Das FAZ-Feuilleton-Gespenst
publiziert: Mittwoch, 29. Aug 2012 / 08:31 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 29. Aug 2012 / 08:56 Uhr
Pussy Riot: Absurder vergleich mit Ensslin und Meinhof
Pussy Riot: Absurder vergleich mit Ensslin und Meinhof

Pussy Riot - für die Einen Freiheitskämpferinnen, für Putin Schwerverbrecherinnen. Am Sonntag schrieb die FAZ eine vernichtende Kritik zu den Feministinnen. «Lady Suppenhuhn» war noch das netteste, was da zu lesen war.

6 Meldungen im Zusammenhang
Weiterführende Links zur Meldung:

Artikel zu Thomas Steinfelds Roman
Bericht über den Schwedenkrimi, in dem angeblich FAZ-Chefredaktor Schirrmacher getötet wird
spon.de

Der Journalist Moritz Gathmann durfte auf zwei Doppelseiten seinem geifernden Frauenhass vollen Lauf lassen. Er vergleicht die jungen, russischen Mütter, die von Putin als Einschüchterungsversuch gegen jede Opposition eingekerkert werden mit Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof. Zwei Terroristinnen, die skrupellos Menschen umgebracht oder hingerichtet haben. Als Pussy Riot würde ich mir eine Klage wegen übler Nachrede überlegen.

Die Story von Gathmann - nach Eigenwerbung «Russlandreporter ohne Grenzen» [sic] - wäre keiner Rede wert, stünde sie nicht in der «FAZ am Sonntag» und steckte dahinter nicht echtes politisches Kalkül. Die «FAZ am Sonntag» soll die Politik Merkels rechtfertigen, die, mit begehrlichem Blick auf die reichen russischen Gasreserven, lieber die Menschenrechte mit Füssen treten lässt, anstatt den ach so wichtigen Handelspartner Russland und seinen Zaren Putin zu verärgern. Nun ja, warum sollte man an Russland auch ein anderes Mass anlegen als an China?

Die Pussy Riot zeigen mit ihren drastischen Aktionen die Perversion unserer kapitalistischen Systeme, die von Freiheit schwärmen, den Grossteil der Menschen jedoch in slumvegetarische Zustände befördern wollen. Mit: «Fickt die Sexisten, die verfickten Putinisten» stürmten die Pussy Riot eine Modeschau und zündeten Brandpulver. Moritz Gathmann war dies die Beurteilung «sie führen Krieg gegen das Establishment, den Staat und die Polizei» wert. Dies in einem Staat, wo Establishment und Polizei jede Meinungsfreiheit unterdrücken und jeden missliebigen Kritiker entweder umbringen oder einkerkern. Seltsames Freiheitsverständnis der liberalen «FAZ am Sonntag».

«Wahre Anerkennung kann ein Mensch aus der Kultur nur erlangen, indem er sich dem Regime entgegenstellt, indem er ins Gefängnis geht und verfolgt wird» analysierten die Pussy Riot während ihrer Untersuchungshaft. Moritz Gathmann zieht diesen Satz mit dem Hinweis: «Echte Diktaturen wie Nordkorea oder Usbekistan gehen gegen ihre Kritiker mit ganz anderer Härte vor. Prozesse sind dort häufig nicht öffentlich, und Kritiker verschwinden für Jahre hinter Gefängnismauern, ohne dass ihr Schicksal im Westen viel Aufmerksamkeit findet.» Ah. So ist das! Für die FAZ ist die Verurteilung von jungen Feministinnen und Müttern, die mit radikalen Kunstinszenierungen, die manchmal hart an die Grenze des guten Geschmacks gehen, kein Zeichen eines autoritären oder gar diktatorischen Regimes, denn Leute, es gibt ja echte Diktaturen!

