Hintergrund zum Fall Niederbüren
Ein Artikel der Thurgauer Zeitung zu dem Scheunenfenster von Niederbüren
thurgauerzeitung.ch
Am harmlosen Ende der Fall «Niederbüren». In dem beschaulichen St. Galler Dörfchen kam es im letzten November zu drei Sachbeschädigungen: Die Scheibe einer Scheune wurde eingeschlagen, die Weihnachtsbeleuchtung beschädigt, ein Inselschutzpfosten zerstört. Ein ausserordentlicher Vorfall in dem 1400-Seelen-Dorf. Die 12- und 13-Jährigen Jugendlichen waren mit Hilfe der Bevölkerung und der Polizei aus dem benachbarten Uzwil schnell ermittelt, der Fall der Jugendstaatsanwaltschaft übergeben.
Dem Gemeindepräsidenten reichte dies nicht. Er veröffentlichte die Namen der Burschen im Mitteilungsblatt der Gemeinde und trat damit eine Lawine los. Während die einen den «mutigen Schritt», die schuldigen Kummerbuben blosszustellen, begrüssten, konnten die Eltern wesentlich weniger mit dem Vorgehen anfangen: Nicht nur, dass sie sich blossgestellt fühlten und sich auf einmal öffentlichen Angriffen ausgesetzt sahen. Auch diverse Medien stürzten sich auf den Fall und blähten die Sachbeschädigungen von wenigen Tausend Franken zu einem nationalen Thema auf, stellten den Familien nach und machten aus den Jugendlichen potenzielle Monster.
Dies alles wäre vermutlich nie so hoch gekocht worden, wären im kollektiven Bewusstsein der Öffentlichkeit nicht die Schläger von München präsent gewesen, die im letzten Juli einen traurigen Höhepunkt an Schweizer Jugendgewalt gesetzt hatten. Das Entsetzen und die Empörung über die Taten jener Teenager und auch die kollektive Scham über diese «Botschafter» der Schweiz im Ausland, hatten die Nation erschüttert und tun es immer noch.
Der Niederbürer Gemeindepräsident argumentierte denn auch, dass es ihm mit der Veröffentlichung der Namen darum gehe, «den Anfängen zu wehren» und er konnte auch davon ausgehen, einen verbalen Teil der öffentlichen Meinung hinter sich zu haben. Ebenso, dass sich kaum einer trauen würde, ihm öffentlich zu widersprechen. «Wehret den Anfängen!» - wer will denn schon für den nächsten Fall München verantwortlich sein?
Doch die Taten lassen sich fast nicht vergleichen. Sachbeschädigungen sind ärgerlich, lästig, dumm. Sie zeugen von einem Mangel an Reife und Verantwortungsbewusstsein. Aber eine angemessene Bestrafung wie Hausarrest und Abarbeiten des Schadens haben schon bei manchem zu einer bleibenden Einsicht geführt. Ein Zwölfjähriger ist durchaus noch lernfähig und gleichzeitig in einem Alter, wo sich Rebellion zum ersten Mal manifestiert. Es waren Dummheiten, aber ohne die Veröffentlichung der Namen und den nachfolgenden Trubel hätte sich ausserhalb von Niederbüren kaum ein Mensch um diese Angelegenheit geschert.
Eingeschlagene Fensterscheiben gab es auch schon in der Jugend des Autors... die Namen der Flegel wurden selbst damals nicht publiziert und vielfach war es das erste und letzte Mal, dass solche Kinder auffielen. Das öffentliche Anprangern befriedigt vielleicht das Rechtsempfinden von manchem, aber ob es mehr bringt, als die Familien unnötigen sozialem Druck und Ächtung auszusetzen, ist fraglich.
Die Schläger von München sind von anderer Qualität. Alle waren schon zuvor durch Gewalt gegen Menschen aufgefallen: Hausfriedensbruch, Körperverletzung, Faustschläge und Tritte. Es ist – auch wenn man leichthin die Differenz verwischen mag – ein riesiger Unterschied, ob Gewalt gegen Sachen oder gegen Menschen ausgeübt wird. Gewalttätern fehlt Mitgefühl für ihre Opfer, für deren Angehörige. Und das hört nicht mit der Tat auf. Dass die Anwälte mit der Taktik, die Schläger keine Aussage zur Tat oder keine Bekenntnisse des Bedauerns machen zu lassen, bei ihren Mandanten durchgekommen sind, wirft ein Schlaglicht auf deren Unfähigkeit zur Empathie. Das Schweigen der Schläger zeigt auf krasse Weise, dass sie scheinbar immer noch nicht in der Lage sind, die Schmerzen, das Leid und die Angst, die sie über ihre Opfer brachten, zu begreifen.
Wenn 12-jährige Lausbuben wie in Niederbüren auf dem Polizeiposten schweigen und alles abstreiten, dann kommt die Angst vor dem zum Ausdruck, was sie mit ihrer Blödheit über sich gebracht haben. Wenn jugendliche Beinahe-Mörder es nach einem halben Jahr noch nicht schaffen, ihre Reue und ihr Bedauern für eine schreckliche Tat auszudrücken, dann zeigen sie damit, dass dort, wo ihre Menschlichkeit sein sollte, scheinbar nichts als ein schwarzes Loch ist und sie noch für lange Zeit nichts in der Mitte der Gesellschaft zu suchen haben.
(von Patrik Etschmayer/news.ch)
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