Denn nicht nur die oben genannten Firmen stecken in Problemen. Ford schrammt auch am Rande des Abgrundes entlang, profitierte aber vom noch grösseren Elend seiner US-Konkurrenten. Unterdessen suchen BMW und Mercedes, die beiden deutschen Traditions-Edelmarken und Konkurrenten, verzweifelt nach Möglichkeiten, zukünftige Investitionen aus eigener Kraft stemmen zu können, technische Kooperationen sind bereits beschlossene Sache. Eine Fusion wird zwar noch ausgeschlossen, aber momentan kann wohl niemand mit Sicherheit «nie» sagen.
Dass zudem Fiat-Chef Marcchionne als grosser Retter auftritt, der beim Kampf um Opel nur knapp unterlag, nachdem er sich Chrysler geschnappt hat, grenzt fast schon an Wahnsinn. Fiat war bis vor kurzem selbst Pleite-Kandidat und schiebt – trotz einer einigermassen erfolgreichen Sanierung – immer noch erhebliche Altlasten vor sich her.
Auch der «Opel-Retter» Magna ist nicht so toll, wie man dies gerne glauben würde. Das hängt aber weniger mit der Vergangenheit oder Gegenwart dieses weltweit drittgrössten Autoteile-Zulieferers zusammen, wie mit der Zukunft, die durch die Beteiligung an Opel getrübt werden könnte. Magna ist, wie gesagt, Zulieferer und Entwickler für die Autoindustrie. Die Firma hat auch schon ganze Autos – wie den BMW X3 – entwickelt und fertigt zum Teil auch Nischenprodukte oder kleinere Modellreihen für Grosshersteller wie eben den X3, die Mercedes G-Klasse oder das Saab 9-3 Cabrio. Zudem liefert Magna Teile und Komponenten wie Cabrio-Dächer, Getriebe oder Autositze an fast alle Autokonzerne. Doch nun wird Magna auch offiziell zum Hersteller und somit zu einem Konkurrenten seiner bisherigen Kunden. Wie sich dies auf die Geschäftsbeziehungen auswirken wird, steht in den Sternen. Doch vielleicht weiss der Austro-Kanadier Frank Stronach, der Chef von Magna, mehr als wir alle, sieht einfach das Ende der ausgelagerten Fabrikation kommen und hat dies vorweggenommen, indem er eine eigene Automarke zusammen mit russischen Banken und Autoherstellern gekauft hat.
Doch die ganzen Übernahmen und Rettungen helfen womöglich gar nichts, denn die wahre Krankheit der Autoindustrie sind ihre die Überkapazitäten. Die immer höhere Fertigungseffizienz führte dazu, dass die Überkapazität unterdessen 20 Prozent beträgt. Nun gibt es dazu zwei Lösungen. Zum einen könnten die Autohersteller bei sich selbst Kapazitäten abbauen. Oder eine grosse Automarke würde untergehen und so den Druck vom Markt nehmen.
Das Erste wird bereits gemacht – speziell indem Hersteller alle Modelle selbst fertigen und Fremdhersteller wie Karmann, Magna oder Valmet die Aufträge entziehen. Das erste Opfer dieser Entwicklung ist der deutsche Kleinhersteller Karmann, der im April in die Insolvenz ging.
Doch dies wird nicht reichen. Die momentane Krise hat lediglich die Probleme der Autoindustrie schneller und heftiger offen gelegt, als sie sonst zutage getreten wären, sie zeigte auf, dass es zu viele Fabriken für zu wenig Markt gibt.
Wenn in den USA nun GM Insolvenz anmeldet und in «gute» und «schlechte» Teile zerlegt wird, wobei die «schlechten» kaum eine Zukunft haben dürften, wenn mindestens elf Autowerke still gelegt und 21'000 Arbeiter entlassen werden, dann könnte das durchaus auch aufzeigen, was hier der Industrie noch blühen wird. Zu glauben, dass alle weiter machen können wie bisher, ist eine Illusion.
Es ist dabei wie die Sache mit dem Pflaster. In den USA hat man den Beschluss gefasst, es einfach schnell runter zu reissen. Tut weh, aber man windet sich nur kurz in Agonie. In Europa wird hingegen der «ganz langsam runter damit»-Ansatz verfolgt, in der Hoffnung, möglichst keine Schmerzen zu verursachen. Schön, wenn es klappen würde; doch die Erfahrungen – nicht nur mit Heftpflastern – sprechen dagegen...
(von Patrik Etschmayer/news.ch)
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