Das N-System:Verboten, aber nicht verschwunden
publiziert: Mittwoch, 24. Jun 2015 / 10:04 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 24. Jun 2015 / 15:04 Uhr
US-Supreme-Court: Die Rassismus-Uhr ungestraft zurück gedreht.
US-Supreme-Court: Die Rassismus-Uhr ungestraft zurück gedreht.

«Es geht nicht darum, dass es unhöflich ist, in der Öffentlichkeit ,Nigger' zu sagen», meinte Präsident Obama nach dem rassistisch motivierten Terrorakt von Charleston. Es gehe darum, die langjährige Unterdrückung der Afroamerikaner anzuerkennen und deren langen Schatten als «Teil der gesellschaftlichen DNA zu anerkennen.»

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Reden hat er immer schon gut können. Der erste, schwarze Präsident der USA, dessen Hautfarbe weder zu progressiver, demokratischer, engagierter noch zu antidiskriminierender Politik führte. Obama ist für die schwarze Minderheit in den USA das, was Maggie Thatcher für Frauen ist. Der Beweis, dass Menschen zwar aufgrund bestimmter körperlicher Eigenschaften diskriminiert, versklavt, vergewaltigt, gefoltert, ausgebeutet werden können, aber, einmal an der Macht, Teufel tun werden, irgendetwas zu tun, das sie an ihre Herkunft und an ihre Diskriminierung erinnert. Deshalb fördern Frauen in Führungspositionen nicht automatisch Frauen oder setzen in ihrem Unternehmen oder in ihrer Amtsdirektion automatisch die Chancengleichheit durch. Die Diskriminierung aufheben kann einfacher, wer sie nie am eigenen Leib erfahren hat.

Der Theaterautor des Absurden, «Eugène Ionesco» erklärte einmal: «Ich glaube, dass jede verzweifelte Botschaft eine Situation aufzeigt, aus der ein jeder selbständig einen Ausweg finden muss.» Ähnlich der berühmteste erste Satz aus der Weltliteratur zum Unglück von Menschen: «Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.» (Tolstoi Anna Karenina) Ehemals verzweifelte Menschen, und dieser sind Viele, die nicht eins zu eins ins Normkonzept der herrschenden weissen, unendlich reichen Männeroberschicht der US-Klasse (oder auch anderswo) gehören, suchen selbständig den Ausweg durch die existierenden Wände, die nicht wirklich nachgeben. Erinnern Sie sich noch an Condolezza Rice? Schwarz, aus dem tiefen Süden der USA stammend, eine der schlimmsten Aussenpolitik-Hardliner der USA? Oder an Aussenminister Colin Powell? Letzterer konnte immerhin nach seiner Amtszeit den «Irakkrieg» bereuen und erklärte im Oktober 2008, dass er zum ersten mal demokratisch und für Präsident Obama stimmen würde. Doch unter diesen drei einflussreichen afro-amerikanischen Figuren der US-Politik wurde Folter wieder eingeführt, Guantanamo erst eingerichtet und dann weitergeführt und Julian Assange und Edward Snowden werden vom schwarzen Präsidenten, der sein Amt nur mutigen Bürgerrechtskämpfern und Widerständlern verdankt, bis aufs Äusserste verfolgt.

Doch reden kann er. Obamas «Nigger» war kein Ausrutscher, sondern ein perfektes Theaterstück, um die Vorwürfe, die Präsident Obama wieder und wieder aus der Black Community und mit Fug und Recht hören muss, wenigstens rhetorisch aufzufangen. Die Medien spielten dabei perfekt mit. Sie kolportieren, dass Obama mit diesem Satz sogar die US-Politik verändert hätte.

Es gibt kein sprechenderes Zeichen dafür als die «N-Diskussion», um zu belegen, wie sehr die Sprache von Politikern und Medien inklusive deren Politik in den USA zur Farce verkommen ist. Das N-Wort darf man öffentlich nicht sagen, Menschen aber so behandeln, schon. Gerade unter einem schwarzen Präsidenten. Gerade wegen dem schwarzen Präsidenten.

