Crash über dem Bodensee: Wurde der Pilot zu spät gewarnt?
publiziert: Dienstag, 2. Jul 2002 / 22:10 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 3. Jul 2002 / 06:51 Uhr

Überlingen - Erst 25 Sekunden vor dem Zusammenprall zweier Flugzeuge hat der Pilot der russischen Tupolew mit dem Sinkflug begonnen. Er wurde knapp eine Minute vor dem Crash vom Tower in Zürich gewarnt. Möglicherweise zu spät. Es kam zum Zusammenstoss in 11'000 Meter Höhe mit einer deutschen Frachtmaschine. In Russland wurde mittlerweile heftige Kritik gegen den Schweizer Fluglotsen laut.

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Die beiden Maschinen stiessen in rund 11 Kilometern Höhe über dem Bodensee zusammen. In einem Umkreis von 30 Kilometern gingen die Trümmer der beiden Maschinen in der Gegend von Überlingen zu Boden. Wie durch ein Wunder gab es dabei keine weiteren Opfer.

An Bord der Tupolew der Bashkirian Airline waren 69 Menschen, darunter 52 Jugendliche und Kinder von Ministern oder anderen baschkirischen Regierungsbeamten. Zusammen mit ihren Begleitern wollten die Jugendlichen an der Costa Dorada in Spanien Ferien machen - als Belohnung für gute Noten. Die Angehörigen der Flugunfallopfer werden am Mittwoch in Deutschland erwartet.

An Bord der Frachtmaschine vom Typ Boeing 757 des Paketdienstleisters DHL waren der Pilot und der Co-Pilot. Geladen hatte sie nach Angaben der DHL normale Pakete und Briefe.

Unter Schweizer Luftkontrolle

Die beiden Maschinen wurden zum Zeitpunkt des Unglücks von der Schweizer Flugsicherung Skyguide kontrolliert. Die beiden Unglücksmaschienen flogen auf 36'000 Fuss (11'500 Meter) über Boden. Bei Überlingen am Bodensee sollten sie kreuzen - ein routinemässiger Vorgang.

Der Fluglotse in Zürich wollte für die Kreuzung die russische Maschine auf eine tiefere Ebene holen. Doch möglicherweise machte der Lotse den Piloten der Tupolew zu spät auf den Kollisionskurs aufmerksam. Erst knapp eine Minute vor dem Crash wurde die TU-154 angewiesen, sofort einen Sinkflug einzuleiten.

Auf diese späte Anweisung reagierte der russische Pilot fatalerweise erst nach wiederholter Aufforderung - da war es allerdings bereits zu spät. In einer Höhe von 35'300 Fuss - zirka 11'000 Meter über der deutschen Ortschaft Überlingen - kam es zur Kollision.

Diese Angaben von Skyguide bestätigten die deutschen Untersuchungsbehörden. Demnach erfolgte die Anweisung zum Reduzieren der Flughöhe 50 Sekunden vor dem Zusammenstoss erstmals. 25 Sekunden später habe der Pilot den Sinkflug eingeleitet, wie der noch in der Nacht gefundene Flugschreiber der Tupolew zeige.
Am Dienstagabend fanden die Ermittler auch einen der beiden Stimmrekorder. Zunächst war unklar, aus welchem der Flugzeuge die Aufnahmen stammten.

Boeing automatisch alarmiert

Doch nicht nur die TU-154 versuchte auszuweichen, auch die Boeing 757 hatte ihren Kurs geändert. Der Pilot der Frachtmaschine hatte auf Anweisung des elektronischen Alarmgeräts ebenfalls einen Sinkflug eingeleitet. Auf Grund dieses gleichzeitigen Absinkens kam es zur Kollision: zwischen 23.35 und 23.36 Uhr rasten die Maschinen ineinander.

An einer Medienkonferenz am Dienstagvormittag hatten Verantwortliche der Flugsicherung die Zeitspanne der ersten Anweisung zum Sinkflug als nicht ideal, aber «im Normalfall genügend» bezeichnet. Laut Skyguide-Sprecher Patrick Herr entsprachen Art und zeitlicher Ablauf der Kreuzung völlig dem Normalfall.

Am Nachmittag erklärte Anton Maag, Leiter des Area Control Center (ACC), der am späten Montagabend arbeitende Fluglotse habe nicht unverantwortlich gehandelt: «Es war aber knapp».

Kritik an Fluglotsen

Was in der Minute zwischen dem ersten Befehl des Fluglotsen zum Sinkflug und dem Zusammenstoss genau passierte, ist laut Maag noch unklar, weil die nötigen Abklärungen erst aufgenommen worden sind. Dabei muss insbesondere die Aufzeichnung des Funkverkehrs zwischen dem Tupolew-Piloten und dem Fluglotsen analysiert werden.

Jean Overney, Chef des Büros für Flugunfalluntersuchungen (BFU), wollte sich nicht auf Mutmassungen und Spekulationen einlassen. «Klar ist nur, dass etwas falsch gelaufen ist - was es war, muss erst noch abgeklärt werden», sagte er. Es sei zu früh, eine Diskussion über die Qualität der Sicherheitsvorkehrungen zu führen.

Heftige Kritik an Skyguide äusserte dagegen die russische Gesellschaft Bashkirian Airlines. Sie machte die Fluglotsen für die Kollision verantwortlich. «Nach meiner Einschätzung war es die Schuld der Fluglotsen, die in der Luft zwei Flugzeuge zusammenführten», sagte Nikolaj Odegow von Bashkirian Airlines nach Angaben der Agentur Interfax in Moskau.

Die russischen Piloten seien sehr erfahren gewesen und hätten die Fliegersprache Englisch ohne Probleme beherrscht, sagte er. Laut Angaben von Bashkirian Airlines war die 1995 gebaute Tupolew in technisch einwandfreiem Zustand.
Auch DHL, Besitzerin der Frachtmaschine, wies darauf hin, dass es bei der Boeing keine Anzeichen für technische oder operationelle Probleme gegeben habe.

Leichen- und Wrackteile

Bis zum Abend wurden ein grosser Teil der Boeing und ein grosses Wrackstück vom Rumpf der Tupolew gefunden. In letzterem befanden sich nach Angaben der Einsatzleitung noch Passagiere, die in den Sitzen festgeschnallt waren. Insgesamt wurden bis zum Nachmittag 26 Tote entdeckt.

Ausserdem wurden an vier Orten in der Gegend von Überlingen zahlreiche Leichenteile gefunden. An 57 Fundorten wurden Wrackteile und Gepäck gesichtet und gesichert. Über 1300 Personen - Polizisten und freiwillige Helfer - suchten nach Toten und Wrackteilen. Die Sucharbeiten sollten bis am Abend fortgesetzt werden.

Trauer und Bestürzung

Bundesrat Moritz Leuenberger drückte dem deutschen Verkehrsminister Kurt Bodewig sein Bedauern über das Unglück aus. Er bot den deutschen Behörden die Hilfe der Schweiz an. Auch in Deutschland und Russland reagierten die Spitzen der Politik mit grosser Bestürzung auf das Unglück.
In einem ökumenischen Gottesdienst im Münster von Überlingen nahm am Dienstagabend die Bevölkerung Anteil am Tod der 71 Opfer.

(ba/sda)

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