Dieses Demokratieverständnis ist in Zeiten von Guantanamo und Waterboarding en vogue geworden. Es muss nur das zu erreichende Ziel edel genug verbrämt werden, dann darf man auch alle dreckigen Methoden anwenden, um es zu erreichen. Man sollte vielleicht einmal über die Verleihung eines Machiavelli-Preises nachdenken. Unwürdige Preisträger fänden sich zuhauf! Besonders nett ist die Verurteilung des Rabenmutterjargons in der FAZamSonntag: «Als Wersilow und Tolokonnikowa in Kiew den Blogger beim öffentlichen Geschlechtsverkehr unterstützten, befand sich die inzwischen anderthalb Jahre alte Tochter schon seit längerem in der Obhut von Wersilows Eltern.» Wow. Welch eine Schlampe, nicht wahr? Wenn die Oberschichtendamen der besseren Gesellschaft ihre Kinder zu unterbezahlten, chinesischen Nannies abschieben, dann erfüllen sie den Erzeugervertrag. Aber wehe, eine junge Frau, die per Zufall auch Mutter ist, wagt, mit radikaler Aktionskunst, die nicht jederfrau oder jedermanns Sache sein muss, auf die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft hinzuweisen!

Eine Seite weiter vergleicht im selben Blatt Wibke Becker die Occupy-Bewegung mit den Ratten. Sie tut dies natürlich nicht im Nazi-Jargon eines Freislers oder im Plakate-Stil einer SVP, sondern geschickt mit der Rattenplage, die offenbar erst dank den Zeltlagern von Occupy in New York Einzug gehalten hat. Sie geht soweit, die Occupy-Bewegung mit den Menschen in Frankfurt vor 513 Jahre zu vergleichen. In drastischen Worten beschreibt sie die Zustände von damals als wären sie Begleiterscheinungen der friedlichen Occupy first, demand later-Bewegung. Ihr Zitat: «513 Jahre zuvor verrichteten die Menschen in Frankfurt ihre Notdurft in den Strassen und Winkeln..Der Rat der Stadt hatte mehrere Verbote ausgesprochen, aber es hielt sich kaum jemand daran. .Die Aktivisten sind einige Meter weiter (vom damaligen Rattenhäuschen) auf den Willy-Brandt-Platz vor der Europäischen Zentralbank gezogen» vergleicht die Rattenpest mit den friedlichen Menschen.

Wunderschön. Die deutschen Geiferer dürfen in einem deutschen Leitmedium wiederum das Ungeziefer der Gesellschaft verunglimpfen. Schliesslich gehören sie zu der Generation der Spätgeborenen, die den Krieg nicht mehr persönlich erlebt haben. Da kann man schon mal schnell die eigene Geschichte vergessen. Schlimmer ist, dass keiner meiner deutschen Kollegen auch nur auf die Idee kam, diese Artikel menschenverachtend und schlimmer als jedes Kalte Krieg-Vokabular zu entlarven.

Soweit geht die geistige Hygiene-Kampagne eines deutschen Sauberstaats-Mainstreammilieus, welches sich mittlerweile in die obersten Etagen der politischen Reinemacher etabliert hat. Kein Wunder bringt Thomas Steinfeld rein poetisch und rein fiktiv den Chefredakteur Schirrmacher von der FAZ bestialisch um und kreiert damit einen Literaturskandal.

Ein Gespenst geht um in Deutschland - das Gespenst des Feuilletons.

