Barrikaden. Verbandspräsident Josef Kraus warnt vor einer reinen «Computerpädagogik». Er befürchtet, dass die Schüler durch den zunehmenden Einsatz von Computern das Lesen verlernen.

Computer und Internet sind nur die neusten Feinde des Lesens und beileibe nicht die Schlimmsten. Im Durchschnitt verbringen Schweizer etwa so viel Zeit pro Woche mit dem Internet, wie sie pro Tag mit dem Fernsehen verbringen.

(Matthias Zehnder /sda)

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