'Das grosse Beben kommt noch'
publiziert: Montag, 18. Jul 2005 / 10:39 Uhr / aktualisiert: Montag, 18. Jul 2005 / 16:03 Uhr

Zürich - Joe Trippi machte im US-Wahlkampf 2004 mit einer Internetkampagne Howard Dean zum Spitzenkandidaten der Demokraten. Der Kampagnenführer mit news.ch im Gespräch.

Joe Trippi sagt, das Internet habe den Menschen wieder Authentizität gegeben.
Joe Trippi sagt, das Internet habe den Menschen wieder Authentizität gegeben.
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Trippi sitzt in einem Klassenzimmer der Fachhochschule Zürich und fummelt an seinem Mobiltelefon. Neben ihm stehen zwei volle 5dl Cola-Light-Flaschen. Er wird sie im Verlaufe des Gesprächs beide leeren.

Herr Trippi, sitzen Sie oft vor dem Fernseher?

Nein, nicht sehr oft. Ich bin viel unterwegs. Meist nehme ich mir die Sachen, die ich sehen will, mit meinem TiVo auf (ein digitales Video-Gerät, welches auf einem Laufwerk Sendungen speichert, Red.).

Was nehmen Sie auf?

Law und Order Serien. (Trippi nimmt einen Schluck aus der ersten Cola-Flasche). Kennt man die hier auch?

Als US-TV-Import, ja. - Politische Sendungen schauen Sie nie?

Nein, die sind doch langweilig. Da sagen die immer gleichen Leute immer dasselbe. Politiker haben eine eigene TV-Sprache entwickelt.

Im Internet ist das anders?

Ich denke ja. In Weblogs von Politikern erfährt man mehr über die Menschen. Ein Weblog ist greifbarer und Themen können vertiefter und übersichtlicher abgehandelt werden. Leser können reagieren, Fragen stellen. Es entsteht zwischen Wähler und Politiker eine Diskussion.

Sie sagten einmal: "Das Internet gibt uns das zurück, was uns das Fernsehen genommen hat."

Das Fernsehen hat uns die Authentizität genommen. Das Internet gibt sie uns wieder.

Machen Sie ein Beispiel.

Auf CNN sehe ich in acht Sekunden beispielsweise eine Frau, die sagt, wie schrecklich die Anschläge in London gewesen seien. In einem Weblog im Internet erfahre ich, dass die Frau kurz vor den Anschlägen ihre Kinder zur Schule brachte und dann nicht mehr zurück konnte, weil der Verkehr zusammen gebrochen war. Jetzt verstehe ich erst, wie schrecklich es für sie gewesen sein muss. Und: Wenn mir eine Frage auf den Lippen brennt, kann ich einfach im Weblog fragen. (Er leert die erste Petflasche)

Liegt der Erfolg des Fernsehens nicht gerade darin, dass es passiv konsumiert wird? Wollen die Menschen denn nach einem Tag im Büro wieder aktiv sein?

Unsere Demokratie basiert darauf, dass wir aktiv sind. Das Fernsehen macht uns zu unmündigen Bürgern. Wir können nur da sitzen und nicken. Im Internet gestalten wir mit und bewirken etwas. Der grosse Schritt ist dann, die Leute von ihren Bildschirmen weg- und zusammenzubringen.

Ihr Erfolg war, aus Howard Dean beinahe aus dem Nichts zu einem ernsthaften, demokratischen Kandidaten zu machen. Am Ende ging ihrer Kampagne aber der Atem aus. John Kerry setzte sich durch und trat gegen Bush an, warum?

Uns ging nicht die Puste aus. Das Internet, die vielen freiwilligen Spenden und das Netzwerk von 650 000 Dean-Anhängern liessen uns überhaupt soweit kommen.

Aber am Ende siegte Kerry.

Howard Dean - ich nicht ausgeschlossen, wir waren ein junges, unerfahrenes Team - machte viele Fehler. Schon im Juni in der Show "Meet the Press" (eine wichtige US-Polit-TV-Show, Red.) wussten wir, dass wir verloren hatten. Wer als US-Präsidentschaftskandidat nach 9/11 sagt, er verstehe von Aussenpolitik nichts und, dass er der erste "Gay-President" der USA werden will, hat einfach keine Chance. (Er macht die zweite Flasche Cola auf und nimmt einen Schluck)

Das Internet baute Dean also auf und das Fernsehen zerstörte ihn?

Heute sieht das vielleicht so aus. Das Wichtige aus der ganzen Dean-Geschichte ist aber, dass sich hier eine Veränderung anbahnt. Die Menschen haben genug davon, dass Wahlen von Grosskonzernen und einer politischen Elite bestimmt werden. Neue Technologien machen’s möglich, dass auch der "kleine Mann" die Politik mitgestalten kann.

Der nächste amerikanische Präsident wird also im Internet ermittelt?

Wir werden in den kommenden Jahren medial sehr grosse Veränderungen erleben. Was Napster mit der Musikindustrie machte, oder die Dean-Kampagne mit dem Polit-Establishment in den USA, das sind erste Vorbeben. Das grosse Beben kommt noch.

Joe Trippi befindet sich zur Vorstellung seines Buches "The revolution will not be televised" auf "Europa-Tournée".

(von Barnaby Skinner/news.ch)

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