(Regula Stämpfli/news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
3
Forum
Machen Sie auch mit! Diese news.ch - Meldung wurde von 3 Leserinnen und Lesern kommentiert.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Dschungelbuch Die Meldung: Das ARD-Magazin ZAPP thematisiert in einem fünfeinhalb Minutenbeitrag mit: «Immer auf Putin? Breite Kritik ... mehr lesen 1
Vom lupenreinen Demokraten zum lupenreinen Invasor? Putins Image-Wandel in den Medien.
Drei Mitglieder von Pussy Riot waren nach dem Punkgebet zu je zwei Jahren Haft verurteilt worden.
Moskau - Für ihr umstrittenes Punkgebet gegen Wladimir Putin in einer Moskauer ... mehr lesen
Moskau - Im Verfahren gegen die russische Frauenband Pussy Riot hat die Verteidigung Berufung gegen die Urteile ... mehr lesen
Die Strafen für Pussy Riot könnten in einem Berufungsverfahren reduziert werden.
Der russische Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow ist ein langjähriger Kritiker von Präsident Wladimir Putin.
Moskau - Wegen einer Demonstration, bei der er einen Polizisten gebissen haben soll, ... mehr lesen
Moskau - Mit deutlichen Worten hat der russische Menschenrechtsrat, der Staatspräsident Wladimir Putin untersteht, das Urteil gegen drei Mitglieder der Frauen-Punkband Pussy Riot kritisiert. mehr lesen 
Weitere Artikel im Zusammenhang
Moskau - Die drei zu Haftstrafen verurteilten Musikerinnen der russischen Punkband Pussy Riot wollen kein Gnadengesuch bei ... mehr lesen
Die Pussy-Riot-Musikerinnen sind zu je zwei Jahren Haft verurteilt worden.
Richtig
leider können nur Leute in den Spiegel schauen, welche die Nase nicht so hoch oben haben. Man sollte zumindest den Spiegel noch erblicken können.
Richtiger Sozi
Schröder ist ja auch ein richtiger Sozi und liess sich seinen Lebensabend von Gazprom vergolden.
Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.
wo sie recht hat....
3 Sachen:

1. Putin ist kein lupenreiner Demokrat, wie Gerhard Schröder sagte.
2. Die demonstrierenden Damen haben einen Ort ausgesucht, der auch die Kirche provozierte. Das war schlicht dumm.
3. Die Kolumnistin sollte in den Spiegel schauen und nicht Kollegen anprangern, welche nicht die beste Wortwahl pflegen.
Eizelle: «An Egg Freezing Babies ist nichts auffällig» - mit Ausnahme der Indsutrieproduktion des Menschen.
Eizelle: «An Egg Freezing Babies ist nichts ...
Apple und Facebook machen es vor: Sie zahlen Mitarbeiterinnen bis zu 20 000 Dollar, wenn sie ihre Eizellen einfrieren lassen. Dies ist logisch und konsequent. Der weibliche Körper ist unbezahlbarer Rohstoff. mehr lesen 
Apple zahlt nach eigenen Angaben ab Januar den Beschäftigten bis zu 20'000 Dollar (19'000 Franken) für das Einfrieren und die Lagerung der Eizellen.
Apple/Facebook bezahlen Mitarbeiterinnen Einfrieren von Eizellen Cupertino - Apple und Facebook bieten Frauen eine kontroverse Karriere-Hilfe an: Sie bezahlen das ...
Gestern Abend lud Roger Schawinski Nicolas Blancho, den laut Weltwoche «gefährlichsten Islamisten der Schweiz», zum Talk ein. Schawinski wollte vom Präsidenten des Islamischen ... mehr lesen   1
Roger Schawinski: Jeder Schuss gegen Blancho ging nach hinten los.
Ban ruft zum Schutz der Menschen im belagerten Kobane auf Sulaymaniyah - UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon hat zum Schutz der Zivilbevölkerung in der von ...
UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon.
Eizelle: «An Egg Freezing Babies ist nichts auffällig» - mit Ausnahme der Indsutrieproduktion des Menschen.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
Recep Erdogan, türkischer Präsident: Lädt Brandstifter ein, wird sie nicht mehr los...
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Und abends in Happy Valley: Pferderennen in Hong Kong.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
5 Tage alter Embryo: Parlamentarischer Kuhandel mit Embryonenzahl und Chromosomentest.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
Seite3.ch
wetter.ch
MO DI MI DO FR SA
Zürich 13°C 17°C leicht bewölkt bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen
Basel 10°C 16°C leicht bewölkt, Gewitter, Regen leicht bewölkt, Gewitter, Regen leicht bewölkt, Gewitter, Regen leicht bewölkt, Gewitter, Regen leicht bewölkt, Gewitter, Regen leicht bewölkt, Gewitter, Regen
St.Gallen 14°C 18°C leicht bewölkt bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen
Bern 10°C 20°C leicht bewölkt leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen
Luzern 11°C 20°C leicht bewölkt bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen bewölkt, wenig Regen
Genf 11°C 23°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen
Lugano 13°C 21°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig
mehr Wetter von über 6000 Orten