Erst vor kurzem hat der Oberste Gerichtshof der USA unter der Leitung von John Roberts entscheidende Teile des Voting Rights Act von 1965 (!) zurückgenommen. Für diesen Act sind Menschen damals gestorben. Es ging darum, die lebensbedrohnenden Schikanen und Wahlbehinderungen für Schwarze endlich für illegal zu erklären und für immer zu verbieten. Dank dem Verdikt Roberts sind die rassistischen Südstaaten der USA wieder frei, genau dies zu tun. Das Hauptargument gegen den Voting Rights Act war, dass solche «Privilegien» in der sogenannt «post-racial Gesellschaft» nicht mehr notwendig seien. Mit anderen Worten: Ein Land, das von einem Schwarzen regiert werde, brauche keinen gesonderten Schutz für Minderheiten. Die Zurücknahme dieses Gesetzes, das Schwarzen ermöglichte, sich für die Wahlen zu registrieren, ohne mit Gewalt, bürokratischen Schikanen, unmöglichen Wahlzeiten etc. daran gehindert zu werden, ist Rassismus pur. Und ausgerechnet der erste schwarze Präsident war Anlass, diesen wieder salonfähig zu machen. Fiel Barack Obama dazu etwas ein? Gab er in irgendeinem Radio den «Nigger»? Äusserte er Entsetzen darüber, wie weit die US-Politik durch den US Supreme Court wieder ins Sklavenalter zurückgeschossen wird? Nein. Natürlich nicht. Da ist es einfacher, mal einen Wort-Tabubruch zu begehen und ein bisschen die Waffenlobby zu kritisieren. Das tut niemanden wirklich weh, beschäftigt die Medien und lässt die Mächtigen ruhig schlafen.

Falls Sie nun einwerfen, dass Barack Obama für den Supreme Court nichts könne, da dieser von George W. Bush auf weitere Jahrzehnte mit grässlichen Richtern auf Lebenszeit besetzt wurde, haben Sie institutionell sicher recht. Politisch wäre es für Barack Obama indessen ein leichtes gewesen, unter dem Vorwand, das Wahlrecht zu modernisieren (mit «digitalem Wandel» hätte er sogar Silicon Valley einbinden können), ein Gesetz einzubringen, das den Entscheid des Obersten Gerichtes obsolet machen würde. So wäre das Thema der rechtlichen Diskriminierung immerhin auf der Agenda geblieben.

Schön wäre auch gewesen, sich als erster «schwarzer» Präsident öffentlich zum Bundesgerichtsentscheid zu äussern. Falls Sie nun weiter einwerfen, Barack Obama könne doch nichts für die fehlenden Mehrheiten, die ihm die Wähler bescheren, möchte ich Sie daran erinnern, dass Obama den grössten Blankocheck der Geschichte erhielt als er 2008 mit einem herzbewegenden Wahlkampf ins Amt gespült wurde. Er hätte mit einem Bankengesetz nicht nur die USA, sondern die Welt verändert. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Er hatte die Jahrhundertchance und er hat sie - im vollen Bewusstsein und eiskaltem Machtkalkül, das sich immer wieder hinter der unendlich sympathischen Maske und Rhetorik versteckt - verspielt und sich für die weitere jahrzehntelange Unterdrückung der Menschen durch die Wall Street entschieden. Immerhin hat er aber dafür gesorgt, dass all die Krankheiten, die aus diesem Skandalon mitresultieren (Armut macht krank), rudimentär und staatlich versichert, behandelt werden (Ironiedetektor nicht vergessen).

Barack Obama darf nicht «Nigger» sagen. Nein. Er dürfte aber vor allem keine Politik befördern, die aus allen Entrechteten dieser Welt den «Nigger» macht.

Presserathinweis: Die diskriminierende Äusserung «Nigger» wurde hier immer in Anführungszeichen verwendet und der Begriff muss aufgrund der sachlichen und inhaltlichen Erörterungen wie eine Quelle, aber keine Wertung behandelt werden.

(Regula Stämpfli/news.ch)

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