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Das Haus als Haus
publiziert: Montag, 31. Mai 2010 / 16:23 Uhr

Wohl an keinem anderen Ort ist die Dichte, Qualität und Vielfalt von Bauten namhafter Architekten so hoch wie im deutschen Grenzstädtchen Weil am Rhein. Das Konglomerat an Vorzeigearchitektur auf dem Vitra Campus bei Basel wurde nun ergänzt durch einen faszinierenden Bau von Herzog & de Meuron.

Das Gelände mit seinen hochkarätigen Bauten ist einzigartig, die davon ausgehende Faszination für die internationale Architektur- und Designszene ebenfalls. Weshalb gerade im Provinzstädtchen Weil am Rhein eine solche Anhäufung von Architekturperlen zu finden ist, hat einen interessanten Hintergrund: Ausgelöst durch einen Blitzschlag, zerstörte 1981 ein Brand fast die Hälfte der Fabrikationsbauten der Firma Vitra am Firmensitz in Weil am Rhein. Rolf Fehlbaum beauftragte in Folge den britischen Architekten Niklas Grimshaw einerseits mit der Planung und dem Bau von zwei Produktionshallen, andererseits mit der Ausarbeitung eines Masterplans für das gesamte Firmenareal.

Dank Fehlbaums Kenntnis aktueller Tendenzen in der Architektur und seiner Affinität für zeitgemässes Design sollte das Gelände sukzessive in Zusammenarbeit mit progressiven und innovativen Architekten eine neue Gestalt annehmen. Fehlbaum hatte wenige Jahre zuvor die Leitung des Unternehmens von seinem Vater übernommen und war willens, auf dem Firmengelände den sogenannten Vitra Campus ausschliesslich mit hochkarätiger Architektur zu bebauen; als Zeichen für die Kreativität und das kulturelle Bewusstsein des Unternehmens.

Neben den Fabrikhallen von Niklas Grimshaw, Frank O. Gehry und Alvaro Siza entstanden mit den Jahren das Vitra Museum von Frank O. Gehry, ein Konferenz-Pavillon von Tadao Ando und ein Feuerwehrhaus von Zaha Hadid, eine Bushaltestelle von Jasper Morrison, eine Tankstelle von Jean Prouvé und ein „Dome“ von Buckminster Fuller. Momentan im Bau ist die Fabrikationshalle für Vitra-Shop der Architekten von Sanaa. Vorläufiger Höhepunkt auf dem Vitra Campus ist das kürzlich eröffnete sogenannte VitraHaus.

Das geschichtete Haus

Im Jahr 2006 erhielten Herzog & de Meuron den Auftrag, das VitraHaus für die 2004 lancierte Home Collection zu entwerfen. Am nördlichsten Rand des Firmengeländes, gut sichtbar direkt neben der Hauptstrasse gelegen, präsentiert sich das VitraHaus als verschachtelter Stapel einer archetypischen Hausform. Mit maximalen 57 Metern Länge, 54 Metern Breite und 21,30 Metern Höhe überragt das VitraHaus die übrigen Gebäude auf dem Gelände. Dank seiner exponierten Lage und der markanten Gestalt kommt dem neuen Gebäude auch die Funktion einer Markierung des Vitra Campus zu.

Ziel war kein horizontales Gebäude, wie es für Produktionshallen typisch ist, sondern ein sparsam mit dem Boden umgehendes, vertikal ausgerichtetes Bauwerk, das in mehrfacher Hinsicht Überblick gewährt: Überblick über die umgebende Landschaft und den Produktionsstandort, aber auch über die Home Collection.

Das Thema des Urhauses und das der Stapelung sind zwei Themen, die im Portfolio von Herzog & de Meuron wiederholt auftauchen. Die Architekten nehmen beim VitraHaus die archetypische Gebäudeform des Giebelhauses auf, verlängern sie und stapeln eine Reihe solcher Häuserriegel übereinander. Für die Funktion lag es besonders nahe, beim VitraHaus auf die Idee des Urhauses aus fünf Flächen zurückzukehren, denn im Innern des Baus sollen Einrichtungsgegenstände für den häuslichen Gebrauch präsentiert werden. Die Proportionen und Dimensionen der einzelnen Räume erinnern deshalb an vertraute, wohnlich konnotierte Raumsituationen. Die einzelnen „Häuser“, die jeweils einem Präsentationsraum entsprechen, werden als abstrakte Elemente aufgefasst; sie sind mit wenigen Ausnahmen nur an den Stirnseiten verglast. So erschliesst die Architektur dem Besucher einen Parcours der Überraschungen und erlaubt Blicke in die Weinberge des Tüllinger Hügels, über den Vitra Campus, in Richtung Basel und ins Elsass.

In insgesamt fünf übereinandergeschichteten Ebenen – das Gebäude hat eine Gebäudegrundfläche von 1324 Quadratmetern bei einem Volumen von 22‘755 Kubikmetern – ergeben die zwölf Häuser eine dreidimensionale Assemblage, einen Häuserhaufen der besonderen Art. Als Folge der gegenseitigen Durchdringung der Riegel entstehen dramatische Verformungen und Durchblicke sowie Auskragungen von bis zu 15 Metern. Bodenplatten dringen jeweils in die Giebelbereiche der darunterliegenden Ebene ein. Innen- und Aussenraum durchdringen sich ebenso wie die zwei Formenwelten; die orthogonal-polygonale, von aussen ablesbare, und die organische, die immer wieder mit räumlichen Überraschungen aufwartet.

Wie eine kleine in die Vertikale geschichtete Stadt fungiert das VitraHaus als neuer Auftakt des Campus. Ein holzbeplankter Platz bildet das offene Zentrum, um das sich fünf Gebäude gruppieren: ein Konferenzbereich, ein Ausstellungsraum für die Stuhlsammlung des Vitra Design Museums sowie ein Konglomerat aus dem Shop des Vitra Design Museums, dem Foyer mit Rezeption und Garderobe sowie einem Café mit Terrasse. Über einen Lift erreichen die Besucherinnen und Besucher das vierte Obergeschoss, wo der Rundgang beginnt. Tritt man aus dem Lift, so bietet die verglaste Nordseite des Raumes einen Ausblick auf die Hügellandschaft der Umgebung. Auf der Gegenseite – hier ist die Glasfront zugunsten einer Aussenterrasse zurückgesetzt – öffnet sich ein Panorama auf Basel mit den Bauten der pharmazeutischen Industrie.

Wie sich beim Weg durch das Haus verdeutlicht, ist die Ausrichtung der Häuser keinesfalls zufällig erfolgt, sondern auf die Ausblicke abgestimmt. Die Komplexität im Inneren wird nicht nur durch die winkelförmige Verschneidung der einzelnen Häuser erzielt, sondern auch durch die Integration eines zweiten geometrischen Konzepts. Sämtliche Treppen sind in organisch ausschwingende, sich gleichsam wurmartig durch die einzelnen Ebenen fressende Volumina integriert: Mal öffnen sich spannende Sichtbeziehungen zwischen den unterschiedlichen Häusern, mal versperren die Einbauten den Blick. Die Innenräume selbst sind weiss gehalten und lassen den Möbelinszenierungen den Vorrang. Der Anthrazitton der äusseren Putzhaut vereinheitlicht das Gebilde, „erdet“ es und verbindet es mit der umgebenden Landschaft.

(Gerald Brandstätter/Wohnrevue)

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